WährungskriseItalien entwickelt sich zum Euro-Risiko

Die Angst vor einer Schuldenkrise Italiens hat den Euro-Kurs so tief fallen lassen wie seit vier Monaten nicht. Zudem drückt das Problem Griechenland auf die Währung. von AFP, dpa und Reuters

Italiens Premierminister Silvio Berlusconi

Italiens Premierminister Silvio Berlusconi  |  © Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Die Euro-Länder stemmen sich gegen ein Übergreifen der Schuldenkrise auf Italien. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagte im Deutschlandfunk, man müsse nun vor allen Dingen darauf achten, dass sich in einer so nervösen Lage an den Finanzmärkten die Ansteckungsgefahren nicht verstärken.

Die Euro-Zone sei in einer schwierigen Situation, da die zu hohen Schulden einiger Mitgliedsländer das Vertrauen gefährdeten. "Deswegen müssen wir gemeinsam handeln", sagte der CDU-Politiker. Die Finanzminister der 27 EU-Staaten beraten derzeit in Brüssel, um eine Strategie zur Absicherung der europäischen Bankenbranche zu finden.

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Die Angst vor der Schuldenkrise in Italien und einer Zahlungsunfähigkeit Griechenlands hat an den Finanzmärkten den Euro stark belastet. Die Gemeinschaftswährung rutschte am Dienstag auf 1,38 Dollar und lag damit mehr als einen US-Cent niedriger als am Vorabend in New York. "Bestrebungen, einen Rettungsplan für Griechenland nun schneller auf die Beine zu stellen als bisher geplant, überzeugen die Finanzmärkte nicht", sagten Analysten der Commerzbank. Dennoch kämpfte sich der Euro bis Börsenschluss wieder zur Marke von 1,40 Dollar hoch. Auch der Dax setzte seinen Abwärtskurs fort und verlor in den ersten zwei Handelsstunden rund 2,5 Prozent. Am Ende schloss der deutsche Leitindex 0,8 Prozent schwächer als am Vortag bei 7174,14 Punkten. Der EuroStoxx 50 der wichtigsten europäischen Werte war zeitweise drei Prozent im Minus.

Italiens Schulden

Ende 2010 hatte die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone Schulden in Höhe von 119 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – 1,843 Billionen Euro. Dieses Jahr werden wohl 120 Prozent überschritten. Die Quote wäre dann doppelt so hoch wie im Maastrichter EU-Vertrag erlaubt. Zum Vergleich: Griechenlands Schuldenstand erreichte im vergangenen Jahr 142,8 Prozent des BIP, Irlands Prognose für 2011 beläuft sich auf 112, Portugals auf 101,7 Prozent.

Bis Ende August werden 130 Milliarden der Staatsschuld fällig, innerhalb der nächsten zwölf Monate müssen insgesamt 310 Milliarden refinanziert werden. Die Europäische Kommission fordert einen ausgeglichenen Haushalt bis 2014.

Italiens Gläubiger

83 Prozent der Schulden werden über Staatsanleihen abgedeckt, heißt es vom italienischem Wirtschafts- und Finanzministerium. Gläubiger im Inland halten die meisten dieser Papiere. Bisher hatte der Staat keine Probleme, neue Schulden zu machen, was nicht zuletzt an der hohen Sparquote der Italiener lag. Aber die italienischen Sparer beginnen, ihre Einlagen abzuziehen: Der größte Käufer der italienischen Schulden droht auszufallen. Nun steigen die Risikoaufschläge für Anleihen, die Aktienkurse fallen.

Der Weg aus der Schuldenkrise

Die Regierung will noch vor den Sommerferien ein Sanierungspaket durch das Parlament bringen. Bis 2014 soll Italien 47 Milliarden Euro sparen. Ob das reicht, um die Zweifel an der Bonität der italienischen Schulden auszuräumen, ist fraglich. Denn die anhaltende Wachstumsschwäche ist ein größeres Problem als die Neuverschuldung. Die Wirtschaft ist in den letzten zehn Jahren nur um durchschnittlich 0,1 Prozent gewachsen – der EU-Durchschnitt lag bei1,6 Prozent.

Allein von Juni bis September will Italien zudem neue Anleihen in Höhe von 40 Milliarden Euro auflegen, sagte Berlusconi-Berater Paolo Bonaiuti. Der Staat will auch laufende Anleihen aufstocken und so zusätzliches frisches Geld von Investoren bekommen.

Die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen Roms kletterte erstmals seit 1997 – also noch vor der Euro-Einführung – zeitweise über die Marke von sechs Prozent. An der Höhe der Rendite bemisst sich die Gefahrenzulage, die der Kapitalmarkt für das jeweilige Land verlangt. Auch in Spanien – nach Italien die viertgrößte Euro-Wirtschaft – legten die Renditen zeitweise stark zu. Zum Vergleich: In den bereits geretteten Euro-Ländern Griechenland, Irland und Portugal liegen die zehnjährigen Zinsen aktuell bei 16 Prozent, 12,7 Prozent und 12,2 Prozent – also deutlich höher.

