ZEIT ONLINE: Herr Professor Stiglitz, die Staats- und Regierungschefs der EU haben am vergangenen Freitag ein weiteres Rettungspaket für Griechenland beschlossen. Ist die Währungsunion nun gerettet?

Joseph Stiglitz: Was in der Nacht auf Freitag passiert ist, war ein sehr großer Schritt voran. Die europäischen Regierungschefs haben sehr verantwortungsvoll gehandelt, indem sie anerkannt haben, dass wir es mit einem europäischen und nicht mit einem griechischen Problem zu tun haben. Der Euro war ein unfertiges Projekt, das Europas Regierungen nun bemerkenswert vorangetrieben haben, um die wirtschaftliche Architektur Europas zu vollenden. Vergleicht man die Kosten mit dem Nutzen, dann sind die Hilfsmaßnahmen, die jetzt für Griechenland beschlossen wurden, absolut angemessen. Europa befindet sich seit Freitag auf einem sehr guten Weg, die Krise zu lösen.

ZEIT ONLINE: Wie kann die EU verhindern, dass sich die verschuldeten Länder künftig auf den Hilfskrediten ausruhen, statt weiter zu sparen?

Stiglitz: Das Problem war doch bisher nicht, dass einige Euro-Länder unverantwortlich gehandelt haben. Spanien und Irland hatten vor der Finanzkrise sogar einen Haushaltsüberschuss. Legt man die EU-Verträge zugrunde, haben diese Länder alles richtig gemacht. Das Problem waren die Verträge selbst. Sie haben unterstellt, dass die Märkte sich selbst regulieren. In Wahrheit aber war das Bankensystem unterreguliert. Die Institute haben verantwortungslos Geld verliehen und auf diese Weise die amerikanische und die globale Wirtschaft hinabgerissen. Deshalb sollten wir uns vor allem darauf konzentrieren, dass Finanzsystem zu reformieren. Wir brauchen mehr Regulierung.

ZEIT ONLINE: Genau darauf warten die Bürger seit der Finanzkrise vergeblich.

Stiglitz: Völlig richtig. Wir haben das Finanzsystem nicht mal ansatzweise so reformiert, wie es nötig wäre. Die Banken konnten stattdessen ihren politischen Einfluss gegen die Reformen geltend machen. Ich habe bereits in einem Papier für die Vereinten Nationen die Punkte vorgestellt, die wir zwingend ändern müssten. Die Macht der Rating-Agenturen muss kleiner werden. Auch eine Finanztransaktionssteuer wäre eine gute Sache. Die Politiker und Akademiker in den USA und Europa sind sich im Grunde einig, dass es grundlegende Reformen braucht. Doch die Banken haben schlicht zu großen Einfluss.

ZEIT ONLINE: Die Vereinigten Staaten sind derzeit mit 14,3 Billionen Dollar verschuldet. Das ist ein historischer Rekord. Müssen die USA wie Griechenland irgendwann umschulden ?

Stiglitz: Die USA sind in einer ganz anderen Situation. Das Land hat sich in der eigenen Währung verschuldet, die Notenbank kann theoretisch beliebig viel Geld nachdrucken. Die Frage ist also nicht, ob wir zahlungsunfähig werden, sondern welchen Preis wir zahlen müssten: Inflation, Abwertung, ein schwächerer Dollar. Wir werden unsere Schulden immer zurückzahlen können. Die Frage ist nur, was diese Dollar dann wert sein werden.