Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy im vergangenen Oktober in Deauville. © Franck Fife/AFP/Getty Images

Im Geschacher um die Hilfen für Griechenland wird es oft vergessen: Die Europäische Union ist eine großartige Sache, trotz ihrer Mängel und Gebrechen. Die überbordende Brüsseler Bürokratie? Mangelnde demokratische Legitimität? Zu viel Freiheit fürs Kapital, zu wenig Schutz für Arbeitnehmer? Ja, all das muss verbessert werden – aber am Ende muss mehr Europa stehen und nicht weniger. Wir haben es der Integration Europas zu verdanken, dass uns Frieden, Wohlstand und Freizügigkeit so selbstverständlich sind wie nie zuvor in der Geschichte.

Dafür sollten wir uns einsetzen. Stattdessen sind wir gerade dabei, den Karren an die Wand zu fahren. Seit einem Jahr wurschteln sich Europas führende Politiker durch die Euro-Krise, und die Lage wird stetig schlimmer. An diesem Freitag treffen sich Bundeskanzlerin Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy. Sie sollen die Lösung im Streit um das nächste Rettungspaket für die Griechen vorgeben. 

Dabei haben gerade die Deutschen bislang keine ruhmreiche Rolle in der Krisenbewältigung gespielt. Zuerst lehnten sie Hilfe für Griechenland ab; dann stimmten sie zu, dann griff die Bundeskanzlerin zur Populismus-Keule. Alles mit dem Ziel, den Wähler zu beruhigen. Ihm soll vermittelt werden, dass die schludernden, faulen Griechen keinen Cent mehr erhalten als unbedingt nötig.

Dabei ist klar, dass Merkels Botschaft falsch ist. Es stimmt, die Griechen müssen etwas gegen Steuerhinterziehung und Patronage tun, und sie müssen ihre Wirtschaft auf Vordermann bringen. Aber würde in Deutschland so hart gekürzt wie derzeit in Griechenland, würden auch die Deutschen dagegen demonstrieren . Und im Moment leiden vor allem die abhängig Beschäftigten unter den Sparbedingungen von EU und Währungsfonds – also die kleinen Leute, nicht die großen Steuerhinterzieher.

Man hat das Gefeilsche darüber, wer wem wie sehr helfen sollte und ob sich der vermeintlich faule Süden (lese: Griechenland) am Ende doch nur auf Kosten des fleißigen Nordens (lese: Deutschland) sanieren will, satt. Die Griechen haben engagierte Hilfe verdient – und mehr Mut wäre auch im deutschen Interesse. Wir sind abhängig von den Südeuropäern. Weil sie unsere Exportgüter kaufen, weil wir mit ihnen in einer Währungsunion stecken, und weil der deutsche Steuerzahler ohnehin einen Teil der griechischen Verluste wird tragen müssen, ganz egal, wie die Sache ausgeht.

Deshalb wäre es jetzt an der Zeit, Europa zu stärken, statt es stetig zu schwächen. Durch mehr Solidarität und eine bessere Koordination innerhalb der europäischen Institutionen . Beides würde künftigen Krisen vorbeugen. Der scheidende Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, hat jüngst einen Vorstoß dazu gemacht. In Deutschland stieß er auf Ablehnung.

Aber wann, wenn nicht jetzt, sollen wir den Schritt zu einer tieferen Integration wagen? Angela Merkel hat den Wählern und ihrem Koalitionspartner FDP einen heftigen Schwenk in der Energiepolitik zugemutet. Eine ebenso klare Wende in der Europapolitik wäre innenpolitisch vielleicht riskant. Aber Europa hätte eine mutigere Kanzlerin verdient.