US-Gewerkschaften "Es geht ums nackte Überleben"

Die Politik vertritt nur noch die Interessen der Wirtschaft, sagt US-Gewerkschafter Casey. Im Interview erzählt er, warum die Arbeiterbewegung in den USA so schwach ist.

ZEIT ONLINE: Herr Casey, gibt es einen Zusammenhang zwischen der schwindenden Mittelschicht in den USA und der Machterosion der Gewerkschaften?

Leo Casey: Ja. Seit die Globalisierung in den siebziger Jahren richtig an Fahrt gewonnen hat, ist die Basis der großen Industriegewerkschaften in den USA komplett ausgehöhlt worden. Die aggressivsten und mächtigsten Gewerkschaften wie die Auto Workers Union in der Autoindustrie und die Steelworkers Union, die Gewerkschaft der Stahlarbeiter, sind extrem dezimiert und geschwächt worden.

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Das hat dazu geführt, dass die einzigen Gewerkschaften, die noch Einfluss haben, die Organisationen der öffentlichen Angestellten sind. Sie sind auch das Rückgrat der politischen Arbeit. Sie stellten etwa die meisten der Freiwilligen, die Obamas Wahlkampf vor Ort führten.

ZEIT ONLINE: Was hat konkret zum Niedergang der Industriegewerkschaften geführt?

Leo Casey

Er ist Vizepräsident der Lehrergewerkschaft United Federation of Teachers in New York. Die UFT gehört zur zweitgrößten Lehrergewerkschaft der USA mit 1,5 Millionen Mitgliedern und eine der letzten einflussreichen nationale Arbeitnehmerorganisationen im Land.

Casey: Seit Mitte der siebziger Jahre sind die Gewerkschaften in der Defensive. Mit der Möglichkeit, Jobs etwa nach China und andere Billiglohnländer abzuziehen, verloren die Gewerkschaften ihren Hebel, Löhne und Arbeitsbedingungen auszuhandeln. Das ist ein weltweiter Trend – schauen Sie doch nach Kanada, England, Australien. Nur in Skandinavien, wo der Organisationsgrad mit über 90 Prozent noch sehr hoch ist, gibt es den Abwärtstrend nicht.

ZEIT ONLINE: Einen derart hohen Mitgliederschwund wie in den USA gibt es in den meisten anderen Ländern jedoch nicht.

Casey: Ein Grund für diese Entwicklung ist sicher der Aufstieg von Wal-Mart in den siebziger Jahren. Der Einzelhandelskoloss löste in den USA nach und nach die früheren führenden Arbeitgeber wie General Motors und Ford ab, die bis dahin die Standards gesetzt haben. Sie wurden ersetzt durch ein Unternehmen, das an Gewerkschaftsfeindlichkeit kaum zu überbieten ist. Gleichzeitig verkauft Wal-Mart im ganzen Land Massenware Made in China. Außerdem spielte in den USA die Rassenfrage eine große Rolle, das hat die Organisation der Arbeitnehmer zusätzlich erschwert.

ZEIT ONLINE: Die Gewerkschaften werden derzeit scharf kritisiert, weil sie nach Ansicht von Kritikern mit ihren Forderungen die angeschlagenen staatlichen Haushalte überfordern.

Casey: Es gibt eine konzertierte Aktion der Republikaner am rechten Rand und von Unternehmerseite, nun auch die Macht der Gewerkschaften der öffentlichen Angestellten zu brechen. Sie haben seit dem Aufstieg der Tea Party bei den Kongresswahlen im November an Stärke gewonnen. Sollten sie Erfolg haben, dann könnte die amerikanische Arbeiterbewegung als Ganzes für Generationen zerschlagen werden. Man müsste sie komplett neu aufbauen. Besonders die Lehrergewerkschaften sind im Visier der Republikaner.

ZEIT ONLINE: Warum das?

