Mexiko: Wirtschaftsboom im Drogenstaat
Mexiko versinkt im Drogenkrieg, fast 40.000 Menschen starben bereits. Die Gewalt trifft auch Unternehmen – doch die Wirtschaft brummt trotzdem.
© Alfredo Estrella/AFP/Getty Images

Ein Mann mit einer mexikanischen Fahne protestiert gegen die wachsende Gewalt im Land. Er war Teil eines viertägigen Schweigemarschs, der Anfang Mai stattfand.
Früher war Monterrey das Sinnbild des mexikanischen Traums. Die Stadt ist die Kapitale des Bundesstaates Nuevo León im Norden des Landes und ein wohlhabender Ort. Sie gehört zu den wichtigsten Industriestandorten in ganz Lateinamerika. Monterrey besitzt international renommierte Hochschulen, gut ausgebildete Arbeitnehmer und fortschrittlichere Forschungseinrichtungen als der Rest des Landes. Hier werden Bier, Glas, Stahl und Autoteile hergestellt, die Großbank Banorte unterhält hier ihren Hauptsitz, und der weltweit operierende Baustoffkonzern Cemex hat in Monterrey seine Wurzeln.
Einst galt die Stadt als einer der sichersten Orte Lateinamerikas. Die Lebensqualität war besonders hoch. Selbst nachts konnten die Einwohner ihre Haustüren offen lassen, und ihre Autos parkten sie unverschlossen entlang der Wohnstraßen. Vor zwei, drei Jahren aber kam der Drogenkrieg auch in die wohlhabenden Wohngegenden von Monterrey. Seit einigen Monaten eskaliert die Gewalt.
Die Wirtschaft in Monterrey brummt dennoch – wie in Mexiko insgesamt. Es ist paradox: Der Volkswirtschaft geht es gut, obwohl der Drogenkrieg immer brutaler wird.
Zehntausende sind ums Leben gekommen, seit Präsident Felipe Calderón den Drogenkartellen vor fünf Jahren den Krieg erklärte. Der Regierungschef hat 45.000 Soldaten und Polizisten auf die Straßen geschickt, zum Kampf gegen die organisierten Banden. Er beschwor nur noch mehr Brutalität herauf .
In den vergangenen Wochen wurden immer wieder neue Massengräber entdeckt. Die Reihe der Entführungen und Morde reißt nicht ab. Seit einiger Zeit ist es Taktik der Kartelle, ihre Verbrechen auf möglichst grausame Art zu begehen und die Opfer der Öffentlichkeit zu präsentieren. So verstärken sie die Atmosphäre der Angst.
Die wirtschaftliche Aktivität im Land scheint das kaum zu beeinträchtigen. Der jüngste Mexiko-Bericht der OECD zeichnet ein erstaunlich positives Bild: Zwar fiel das mexikanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch 2009 um sechs Prozent. Es war das Jahr, in dem die Finanzkrise den wichtigen US-Exportmarkt zusammenbrechen ließ. Am nördlichen Nachbarn hängt die mexikanische Wirtschaft wie an einem Tropf. Doch schon 2010 besserte sich die Lage im Norden, und das mexikanische BIP stieg um 5,5 Prozent. Für 2011 und 2012 prognostizieren die OECD-Ökonomen zwar etwas niedrigere, aber dennoch positive Wachstumsraten.
In ihrem Bericht haben sie einiges zu kritisieren: Sie erwähnen die hohe Arbeitslosigkeit im Land. Sie empfehlen dem Staat weiterhin striktes Sparen. Sie kritisieren die verkrusteten Märkte, das löchrige Steuersystem, das Betrügern zu viel Raum für kreative Buchführung eröffne und die Abhängigkeit des Landes von den Einnahmen aus dem staatlichen Erdöl. Sie fordern eine universelle Krankenversicherung, mehr Geld für die Armen, mehr Wettbewerb, ein besseres Bildungssystem und eine Politik, die den vielen Mexikanern, die sich mit informellen Jobs über Wasser halten, Wege in die wirtschaftliche Legalität eröffnet.
Über die wachsende Gewalt, die brutalen Morde und die allgemeine Unsicherheit verlieren sie kein Wort.
