Euro-Krise "Die gesamte Euro-Zone ist gefährdet"

Italien hat zu lange mit Reformen gewartet, sagt der Ökonom Lüder Gerken. Im Interview erklärt er, welche Möglichkeiten Europa bleiben, den Euro zu retten.

Frage: Herr Gerken, braucht nach Griechenland und Portugal nun das nächste Euro-Land Unterstützung?

Lüder Gerken: Es steht um Italien noch nicht so schlecht wie um Griechenland oder Portugal, aber das Land ist eindeutig auf dem Weg dorthin. Wir haben einen Index entwickelt, der die Kreditfähigkeit aller Euro-Länder in den letzten zehn Jahren betrachtet. Und dieser Index macht deutlich, dass die Kreditfähigkeit Italiens in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hat.

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Frage: Was hat Italien falsch gemacht?

Gerken: Es wurde im Land mehr konsumiert als erwirtschaftet, das bedeutet, dass die Kapitalimporte durch den Konsum verfrühstückt wurden. Zudem stockt die Reformpolitik. Man hat zwar ein großes Sanierungsprogramm beschlossen, will damit aber erst 2013, das heißt nach den nächsten Parlamentswahlen, anfangen. So kann man Reformpolitik nicht betreiben. Man hätte schon längst reformieren müssen, das ist nicht geschehen. Und jetzt wird man sehen müssen, ob es dem Land noch gelingt, durch kurzfristig angelegte Maßnahmen das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen. Ob das klappt, lässt sich zwar auch nicht abschätzen, aber es gibt in jedem Fall dringendsten Handlungsbedarf.

Lüder Gerken
Lüder Gerken

52, ist Professor der VWL und Vorstand des Centrums für Europäische Politik, dem europapolitischen Think-Tank der Stiftung Ordnungspolitik. Es analysiert volkswirtschaftlich relevante Vorhaben der EU und entwickelt Strategien für die Europapolitik.

Frage: Ist Italien der Höhepunkt der europäischen Krise oder kommt da noch mehr?

Gerken: Es gibt in jedem Fall noch mehr Staaten, die bedroht sind: Neben Griechenland und Portugal auch Malta und Zypern, die bisher noch gar nicht im Fokus der Märkte standen. Bei denen gibt es eigentlich noch größere Probleme als in Italien. Leider muss man auch sagen, dass selbst in Frankreich die Situation nicht zum Besten steht. Natürlich sind die Probleme alle unterschiedlichen Ausmaßes: Richtig katastrophal sieht es in Griechenland aus, am zweitschlechtesten steht Portugal da. Aber es sind eben leider auch Länder wie Italien und Frankreich auf dem absteigenden Ast. Und wenn da nicht kurzfristig Reformen im Land greifen, werden wir auch dort bald dasselbe Problem haben wie heute in Griechenland und Portugal. Wie schnell es soweit sein wird, hängt davon ab, wie lange die Kapitalmärkte der Auffassung sind, dass man diesen Ländern noch Kredite geben kann.

Frage: Was bedeutet das für das Euro-System?

Gerken: Das Eurosystem ist unmittelbar gefährdet, die Euroländer stecken in einem gewaltigen Dilemma. Warum sollte Italien jetzt reformieren, wenn doch nun Geld aus Nordeuropa winkt? Aber das System zusammenbrechen lassen will man auch nicht. Und auch die Schuldenkandidaten selbst sind in Widersprüchen gefangen: Die Staatshaushalte sind überschuldet, sie müssten dringend sparen. Damit aber würgen sie das wirtschaftliche Wachstum ab. Dann verarmt das Land.

