Der ehemalige Bundesaußenminister Klaus Kinkel © Deutsche Telekom Stiftung

ZEIT ONLINE: Herr Kinkel, 1997 gab es große Zweifel, ob der Euro nicht zu früh kommt. Die Ministerpräsidenten Stoiber und Biedenkopf schlugen vor, die Einführung zu verschieben, nur eine Minderheit der Deutschen wollte die gemeinsame Währung. Sie aber kämpften für den pünktlichen Euro-Start und forderten öffentlich, das "Euro-Gegacker" müsse aufhören. Würden Sie heute genauso entscheiden?

Klaus Kinkel: Uneingeschränkt ja. Die Euro-Einführung war wichtig und richtig. Wichtig, weil Europa im Währungssystem mit Dollar und Yen Schritt halten musste. Richtig, weil sie die notwendige währungspolitische Maßnahme zur richtigen Zeit war. Das betrifft besonders die Exportnation Deutschland. Wir profitieren vom Euro, ein Großteil unserer Ausfuhren geht nach Europa. Den Euro zu gefährden, wäre das Dümmste, was wir machen könnten. Deswegen würde ich auch heute vor leichtfertigem Euro- und Europa-Gegacker warnen. Der Euro ist eine Erfolgsgeschichte, ein Symbol der europäischen Integrität.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich damals gegen eine unabhängige EU-Institution ausgesprochen, die Sanktionen gegen Defizitsünder verhängt, weil sie glaubten, die im Stabilitätspakt vorgesehenen Strafen seien drakonisch genug. Ein Fehler?

Kinkel: Die Sanktionsregelungen waren nach unserer damaligen Meinung nach ausreichend. Allerdings ist ihre Anwendung eine politische Frage, die der Ministerrat entscheidet. Da lag in der Vergangenheit der Hase im Pfeffer. Heute würde ich sagen: Nachdenken ist empfehlenswert. Eine Verschärfung des Stabilitätspaktes oder der Sanktionen wird nicht ganz zu unrecht gefordert. 

ZEIT ONLINE: Teilen Sie den Eindruck, dass sich der Ton in Europa verändert hat? Nicht nur in der Euro-Krise, auch in den Diskussionen über das Schengen-Abkommen war von europäischer Solidarität nicht viel zu spüren.

Kinkel: Ja. Ich würde mir wünschen, dass die Solidarität unter den Mitgliedsstaaten wieder stärker in den Vordergrund tritt. Auch in Europa macht der Ton die Musik. Aber die Union ist mit 27 Ländern und ihren nationalen Eigenheiten sehr groß, fast zu groß geworden. Gemeinsame Nenner zu finden, ist schwieriger geworden. Da kommt es fast zwangsläufig zu Unstimmigkeiten. Nationale Interessen treten zunehmend wieder in den Vordergrund.

ZEIT ONLINE: Jürgen Habermas und Helmut Schmidt haben kritisiert, Europas Politiker fehlten Perspektive und Gestaltungswillen. Gibt es dafür heute überhaupt noch Spielräume?

Kinkel: Natürlich. Dafür braucht es allerdings Phantasie und Begeisterung. Die ist vielfach abhanden gekommen. Man kann das gut an den osteuropäischen Staaten sehen. Was haben die den EU-Beitritt herbeigesehnt! Wenige Jahre danach ist in vielem Gleichgültigkeit und Kritik eingetreten. Das gilt auch für manch andere Regierungszentrale.

Dabei müssten sich die Europäer dringend darauf einstellen, dass sich die strategische Rolle unseres Kontinents verändert. Der Kalte Krieg ist vorbei, in Asien und Südamerika wachsen neue Großmächte heran. Uns droht eine schleichende Marginalisierung. Die Zukunft Europas wird zunehmend durch die Entwicklung außerhalb seiner Grenzen bestimmt. Die Rolle Europas wird schwächer, das Vertrauen in die EU und die europäische Währung sinkt. Die USA konzentrieren sich stärker auf andere Regionen der Welt, vor allem auf China. Und auch in Peking ist Brüssel nicht mehr so wichtig. Die warten nicht auf Europa. Die Wirtschaft weiß das, die Politik offensichtlich noch nicht ausreichend.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Kinkel: Den USA und China sind die europäischen Entscheidungsabläufe zu langsam, zu schwerfällig und undurchsichtig. Vor allem die Amerikaner haben Probleme, uns zu verstehen. US-Verteidigungsminister Gates warnt schon vor der Spaltung der Nato in kämpfende und passive Mitglieder, die sich auf die weichen Themen wie humanitäre Entwicklung konzentrieren.

Das betrifft Europa, es zielt aber vor allem auf Deutschland. Wir ducken uns in den amerikanischen Augen besonders in der Außen- und Sicherheitspolitik weg, wie jüngst bei der Enthaltung im Sicherheitsrat in der Libyen-Frage. Wir sind zu sehr mit unseren innenpolitischen Fragen befasst und nicht bereit, die Verantwortung zu übernehmen, die unserer Größe und Bedeutung entspricht. So sehen uns die anderen.