Eine Demonstrantin sitzt vor dem Parlamentsgebäude in Athen. © Angelos Tzortzinis/AFP/Getty Images

Vor einigen Jahren wurde mein Onkel Christos Zacharakis plötzlich krank. Durch eine offene Wunde hatte er sich eine Infektion zugezogen. So etwas muss schnell behandelt werden, damit der Patient nicht stirbt. Christos kam in ein Krankenhaus in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt des Landes. Doch anstatt dass die Wunde schnell untersucht wurde, blieb mein Onkel auf dem Gang liegen. Immer wieder hieß es, er sei gleich dran. Aber lange Zeit geschah nichts.

Erst als sein Bruder aus Deutschland ins Krankenhaus kam und dem behandelnden Arzt einen Umschlag mit 300 Euro zusteckte, wurde mein Onkel untersucht. Er starb wenige Tage später. Es konnte nie nachgewiesen werden, ob ihm eine schnellere Behandlung geholfen hätte. Wir waren trotzdem erschüttert von der furchtbaren Gleichgültigkeit der Ärzte.

Diese Geschichte mag schwer zu glauben sein, zumal sie sich in einem Land der Europäischen Union ereignet hat. Doch sie erklärt sehr gut, warum die Menschen in Griechenland, vor allem die einfache Bevölkerung auf dem Land, die Bauern, Arbeiter und Angestellten nicht bereit sind, weitere harte Sparmaßnahmen der Regierung zu tragen. Mein Onkel Christos hatte sein Leben lang auf den steinigen Äckern im Norden Griechenlands gearbeitet, Tabakblätter mit seinen Händen gepflückt, die Ernte mit einem Esel von den Bergen in unser Dorf gebracht. Als er mit Mitte 60 zu alt war für diese Arbeit, lebte er von der staatlichen Rente für Landwirte – etwa 350 Euro im Monat.

Die Griechen fühlen sich betrogen von den Eliten des Landes, die am stärksten von dem weitverbreiteten System der Korruption profitiert haben. Ganz am Ende dieser Nahrungskette standen immer die einfachen Leute, die für Arztbesuche, für Behördengänge, dafür, dass ihre Angelegenheiten überhaupt erledigt wurden, in das korrupte System einzahlen mussten, auch wenn es sich oft um geringe Beträge handelte. Profitiert haben davon Beamte, Ärzte, Notare, Anwälte, die dieses Geld nahmen und davon Ferienhäuser und Autos kauften.

Betrogen fühlen sich die Bürger auch von der politischen Klasse des Landes, von ihrem Premierminister Giorgos Papandreou, der zwar versprochen hat, den großen Steuersündern an den Kragen zu gehen und das System der Vetternwirtschaft zu beenden. Gemerkt aber hat die Bevölkerung davon bisher nichts, denn die Lasten der Krise müssen vor allem die einfachen Leute tragen.

In zwei Schritten hat Papandreou die Mehrwertsteuer von 19 auf 23 Prozent erhöht. Der Benzinpreis hat sich seit Beginn der Krise mehr als verdoppelt und liegt jetzt bei 1,80 Euro pro Liter. Die staatlichen Renten wurden gekürzt, worunter gerade die ländliche Bevölkerung leidet, überwiegend ehemalige Bauern, die mit wenigen Hundert Euro im Monat auskommen müssen. 

Galgenhumor und totale Resignation

In dieser Misere fragt das Volk: Was haben wir verbrochen, dass wir dafür bluten müssen?  Mein Freund Kostas Saralis, 29 Jahre alt, ist seit etwa fünf Jahren Angestellter in einer privaten Werkstatt, die Autos auf Fahrtüchtigkeit prüft, vergleichbar mit dem deutschen Tüv. Er kann sich glücklich schätzen, überhaupt eine feste Arbeit zu haben, die meisten anderen Freunde haben trotz Studium oder guter Ausbildung keine. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Griechenland derzeit bei nahezu 50 Prozent.

"Es herrscht eine Art Galgenhumor gemischt mit totaler Resignation", sagt Kostas. "Am Anfang der Krise haben viele und auch ich Hoffnung in die Regierung Papandreou gesetzt." Jetzt aber gebe es bei den etablierten Parteien weder links noch rechts eine Alternative , keine politische Perspektive, nur ein großes Nichts. Die Lebenssituation vieler junger Griechen sei derzeit trostlos. "Den meisten von uns bleibt nur übrig, bei der Familie zu wohnen und das Haus nicht zu verlassen, weil man sich ohnehin nichts leisten kann", sagt Kostas. Die Wirtschaft könne so kaum stimuliert werden.

Das Sparprogramm der Regierung ist hart. Um 12,1 Milliarden Euro oder fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts hat Premier Papandreou im vergangenen Jahr das Haushaltsdefizit gedrückt. In Deutschland entspräche das 122 Milliarden Euro, also mehr als einem Drittel des Bundeshaushalts für das Jahr 2011. "Viele Griechen empfinden es als eine Schande, am Tropf der EU und des Internationalen Währungsfonds zu hängen", sagt Kostas. "Wir wollen das gar nicht, wir sind aber gefangen im System Euro."

Schlimmer aber noch ist, was die Menschen in Deutschland und Europa nun über uns Griechen denken: Sie waren doch schon immer faul. Die haben sich ein schönes Leben gemacht, jetzt muss Europa dafür bezahlen. Dieser Vorwurf zerrüttet das Selbstwertgefühl einer ganzen Nation. Besonders ärgert es die große Mehrheit der Griechen, die eben nicht den ganzen Tag unter schattigen Olivenbäumen döst und Ouzo trinkt. Der Vorwurf empört alle, die hart dafür arbeiten müssen, sich Arztbesuche oder einfache Behördenvorgänge leisten zu können, weil sie eben nicht Empfänger von Bestechungsgeldern sind, sondern für jede Kleinigkeit zahlen müssen.

Diese Menschen wünschen sich nichts mehr als ein neues, ein gerechtes Griechenland. Sie hatten früher nicht die Macht, das korrupte System zu verändern, weil es alle Bereiche des Lebens durchdrang. Weil bis in die Spitzen der Politik dieses System verwurzelt war und von allen Parteien immer wieder nur versprochen wurde, die Zustände zu verbessern. Den Menschen blieb keine Wahl, als diese Last zu tragen. Insofern sehen die Griechen jetzt eine echte Chance für einen Wandel. Doch eine über Jahrzehnte geprägte Gesellschaft lässt sich nicht in einem Jahr von Grund auf neu erfinden. Wir brauchen noch etwas mehr Zeit.