Casey: Lehrer werden richtiggehend verteufelt. Wir werden für alle sozialen Missstände verantwortlich gemacht und sollen gleichzeitig Wunder wirken und helfen, die gesellschaftlichen Unterschiede zu überwinden. In den USA leben über 20 Prozent der Kinder in Armut, in Finnland sind es unter fünf Prozent. Auch deshalb schneiden die USA in den Pisa-Studien so schlecht ab. Die Lehrer sollen nun die daraus entstehenden Probleme lösen. Aber wie sollen sie das machen, wenn die Armut nicht politisch bekämpft wird? 

Leser-Kommentare
  1. Es geht für die ganze amerikanische Gesellschaft ums nackte Überleben.

    Der Traum ist aus. Oder zumindest nach China verkauft.

  2. ...es auch nicht viel besser!

    Der "DGB" ist auch zu einem "Jasager und Allesabnicker" geworden.

    Sozialpartnerschaft? - so ein Blödsinn!

    11 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bei einem fünfstelligen Monatsgehaltes der deutschen Gewerkschaftsbosse brennt der "Arbeiterkampf" eben nicht mehr so sehr unter den Nägeln...

    http://www.spiegel.de/wir...

    Bei einem fünfstelligen Monatsgehaltes der deutschen Gewerkschaftsbosse brennt der "Arbeiterkampf" eben nicht mehr so sehr unter den Nägeln...

    http://www.spiegel.de/wir...

  3. Wenn die Waren mehr Reiserechte haben als die Menschen, ziehen die Menschen natürlich den Kürzeren.

    Das apolitische Fußballbeispiel: Was die Chancengleichheit angeht, ist das so, als dürfte eine Mannschaft nur in der eigenen Spielhälfte spielen.

    Diejenigen, die für ihre Waren nach Handelserleichterungen streben, haben ein regelrechtes Interesse, dass die Rechte der Arbeiter nicht in gleicher Weise ausgeweitet werden. Hier ein Beispiel aus China.

    • Harzer
    • 06.06.2011 um 17:46 Uhr

    "Der Faschismus ist die Verschmelzung von Großkapital und Staat."

    http://www.uni-protokolle...

  4. Es ist in Deutschland eine ähnliche Kultur auf dem Vormarsch. Anstatt sich dagegen zu organisieren dass die Reallöhne stagnieren oder sinken, wird auf diejenigen geschimpft die es noch nicht erwischt hat oder denen es eh schlechter geht:

    Die etablierten Arbeitnehmer schimpfen auf die Niedriglöhner, die Niedriglöhner schimpfen auf die Hartz-IVer... Auch die Chinesen würden gerne mehr verdienen, aber die werden eben niedergeknppelt wenn sie mucken - und die hier so misstrauisch beäugten Arbeitnehmer in Polen werden unter Druck gesetzt mit dem Verweis auf die billigeren Arbeitskräfte in der Ukraine.

    Wir lassen uns ale viel zu sehr von "Der Wirtschaft" beeindrucken und vergackeiern. Es gibt nicht "Die Wirtschaft" die heilig und um ihrer selbst willen erhaltenswert ist. Es gibt nur viele egoistische Sichtweisen und eine ganze Menge viel zu reicher Menschen die sich in Sphären verabschiedet haben in denen Geld "arbeitet" und die sich Mitgefühl und Moral für ihre eigenen Familien aufheben.

  5. ...sie braucht?

    Hätte man nicht bei H4, Krieg, Leiharbeit, Ausbeutung, Sozialabbau, usw. Flagge zeigen können!? - Nein!

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/wg

    Eine Leser-Empfehlung
    • jon777
    • 06.06.2011 um 19:03 Uhr

    der zum Nachdenken anregt.
    Vielleicht kommen den Schröderianern hier auch Bedenken in Anbetracht ihrer Politik ?

  6. Bei einem fünfstelligen Monatsgehaltes der deutschen Gewerkschaftsbosse brennt der "Arbeiterkampf" eben nicht mehr so sehr unter den Nägeln...

    http://www.spiegel.de/wir...

    Eine Leser-Empfehlung

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