In der Debatte um einen raschen Atomausstieg schlagen die Stromnetzbetreiber Alarm und warnen die Bundesregierung vor einem Stromausfall im Winter. Um eine Stromlücke in Süddeutschland zu vermeiden, ziehen sie auch die Abschaltung bei Großkunden in Betracht, wie aus einer Analyse der vier Netzbetreiber hervorgeht. Zugleich machen sie so Druck auf die Regierung, zumindest einige Alt-Meiler nach dem Moratorium wieder ans Netz gehen zu lassen, besonders im Süden.

In Bayern preschte am Wochenende die CSU vor und legte sich auf einen Atomausstieg bis 2022 fest. Diesen Zeitraum von gut zehn Jahren nannte auch Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem Auftritt bei der CSU-Vorstandsklausur im Kloster Andechs richtig, ohne selbst bereits eine Jahreszahl zu nennen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) erklärte, man trage den Atomausstieg mit. Allerdings müssten dann die Klimaziele angepasst werden, sagte BDI-Chef Hans-Peter Keitel dem Tagesspiegel. In den kommenden Jahren werde dann mehr Kohle- und Gaskraft gebraucht, die viel Treibhausgase produziere.

Die Netzfirmen warnten, wenn nur die im Zuge des Atom-Moratoriums stillgelegten Alt-Meiler weiter vom Netz blieben, fehlten an kalten Wintertagen in Süddeutschland etwa 2000 Megawatt Leistung. "Eine eigenständige Versorgung der Kunden ist dann ernsthaft gefährdet." Ein Import aus Nachbarländern könne keinen verlässlichen Ausgleich mehr schaffen, wenn die Leistung im Umfang von zwei AKW-Blöcken nicht zusätzlich ans Netz komme. Offen blieb, woher diese kommen könnte, da kaum neue Kraftwerke im Süden vor der Betriebsbsaufnahme stehen. Alternativ käme als "ultima ratio eine Lasteinsenkung im gleichen Umfang (Abschaltung von Kunden) in Betracht", heißt es in der Analyse.

Die Analyse der Firmen basiert auf der Abschaltung von 8000 Megawatt Leistung, also etwa der Leistung, der im Moratorium stillgelegten sieben Altmeiler. Die Netzbetreiber gehen damit davon aus, dass selbst beim Betrieb von neun Reaktoren Stromausfälle drohen. Wegen Wartungsarbeiten laufen zur Zeit nur vier Meiler und Umweltminister Norbert Röttgen hat bereits angedeutet, dass die im Zuge des Moratoriums abgeschalteten Altmeiler nicht wieder ans Netz gehen könnten. Die gegenwärtige Lage mit nur vier betriebenen AKW wird als kritisch, aber noch beherrschbar eingestuft, da im Sommer weniger Strom verbraucht, mehr Sonnenstrom erzeugt und zugleich Energie importiert wird.

"Doch die deutschen Übertragungsnetzbetreiber sehen insbesondere mit Blick auf das Winterhalbjahr ihren Handlungsspielraum und die verfügbaren Werkzeuge zur Erhaltung der Systemstabilität weitgehend erschöpft", heißt es in dem Memorandum, der vier Netzfirmen Amprion, Tennet, 50hertz und EnBW-Netze. Im Winter steigt der Stromverbrauch in Deutschland drastisch an. In Süddeutschland ist er zudem wegen der zahlreichen Industriebetriebe besonders hoch. Umgekehrt ist die Windenergie dort kaum ausgebaut.

"Die damit verbundenen Risiken für die Systemsicherheit sind aus aktueller Sicht der Übertragungsnetzbetreiber nicht vertretbar", heißt es weiter. "Als Folge steigt das Risiko für großflächige Versorgungsausfälle." Zudem sehe man die Gefahr eines Spannungskollapses.