In Monterrey ist diese Unsicherheit deutlich zu spüren. Die Altstadt, früher ein quirliges Ausgehviertel, liegt heute nachts wie ausgestorben da. Wer es sich leisten kann, frequentiert die teureren Bars in besseren Gegenden. Die Mittelklasse besucht sich lieber gegenseitig zu Hause. Wer abends bei Freunden zu Gast ist, bleibt häufig gleich über Nacht. Das ist sicherer, als in der Dunkelheit nach Hause zu fahren. "Die Menschen haben Angst", sagt Manuel Harms, Manager bei einem großen deutschen Konzern in Monterrey. "Sie lassen ihre Kinder nachts nicht mehr auf die Straße, selbst wenn diese schon erwachsen sind."
Nachts kommt es immer wieder zu Schießereien. Menschen werden auf belebten Kreuzungen entführt, ohne dass Polizeikräfte zuhilfe kämen. Wer von Monterrey aus über die Grenze ins benachbarte Texas reisen muss und es sich leisten kann, nimmt das Flugzeug – die Straßen in der Grenzregion gehören den Drogenkartellen.
In Monterrey platzt gerade der mexikanische Traum von einer sicheren, lebenswerten Stadt. Doch die unternehmerischen Aktivitäten in der Region scheint das nicht zu beeinträchtigen. Im vergangenen Jahr seien zwei Milliarden Dollar an Direktinvestitionen nach Nuevo León geflossen, mehr als jemals sonst, teilt die Regierung des Bundesstaates mit. "Wir wachsen sehr dynamisch", sagt Celina Villarreal, die in der Behörde für die Anwerbung von ausländischem Kapital verantwortlich ist. Jeder Einwohner von Nuevo León erwirtschaftet statistisch gesehen mehr als 17.000 Dollar im Jahr. Das ist doppelt so viel wie im Rest Mexikos.
Zwar schicken manche der in Monterrey ansässigen Unternehmen ihre ausländischen Mitarbeiter nach Hause. Andere stellen ihnen Leibwächter zur Verfügung, aus Angst vor Entführungen. Und alle müssen ihre Transporte Richtung USA schützen: Die Drogenkartelle nutzen gerne Firmenlastwagen oder -lagerräume, um ihre Ware zu verteilen. Wird die illegale Fracht gefunden, kann das schärfere Grenzkontrollen zur Folge haben. Für die Firmen bedeutet das vor allem höhere Sicherheitskosten. Offenbar sind sie aber nicht so hoch, dass die Geschäfte durch sie unrentabel würden.




ein hausgemachtes Problem mit einer so einfachen Lösung. Aber lieber schütten diese Pyromanen noch ein bissel Öl ins Feuer.
Eine Verschwendung ist das. Eine Verschwendung von vielen Leben und noch mehr Geld.
...auch hierzulande geht die Wirtschaft über Leichen. Nur sieht man es ihnen nicht unmittelbar von heute auf morgen an...
Dieser Artikel verdeutlicht mal wieder auf eine überaus eindeutige Weise, dass das wirtschaftliche Wachstum nur ein sehr vager Faktor ist.
Aber unsere ökonomisierte Gesellschaft versteht es anscheinend nicht.
Eine eigenartige Erkenntnis, die hier impliziert wird. Ich weiß, dass die Regierung mit ihrem Krieg gegen die Kartelle in Mexiko einen schweren Stand hat, und Calderon (konservativ) nicht gerade zu den beliebtesten Politikern gehört. Trotzdem verstehe ich nicht, warum die Eskalation der Gewalt immer ihm angelastet wird. Was soll er denn machen, die Kartelle weiter ihre Geschäfte machen lassen? Vielleicht sind seine Mittel nicht die richtigen (die Polizei nimmt einen Boss aus dem Verkehr, 5 Nachwuchskriminelle stehen bereit), aber dann würde ich mir eine Berichterstattung wünschen, welche andere Möglichkeiten aufzeigt. Die Kartelle wie früher einfach machen zu lassen kann wohl keine Lösung sein, oder wer glaubt eine friedliche Koexistenz würde entstehen? Kein Staat der Welt kann das akzeptieren.
Bestattungsunternehmen profitieren von der schlimmen Situation
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