ZEIT ONLINE: Die Agrarminister der G 20 beraten in Paris über die steigenden und volatilen Nahrungsmittelpreise . Sind sie im Kampf gegen den Hunger auf einem guten Weg?

Roman Herre: Ich habe da ganz grundsätzliche Bedenken. Die G 20 sind ein elitärer Kreis mit globalem Einfluss. In den Beratungen der G 20 spielt überhaupt keine Rolle, ob die Betroffenen mit den diskutierten Vorschlägen einverstanden sind. Die Armen dürfen nicht mitsprechen, das Verfahren ist undemokratisch.

ZEIT ONLINE: Die Reichen machen Politik für die Armen, ohne nach deren Bedürfnissen zu fragen?

Herre: Genau. Die Reichen bestimmen, die Armen müssen es hinnehmen. Besser kann man es nicht sagen. Deshalb wäre es wichtig, die globale Steuerung der Agrarmärkte nicht den G 20 zu überlassen, sondern dem Komitee für Welternährung der Vereinten Nationen . Das wäre das passende Forum. Das Komitee verfügt über demokratische Verfahren, die garantieren, dass die Entwicklungsländer mitreden können. Es repräsentiert die gesamte Weltgesellschaft, nicht nur die Elite.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Inhalten? Diskutieren die G-20-Regierungen wenigstens über das Richtige?

Herre: Nein, die wirklichen Probleme packen sie gar nicht an. Zum Beispiel das Problem des Land Grabbing . In dem Aktionsplan, den die Agrarminister verabschieden wollen, ist unglaublich viel von mehr Investitionen und freiem Handel die Rede. Wie problematisch eine solche Politik insbesondere für die Ärmsten sein kann, wird überhaupt nicht thematisiert.

ZEIT ONLINE: Aber Investitionen sind doch nicht per se schlecht . Sie können helfen, die Produktivität der Landwirtschaft zu steigern. Kommt es nicht darauf an, worin man investiert?

Herre: Ja, aber von welchen Investitionen sprechen wir? Den G 20 geht es um Investitionen in großflächige industrielle Produktion. Dabei belegen viele Studien, dass diese Investitionen fast nie einen positiven Effekt für die lokale Bevölkerung haben. Man muss sich entscheiden: Fließt das Geld in große Überseehäfen oder in kleine Regionalstraßen, die Bauerndörfer mit lokalen Märkten verbinden? Private Investoren stecken ihr Kapital eher in große, exportorientierte Projekte. Öffentliche Gelder könnten andere Prioritäten setzen. Ich glaube nicht, dass die öffentlichen Kassen so leer sind, wie immer behauptet wird. Das Geld ist da. Es ist eine politische Entscheidung, wofür man es ausgibt.

ZEIT ONLINE: Privatinvestoren mögen exportorientierte Projekte vorantreiben. Dennoch können sie Arbeitsplätze bringen, wenn die Voraussetzungen stimmen.