Es gibt eigentlich nur drei Wege: Die erste Möglichkeit sind radikale realwirtschaftliche Reformen. Vor allem eine radikale Absenkung der Lohnstückkosten wäre nötig. Die Lohnstückkosten sind die Löhne im Vergleich zur Produktivität. Die Löhne haben in diesen Ländern in den letzten Jahren im Gegensatz zur Produktivität weiter zugenommen, in Ländern wie Deutschland haben sie sich entsprechend der Produktivität entwickelt. Eine solch radikale Kürzung wird ohne soziale Unruhen aber nicht durchsetzbar sein. Die zweite Möglichkeit ist ein Ausscheiden aus dem Eurosystem für diese Länder, das ist aber politisch nicht gewollt. Die dritte ist ein Finanzausgleich zwischen den Euro-Staaten vergleichbar dem Ausgleich zwischen Bundesländern in Deutschland. Das wird jedes Jahr Milliarden Euro kosten.

Frage: Welche weitere Entwicklung erwarten Sie?

Gerken: Die Politik wird wohl versuchen, so lange weitere Rettungsmaßnahmen zu ergreifen, bis es nicht mehr geht. Das kann aber nicht auf alle Zeit so weitergehen. Es gibt daher eine große Gefahr für den Fortbestand der Eurozone in der jetzigen Form. Ich halte es durchaus für vorstellbar, dass der Euro in Nordeuropa fortbesteht, aber nicht auf Dauer in den Südstaaten.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
    • Chali
    • 12.07.2011 um 12:47 Uhr

    Da würde ich doch schon gern wissen, wer da gefrühstückt hat, wer serviert hat und wer die Zeche jetzt zahlt.

    " ... durch kurzfristig angelegte Maßnahmen das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen."
    Ich vermute, die Märkte schaffen sonst Italien ab und wählen sich ein anderes?

    Ich werde gleich mal nachschlagen, wer diese rätselhafte "Stiftung Ordnungspolitik" ist - mal sehen, wer die Zeche unseres hochverehrten Herrn Professors zahlt.

    12 Leser-Empfehlungen
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    @Chali

    "Da würde ich doch schon gern wissen, wer da gefrühstückt hat, wer serviert hat und wer die Zeche jetzt zahlt."

    Überraschung:

    Gefrühstückt, haben die notleidenden Euroländer, serviert hat die EZB via Gemeinschaftskasse, in die Deutschland via EZB Geldpolitik 325Mrd.(Target2-Forderungen) mehr einzahlen musste, als es ihren 27% Anteil entspricht und es ist zu befürchten, dass Deutschland auch die Zeche bezahlt, denn die anderen können sie gar nicht bezahlen.

    • snm81
    • 12.07.2011 um 13:56 Uhr

    und anregend zum weiterdenken. italien geht hops, griechenland, spanien, der euro gehn mit. dann die usa...
    schon sehr nachhaltig diese ratings... was passiert dann? wer wird dann geratet? swasiland? nepal? da sägt wohl jemand den ast auf dem er sitzt und merkt es gar nicht.

    by the way: da gibt es doch kommentatoren, die fordern die insolvenz jener staaten. wie lustig. dumm nur das staaten sozialleistungen, renten und gehälter bezahlen. was ist denn wenn das alles kippt? dann hatten wir mal ein finanzsystem. und schiffen uns auf strömen von blut in eine düstere zukunft.

    haben alles auf den Kopf gehauen.

    "Da würde ich doch schon gern wissen, wer da gefrühstückt hat, wer serviert hat und wer die Zeche jetzt zahlt."

    Wer sonst im neoliberalen Weltbild. Die oben schaffen die Werte und die unten verfrühstücken sie. Die oben hauen dann die Frühstücker wieder raus, weil sie mildtätig und edel sind.

    Also alles umgekehrt wie im richtigen Leben. So sind Ihre Hohlheiten eben!

    @Chali

    "Da würde ich doch schon gern wissen, wer da gefrühstückt hat, wer serviert hat und wer die Zeche jetzt zahlt."

