ZEIT ONLINE: Herr Brücker, manche Ökonomen halten den Fachkräftemangel für eine "Fata Morgana", andere für ein ernstes Problem. Was stimmt denn nun?

Herbert Brücker: Die meisten Studien, die einen Mangel an Fachkräften voraussagen, sind wenig fundiert . Zumindest dann, wenn damit ein dauerhafter Überschuss der Arbeitsnachfrage über das Angebot gemeint ist. Wenn ein Forschungsinstitut wie Prognos behauptet, Deutschland würde in den kommenden Dekaden Millionen Spezialisten fehlen, dann steckt dahinter einfach schlechte Ökonomie.

ZEIT ONLINE: Was ist falsch an diesen Studien?

Brücker: Die Zahlen beruhen zwar auf einer richtigen Annahme: Das Angebot an Arbeitskräften wird in den kommenden Jahren durch den demografischen Wandel dramatisch sinken, sofern es keine Zuwanderung gibt. Daran besteht kein Zweifel. Der Trugschluss ist jedoch, dass die Studien unterstellen, alles andere bleibe gleich. Das Gegenteil stimmt: In einer Marktwirtschaft passen sich Märkte an. Das sind hochkomplexe Vorgänge.

ZEIT ONLINE: Es gibt also keinen Fachkräftemangel?

Brücker: Man muss kurzfristige Engpässe und langfristige Entwicklungen unterscheiden. Im aktuellen Aufschwung beobachten wir, dass es in einigen Branchen und Regionen schwierig ist, offene Stellen zu besetzen . Vor allem in den Gesundheitsberufen und in einigen Ingenieursberufen suchen die Unternehmen oft vergeblich. Betrachtet man das ganze Land, sehen wir aber nur in wenigen Berufen mehr offene Stellen als Arbeitslose. Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit existieren also gleichzeitig. Das ist allerdings immer so – im Aufschwung wird das Phänomen nur besonders sichtbar. Ein langfristiger Fachkräftemangel ist etwas ganz anderes. Es wird allgemein unterstellt, dass wir auf Dauer eine höhere Nachfrage nach Fachkräften haben als uns zur Verfügung stehen. Das ist unrealistisch.

ZEIT ONLINE: Also doch eine "Fata Morgana".

Brücker: Der Begriff "Fachkräftemangel" ist einfach falsch. Ihm liegt ein planwirtschaftlicher Gedanke zugrunde: Das Arbeitsangebot sinkt, alles andere bleibt gleich, also entsteht eine Lücke. In Wahrheit werden sich alle anderen Märkte anpassen. Dort entstehen die eigentlichen Probleme.

ZEIT ONLINE: Welche sind das?

Brücker: Wenn die Zahl der Arbeitskräfte sinkt und der Realzins gleich bleibt, wird sich der Kapitalstock zwangsläufig anpassen. Dafür gibt es starke empirische Belege. Das wahrscheinliche Szenario sieht so aus: Es wird weniger im Inland investiert werden, Kapital wird zunehmend ins Ausland fließen. Der Kapitalstock schrumpft – und mit ihm die gesamte Volkswirtschaft.

ZEIT ONLINE: Ein beunruhigendes Szenario.