Nach und nach werden Einzelheiten der Energiewende bekannt, von der die Regierung zunächst nur die Eckpunkte veröffentlicht hatte. Markanteste Auswirkung des bisher bekannten Plans: Der Atomausstieg wird nicht stufenweise, sondern eher schlagartig erfolgen. Das bewirken die den Kraftwerken zugebilligten Restlaufzeiten. Die Betreiber dürfen sie von den – durch das Atom-Moratorium abgeschalteten – älteren Meilern auf jüngere übertragen oder an andere Konzerne verkaufen.

Grundlage für den vorgesehenen Ausstiegsbeschluss ist eine Laufzeit von 32 Betriebsjahren – nicht Kalenderjahren – pro Atomkraftwerk. Danach gilt die Abschaltung als möglich, ohne dass der Staat Schadensersatz zahlen müsste. "Der gewählte Zeitraum der Befristung spiegelt dabei – auch unter Beachtung von Artikel 14 des Grundgesetzes – den energiepolitisch frühesten Zeitpunkt wider, zu dem es aus heutiger Sicht möglich ist, auf die entsprechenden Kernkraftwerkskapazitäten zu verzichten", heißt es im Entwurf des neuen Atomgesetzes.

Für die sieben ältesten Atommeiler Biblis A und B, Neckarwestheim-1, Brunsbüttel, Isar-1, Unterweser und Philippsburg-1, die allesamt bereits durch das Atom-Moratorium des Bundes abgeschaltet wurden, sowie den Pannenreaktor Krümmel sollen dem Entwurf zufolge unmittelbar nach Inkrafttreten der Atomgesetz-Novelle die Betriebsgenehmigungen auslaufen. 

 
Eigentlich aber dürften auch diese Altmeiler – also mit Betriebsbeginn vor 1981 – noch ein oder zwei Jahre Strom liefern, da wegen Wartungen oder Pannen ihre zugestandene Strommenge noch nicht produziert ist. Denn im Gesetzentwurf bleiben "die bestehenden Möglichkeiten zur Strommengenübertragung unberührt".

Sechs Standorte können nach derzeitigem Stand bis Ende 2021 einen Volllastbetrieb fahren, zumindest theoretisch: Grafenrheinfeld, Gundremmingen B, Philippsburg-2, Grohnde, Gundremmingen C und Brokdorf. Ein Jahr später sollen demnach die Meiler Isar-2, Emsland und Neckarwestheim-2 vom Netz gehen.

Tatsächlich aber dürften die Strommengen, die durch die Restlaufzeiten möglich sind, keinesfalls ausgenutzt werden. Der Grund: Die Menge der aus erneuerbaren Quellen eingespeisten Energie steigt. Die Koalition will Ende 2022 aber alle Reststrommengen verfallen lassen, die nicht verbraucht sind. Das gilt in der Branche als Ansatzpunkt für Klagen.

Ein Sonderfall stellt der 2007 nach zahlreichen Pannen abgeschaltete Reaktor Krümmel dar: Er ging erst 1984 ans Netz und gehört so zu den moderneren Kraftwerken. Da er anders als die übrigen neueren AKW ebenfalls nicht mehr laufen soll, stellt sich die Frage nach der Rechtsgrundlage besonders: In Koalitionskreisen wird bereits vermutet, man brauche hier eine eigene Regelung, eine "Lex Krümmel". Im Entwurf des Atomgesetzes findet sich dafür kein Hinweis, Krümmel wird bei den Altreaktoren mit aufgeführt.

Dazu kommt der Ärger der Konzerne, dass die Kernbrennstoffsteuer trotz Aufhebung der Laufzeitverlängerung weiter erhoben wird. E.on hat bereits eine Klage angekündigt. Zudem verlangt der Konzern Entschädigungen in Milliardenhöhe für Investitionen, die man im Vertrauen auf die Laufzeitverlängerung geplant habe.

Auch Wissenschaftler des Öko-Instituts haben in einer Kurzanalyse die Pläne der Bundesregierung kritisiert. Danach ergebe sich ab diesem Jahr eine AKW-Betriebszeit, die "um knapp 60 Prozent über der ursprünglichen Intention des Ausstiegsvorhabens" der früheren rot-grünen Regierung liege, heißt es in der Untersuchung. Zurückzuführen sei dies unter anderem auf die "ausgehandelte Erhöhung der Betriebszeit von 30 auf 32 Jahre", schreiben die Experten.

Im Ergebnis müssten 2020 innerhalb von nur 12 Monaten fast alle länger betriebenen Anlagen vom Netz gehen. "Dies würde mit hoher Wahrscheinlichkeit erhebliche energiewirtschaftliche und netztechnische Probleme mit sich bringen und das endgültige Ausstiegsdatum 2021 gefährden", konstatieren die Forscher in ihrem Bericht.

Der Gesetzentwurf sieht außerdem eine Regelung für die umstrittene Kaltreserve vor. Demnach soll die Bundesnetzagentur bis zum 1. September 2011 bestimmen können, dass eines der acht bereits abgeschalteten AKW "bis zum Ablauf des 31. März 2013 in einem betriebsfähigen Zustand zur Erzeugung von Elektrizität zu halten ist". Mit dem Standby-Betrieb will die Regierung mögliche Stromengpässe vor allem im Winter abfedern.