6.30 Uhr, der Wecker klingelt: Yvonne Shields steht auf, schaut auf ihren Kalender und überlegt, wie viele Stunden sie heute bei der Broadway Community Incorporated (BCI) arbeiten wird. Das BCI ist eine Hilfsorganisation für Bedürftige. Yvonne hat dort in der Suppenküche einen Job. Offiziell arbeitet sie 18 Stunden pro Woche, oft sind es jedoch viel mehr. Dennoch reicht Yvonnes Lohn nicht zum Überleben in einer Stadt, in der die durchschnittliche Monatsmiete bei über 2.000 Dollar liegt. Selbst ein Vollzeitjob wäre nicht genug, sagt sie. "Allein die Bahnkarte zur Arbeit kostet schon über 100 Dollar im Monat."

Ihr Haushaltseinkommen für zwei Personen liegt unter 1.579 Dollar Brutto pro Monat. Deshalb bekommt sie wie mehr als 1,7 Millionen andere New Yorker food stamps vom Staat: Gutscheine, die sie in bestimmten Läden gegen Lebensmittel und andere Waren eintauschen kann. Landesweit erhält inzwischen jeder achte Amerikaner solche Lebensmittelmarken. Yvonne ist dankbar für die Hilfe, aber verärgert über die Umstände, die sie nötig machen. "Das ist doch verrückt: Ich setze mich voll ein, und verdiene nicht einmal genug, um meine Familie zu versorgen", sagt sie.

7.15 Uhr, Frühstück: An guten Tagen macht ihre Tochter Frühstück, bevor sie selbst zur Arbeit geht, meist gibt es Rührei oder etwas von dem, was Yvonne am Tag zuvor aus der Suppenküche mitgebracht hat. Sie war nicht immer auf die Mildtätigkeit anderer angewiesen. 15 Jahre lang arbeitete sie als Erziehungsberaterin bei Childcare Inc., einer gemeinnützigen Krippe. Ihr Gehalt war nicht üppig, aber sie kam über die Runden.

Die Stelle wurde 1999 gestrichen. Yvonne hatte 27 Wochen Anspruch auf Arbeitslosenhilfe, doch das Geld reichte nicht. Ein finanzielles Polster hatte sie nicht. "Ich war mit meinem Gehalt nicht in der Lage gewesen, mir etwas anzusparen", sagt sie. Die unbezahlten Rechnungen häuften sich, die Kreditkartenschulden wuchsen. Knapp ein Jahr später wurde sie obdachlos, zusammen mit ihrer damals 19-jährigen Tochter.

Die Erinnerung ist noch immer frisch: "Innerhalb von zwei Tagen mussten wir die Wohnung verlassen, in der ich dreißig Jahre gelebt hatte." Ihre Bank – JP Morgan Chase – schloss ihr Konto. "Wir standen mit unserem Hab und Gut, drei Einkaufswagen voller Sachen und einer Katze auf der Straße. Es war mir furchtbar peinlich vor meiner Tochter", sagt Yvonne.

8.00 Uhr, auf zur Suppenküche: Yvonne macht sich auf den Weg zum Bus. Sie könnte auch einen Zug nehmen, das wäre schneller, doch der Eingang zur Metro hat keinen Fahrstuhl, und Treppensteigen ist schlecht für ihre kranke Hüfte.

9.30 Uhr, Arbeiten zum Mindestlohn: Die Suppenküche wird von der Presbyterianischen Kirche auf der 114th Street in Harlem betrieben. Als Yvonne ankommt, wird gerade die Essensausgabe für das Frühstück vorbereitet. Als Yvonne ihre feste Stelle verlor und auf der Straße landete, beschloss sie, sich zur Köchin umschulen zu lassen. Ihre erste Position nach sechs Monaten, finanziert über öffentliche Gelder, war ausgerechnet eine Stelle in der Konzernküche von JP Morgan Chase. Der Bank, die ihr das Konto kündigte, als sie in Not geraten war.

Über die Jahre arbeitete sie in den unterschiedlichsten Jobs: als Reinigungskraft, als Fahrerin von Mietwagenfirmen, als Haushälterin, als Fotografin, als Masseurin, als Hilfskraft der Aufklärungsprogramme zur Sozialhilfe. Sie erhielt immer den gesetzlichen Mindestlohn, der in New York mit 7,25 Dollar pro Stunde einer der höchsten im ganzen Land ist. Zum Leben reicht das aber nicht. Wenn sie kann, verkauft Yvonne ihren selbstgebackenen Karotten- und Süsskartoffelkuchen, um eine paar zusätzliche Dollars einzunehmen.