Somalische Flüchtlingskinder sammeln im Lager Dadaab in Kenia Feuerholz. © Oli Scarff/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Hoppe, als Sprecher der Grünen-Fraktion für Welternährung rufen Sie zu Spenden für die Hungernden am Horn von Afrika auf. Was wissen Sie über die Situation dort?

Thilo Hoppe: Es ist eine der größten Dürren der jüngsten Zeit, die das Leben von Millionen Menschen gefährdet. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Trockenheit auch eine Folge des Klimawandels ist. Wenn die internationale Gemeinschaft nicht schnell und entschlossen eingreift, wird es zu einer humanitären Katastrophe kommen.

ZEIT ONLINE: Was sind die Ursachen? Geht es nur um die klimatischen Verhältnisse?

Hoppe: Nein. In der ganzen Region wurde die Landwirtschaft und Viehzucht vernachlässigt – von den Staaten selbst, aber auch von der Entwicklungszusammenarbeit. Die weltweit hohen Lebensmittel- und Ölpreise verschärfen die Lage. Zudem ist es nicht gelungen, die Region politisch zu stabilisieren. Somalia ist ein Bürgerkriegsland, die Infrastruktur ist zerstört. Äthiopien und Eritrea sind stark militarisiert und tragen ihren Konflikt nach Somalia, indem sie verschiedene Bürgerkriegsparteien unterstützen. Die somalische Übergangsregierung ist sehr schwach. Ihr Einflussgebiet beschränkt sich auf Teile der Hauptstadt Mogadischu.

ZEIT ONLINE: Das alles ist seit langem bekannt, die Hungersnot ist eine angekündigte Katastrophe. Warum wurde nicht früher etwas dagegen unternommen?

Hoppe: Die Lage ist kompliziert. Die islamistischen Al-Shabaab-Milizen haben westlichen Beobachtern und Hilfsorganisationen seit 2009 den Zugang zur Region verwehrt. Es war eine große Erleichterung, als sie Anfang Juli die von ihnen kontrollierten Gebiete wieder für humanitäre Hilfe von außen öffneten. Dass heute gemeldet wurde, al-Shabaab habe verlauten lassen, die Organisationen seien weiter unwillkommen, bedeutet zusätzliche Unsicherheit und wird es den Helfern erschweren, die Hungernden zu erreichen. Ohnehin ist der Süden Somalias eines der gefährlichsten Gebiete für humanitäre Helfer: Seit 2008 sind allein 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Welternährungsprogramms dort getötet worden.

Weil internationale Journalisten und Hilfsorganisationen nicht geduldet wurden, hat man einiges nicht gemerkt. Dennoch wusste man natürlich, dass die Lage angespannt ist. Aber die mediale Aufmerksamkeit liegt im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise nicht so sehr auf dem Hunger in Afrika. Die Gebernationen denken zuerst an sich selbst. Sie sind nicht bereit, die Mittel zur Verfügung zu stellen, die sie früher bereitgestellt haben. Nur Großbritannien ist eine positive Ausnahme.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Deutschland gibt zu wenig Geld für die Nothilfe?

Hoppe: Die Bundesregierung gibt an, 14 Millionen Euro bereitzustellen. Doch in der Summe ist ein Betrag enthalten, der schon im Januar für die Region bereitgestellt wurde, ganz unabhängig von der Hungersnot und dem aktuellen Appell der Vereinten Nationen. Für die akute Nothilfe gibt Deutschland in Wahrheit nur sechs Millionen Euro aus. Die Regierung duckt sich weg. Nehmen Sie Großbritannien als Vergleich: Die britische Regierung hat spontan 60 Millionen Euro gegeben und die Summe später sogar auf 100 Millionen erhöht. Der britische Entwicklungsminister hat von "peinlichen Beiträgen reicher europäischer Nationen" gesprochen. Damit ist unter anderem Deutschland gemeint.

ZEIT ONLINE: Vielleicht ist in der Krise tatsächlich nicht so viel Geld vorhanden.

Hoppe: Nein, es gibt keinen Geldmangel. Großbritannien muss viel härter sparen als wir und stellt trotzdem die mit Abstand größte Summe für den Kampf gegen die Hungersnot zur Verfügung. Selbst Japan ist viel großzügiger und gehört neben den USA, der EU und Großbritannien zu den vier größten Gebern, trotz der Schäden, die das Land durch den Tsunami erlitten hat. Die Entwicklungszusammenarbeit ist einfach in der Prioritätenliste nach hinten gerutscht.

ZEIT ONLINE: Wenn die Lage in Somalia auch politisch so prekär ist, wie Sie beschreiben, wie viel kann man mit Geldspenden ausrichten? Kommt das Geld überhaupt bei den Hungernden an, oder stützt man mit Spenden bloß die islamischen Milizen?