    Überraschung:

    Gefrühstückt, haben die notleidenden Euroländer, serviert hat die EZB via Gemeinschaftskasse, in die Deutschland via EZB Geldpolitik 325Mrd.(Target2-Forderungen) mehr einzahlen musste, als es ihren 27% Anteil entspricht und es ist zu befürchten, dass Deutschland auch die Zeche bezahlt, denn die anderen können sie gar nicht bezahlen.

    • snm81
    • 12.07.2011 um 13:56 Uhr

    und anregend zum weiterdenken. italien geht hops, griechenland, spanien, der euro gehn mit. dann die usa...
    schon sehr nachhaltig diese ratings... was passiert dann? wer wird dann geratet? swasiland? nepal? da sägt wohl jemand den ast auf dem er sitzt und merkt es gar nicht.

    by the way: da gibt es doch kommentatoren, die fordern die insolvenz jener staaten. wie lustig. dumm nur das staaten sozialleistungen, renten und gehälter bezahlen. was ist denn wenn das alles kippt? dann hatten wir mal ein finanzsystem. und schiffen uns auf strömen von blut in eine düstere zukunft.

    haben alles auf den Kopf gehauen.

    "Da würde ich doch schon gern wissen, wer da gefrühstückt hat, wer serviert hat und wer die Zeche jetzt zahlt."

    Wer sonst im neoliberalen Weltbild. Die oben schaffen die Werte und die unten verfrühstücken sie. Die oben hauen dann die Frühstücker wieder raus, weil sie mildtätig und edel sind.

    Also alles umgekehrt wie im richtigen Leben. So sind Ihre Hohlheiten eben!

    • Chali
    • 12.07.2011 um 12:51 Uhr

    Die Nachdenkseiten helfen weiter!

    "Anmerkung Orlando Pascheit: Das CEP, bei der Stiftung Ordnungspolitik angesiedelt, ist ein marktliberaler Thinktank in dessen Kuratorium sitzen:
    Roman Herzog (Vorsitz), ehemaliger Bundespräsident, Konvent für Deutschland und Ehrenvorsitzender des Roman-Herzog-Instituts der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft und der Arbeitgeberverbände der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie Leszek Balcerowicz, Präsident der polnischen Nationalbank, Frits Bolkestein, ehemaliger EU-Kommissar für den Binnenmarkt, u.a. verantwortlich für die umstrittene Dienstleistungsrichtlinie, Hans Tietmeyer, ehemaliger Bundesbankpräsident und Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft."
    http://www.nachdenkseiten...

    14 Leser-Empfehlungen
  1. "Die Löhne haben in diesen Ländern in den letzten Jahren im Gegensatz zur Produktivität weiter zugenommen, in Ländern wie Deutschland haben sie sich entsprechend der Produktivität entwickelt."

    Das ist einfach nur noch unverschämt. In Deutschland sinken die Löhne seit Jahren, die Produktivität steigt hingegen. Nimmt der Mann die Fehlentwicklungen nicht zur Kenntnis, weil er dazu intellektuell nicht in der Lage ist oder hat er einfach nie gelernt, dass man nicht lügen soll?

    Wer sich so über die Massenverelendung der Deutschen hinweg setzt, sollte zu Leiharbeit auf Lebenszeit verurteilt werden!

    Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

    23 Leser-Empfehlungen
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    • joG
    • 12.07.2011 um 13:07 Uhr

    ...sind das Spiegelbild der Exportüberschüsse. Der Überschuss wird von Ausländern konsumiert und nicht von Inländern. Ganz einfach.

    • Chali
    • 12.07.2011 um 13:10 Uhr

    Der Mann redet für die Bayerischen Wirtschaft und die Arbeitgeberverbände!

    Da ist es doch ganz natürlich, dass die Wahrheit ein wenig ... drapiert wird um die Lenden!

    Das ist keine Lüge, sondern eine Tatsache. Sie verwechseln Lohnkosten- mit Reallohnentwicklung. Und das Wort Massenverelendung schrammt auch nur knapp an einer Lüge vorbei, zumindest ist das grober Unfug.

