Frage: Herr Gerken, braucht nach Griechenland und Portugal nun das nächste Euro-Land Unterstützung?

Lüder Gerken: Es steht um Italien noch nicht so schlecht wie um Griechenland oder Portugal, aber das Land ist eindeutig auf dem Weg dorthin. Wir haben einen Index entwickelt, der die Kreditfähigkeit aller Euro-Länder in den letzten zehn Jahren betrachtet. Und dieser Index macht deutlich, dass die Kreditfähigkeit Italiens in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hat.

Frage: Was hat Italien falsch gemacht?

Gerken: Es wurde im Land mehr konsumiert als erwirtschaftet, das bedeutet, dass die Kapitalimporte durch den Konsum verfrühstückt wurden. Zudem stockt die Reformpolitik. Man hat zwar ein großes Sanierungsprogramm beschlossen, will damit aber erst 2013, das heißt nach den nächsten Parlamentswahlen, anfangen. So kann man Reformpolitik nicht betreiben. Man hätte schon längst reformieren müssen, das ist nicht geschehen. Und jetzt wird man sehen müssen, ob es dem Land noch gelingt, durch kurzfristig angelegte Maßnahmen das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen. Ob das klappt, lässt sich zwar auch nicht abschätzen, aber es gibt in jedem Fall dringendsten Handlungsbedarf.

Frage: Ist Italien der Höhepunkt der europäischen Krise oder kommt da noch mehr?

Gerken: Es gibt in jedem Fall noch mehr Staaten, die bedroht sind: Neben Griechenland und Portugal auch Malta und Zypern, die bisher noch gar nicht im Fokus der Märkte standen. Bei denen gibt es eigentlich noch größere Probleme als in Italien. Leider muss man auch sagen, dass selbst in Frankreich die Situation nicht zum Besten steht. Natürlich sind die Probleme alle unterschiedlichen Ausmaßes: Richtig katastrophal sieht es in Griechenland aus, am zweitschlechtesten steht Portugal da. Aber es sind eben leider auch Länder wie Italien und Frankreich auf dem absteigenden Ast. Und wenn da nicht kurzfristig Reformen im Land greifen, werden wir auch dort bald dasselbe Problem haben wie heute in Griechenland und Portugal. Wie schnell es soweit sein wird, hängt davon ab, wie lange die Kapitalmärkte der Auffassung sind, dass man diesen Ländern noch Kredite geben kann.

Frage: Was bedeutet das für das Euro-System?

Gerken: Das Eurosystem ist unmittelbar gefährdet, die Euroländer stecken in einem gewaltigen Dilemma. Warum sollte Italien jetzt reformieren, wenn doch nun Geld aus Nordeuropa winkt? Aber das System zusammenbrechen lassen will man auch nicht. Und auch die Schuldenkandidaten selbst sind in Widersprüchen gefangen: Die Staatshaushalte sind überschuldet, sie müssten dringend sparen. Damit aber würgen sie das wirtschaftliche Wachstum ab. Dann verarmt das Land.

Es gibt eigentlich nur drei Wege: Die erste Möglichkeit sind radikale realwirtschaftliche Reformen. Vor allem eine radikale Absenkung der Lohnstückkosten wäre nötig. Die Lohnstückkosten sind die Löhne im Vergleich zur Produktivität. Die Löhne haben in diesen Ländern in den letzten Jahren im Gegensatz zur Produktivität weiter zugenommen, in Ländern wie Deutschland haben sie sich entsprechend der Produktivität entwickelt. Eine solch radikale Kürzung wird ohne soziale Unruhen aber nicht durchsetzbar sein. Die zweite Möglichkeit ist ein Ausscheiden aus dem Eurosystem für diese Länder, das ist aber politisch nicht gewollt. Die dritte ist ein Finanzausgleich zwischen den Euro-Staaten vergleichbar dem Ausgleich zwischen Bundesländern in Deutschland. Das wird jedes Jahr Milliarden Euro kosten.

Frage: Welche weitere Entwicklung erwarten Sie?

Gerken: Die Politik wird wohl versuchen, so lange weitere Rettungsmaßnahmen zu ergreifen, bis es nicht mehr geht. Das kann aber nicht auf alle Zeit so weitergehen. Es gibt daher eine große Gefahr für den Fortbestand der Eurozone in der jetzigen Form. Ich halte es durchaus für vorstellbar, dass der Euro in Nordeuropa fortbesteht, aber nicht auf Dauer in den Südstaaten.

Erschienen im Tagesspiegel