    • joG
    • 12.07.2011 um 13:07 Uhr

    ...sind das Spiegelbild der Exportüberschüsse. Der Überschuss wird von Ausländern konsumiert und nicht von Inländern. Ganz einfach.

    • Chali
    • 12.07.2011 um 13:10 Uhr

    Der Mann redet für die Bayerischen Wirtschaft und die Arbeitgeberverbände!

    Da ist es doch ganz natürlich, dass die Wahrheit ein wenig ... drapiert wird um die Lenden!

    Das ist keine Lüge, sondern eine Tatsache. Sie verwechseln Lohnkosten- mit Reallohnentwicklung. Und das Wort Massenverelendung schrammt auch nur knapp an einer Lüge vorbei, zumindest ist das grober Unfug.

  2. schon klar:

    Steuergelder werden weiter verschwendet. Kauf'ich mir eben doch girechische Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit. Am besten mit dem Geld was ich nicht in die Rente einzahle. Ist sicherer.

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    ...jetzt müssen Sie italienische CDS kaufen.
    Damit ist die Rente gerettet :-)

    ...jetzt müssen Sie italienische CDS kaufen.
    Damit ist die Rente gerettet :-)

  3. entschuldigen Sie dass ich dünn lächle.

    War dieses Frühjahr mal in Indien unterwegs. Ihnen gehts gut, glauben Sie mir. Wenn nicht, machen Sie nicht die Wirtschaft dafür verantwortlich sondern den Staat, dann hauen sie wenigstens nicht daneben.

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    Es war aber nicht die Politik, welche weit über 5 Mio. Arbeitslose erzwungen hat.

    Das war die Wirtschaft und sonst niemand.

    In der Tat gibt es in Deutschland eine breite Massenverelendung und die Bildung von Slums.

    Acuh wenn man das nicht wahrhaben will.
    Deshalb will Friedrich Beispiele dafür auch aus den Städten schaffen, dass man sie nicht sehen soll und jeder sagen kann:
    Das gibt es nicht.

    Aber man kann immwer weniger Bürger für dumm verkaufen.

    Es war aber nicht die Politik, welche weit über 5 Mio. Arbeitslose erzwungen hat.

    Das war die Wirtschaft und sonst niemand.

    In der Tat gibt es in Deutschland eine breite Massenverelendung und die Bildung von Slums.

    Acuh wenn man das nicht wahrhaben will.
    Deshalb will Friedrich Beispiele dafür auch aus den Städten schaffen, dass man sie nicht sehen soll und jeder sagen kann:
    Das gibt es nicht.

    Aber man kann immwer weniger Bürger für dumm verkaufen.

    • joG
    • 12.07.2011 um 13:07 Uhr

    ...sind das Spiegelbild der Exportüberschüsse. Der Überschuss wird von Ausländern konsumiert und nicht von Inländern. Ganz einfach.

    12 Leser-Empfehlungen
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    genug - ich jedenfalls versteh's nicht.

    vor der Fehlendwicklung, die die Euro-Krise mit verursacht haben, verschließen und sich die Tatsache so lange zurecht biegen bis sie ins Weltbild passen.

    genug - ich jedenfalls versteh's nicht.

    vor der Fehlendwicklung, die die Euro-Krise mit verursacht haben, verschließen und sich die Tatsache so lange zurecht biegen bis sie ins Weltbild passen.

    • Chali
    • 12.07.2011 um 13:10 Uhr

    Der Mann redet für die Bayerischen Wirtschaft und die Arbeitgeberverbände!

    Da ist es doch ganz natürlich, dass die Wahrheit ein wenig ... drapiert wird um die Lenden!

  4. Es gibt nur eine einzige "Anti-Ansteckungspille" für das erkrankte Euroland: Jeder erhält seine eigene Währungshoheit zurück.

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