Nachdem bekannt wurde, dass die Euro-Finanzminister sich am Freitag zu einer Sondertagung treffen könnten, erholte sich der Euro-Kurs leicht. Der ständige EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy schloss ein solches Treffen nicht aus. Frankreich sei für die Einberufung der Staats- und Regierungschefs, hieß es zudem in Regierungskreisen in Paris. Ein solches Treffen könne die Finanzmärkte beruhigen.

Inzwischen wollen die Euro-Länder für eine Beteiligung privater Gläubiger an weiteren Griechenland-Hilfen offenbar auch in Kauf nehmen, dass das Land von den Rating-Agenturen zeitweise als zahlungsunfähig eingestuft wird. "Das ist nicht mehr ausgeschlossen, ganz klar", sagte der niederländische Finanzminister Jan Kees De Jager in Brüssel.

Der deutsche Finanzminister wies Befürchtungen zurück, nach Griechenland könne auch Italien Finanzhilfen der Euro-Partner brauchen. Italien habe einen Haushaltsentwurf vorgelegt, und es bestehe kein Zweifel, dass dieser im Parlament auch so beschlossen werde, sagte Schäuble. "Sobald das so ist, wird auch diese Spekulation wieder zurückgehen", sagte der CDU-Politiker. Bislang erhalten Griechenland, Irland und Portugal Unterstützung von den Euro-Partnern und dem Internationalen Währungsfonds.

Auch die neue IWF-Direktorin Christine Lagarde versuchte Sorgen über Italien zu dämpfen. Das Land habe "ganz klar im Moment mit Problemen zu tun, die im Wesentlichen von den Märkten befeuert wurden", sagte sie in Washington. Einige der Wirtschaftsdaten des Landes seien "exzellent". Ein großer Teil der Schulden werde zudem im Inland gehalten. Das bedeute, dass der Einfluss internationaler Märkte begrenzt ist.

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Leserkommentare
  1. Angenommen, dass jedes Land, dass Schulden über die Festlegungsgrenze hinaus anhäuft ein Risiko ist, dann wird die Seifenblase EU wohl bald endgültig platzen.

  2. Unsere Politiker sind überfordert wie Vorschulkinder, und der Vergleich zu Topmanagern fällt beschämend aus. Dieter Zetsches Werdegang :
    - 1971 Abitur, danach Studium der Elektrotechnik und Diplom bei Daimler (Thema: Verbesserung des Kurvenverhaltens durch Computersteuerung. Eine revolutionäre Idee, als es noch keine Elektronik unter der Motorhaube gab.)
    - 1976 in der Forschungsabteilung
    - 1982 Promotion über "Active Body Control" (ABC), die später in die S-Klasse eingebaut wurde.
    - 1987 Entwicklungsleiter und Geschäftsführer in Brasilien.
    - ab 1992 in Stuttgart. Verantwortlich für die PKW-Entwicklung, danach für den Vertrieb.
    - Als Daimler wegen der Verbindung mit Chrysler u. Mitsubishi rote Zahlen schrieb, wurde Zetsche anstelle Bob Eatons CEO.
    - 2005 glich Chrysler mit 776 Mio. Euro Gewinn den grössten Teil der Verluste von Mercedes (942 Mio.) aus.
    - 2006: Leitung der PKW-Sparte und des Konzerns. [Quelle: Dieter Wunderlich]

    Daimler-Umsatz in 2010 = 97,8 Milliarden Euro.

    Bundeshaushalt in 2010 = 330 Milliarden Euro.

    Und nun vergleiche man die Qualifikationen! Schäuble und Merkel glauben, dass alles gut wird, wenn alle "sparen" (Lohndumping und Sozialabbau).
    Eichel und Steinbrück deregulierten den Finanzmarkt, aber Letzterer weiss noch nicht mal, was ein Hedge-Fonds ist:

    http://www.hedgeweb.net/News-file-article-sid-903.html

    Kein Wunder, dass sich diese Narren ihre Blaupausen bei Bertelsmann und der Deutschen Bank besorgen.

    Das Projekt "Demokratie" ist gescheitert!

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    Wenn man Ihren Gedanken weiterspinnt, kommt die Frage auf:
    Wer sind denn deren Eltern?
    Das Volk?
    Ach, was! ;)

    • Chilly
    • 12. Juli 2011 14:58 Uhr

    Wer soll regieren?

    Mal abgesehen davon, dass auch eine Vielzahl von Politikern studiert und die Kanzlerin auch promoviert hat, vermag mich Ihr Lebenslaufvergleich nicht wirklich zu überzeugen, schon deshalb, weil es kein Vergleich ist. Es fehlt etwa der eines wichtigen Politikers/Politikern zum echten Vergleich dazu. Ferner denke ich an einen Sachbuchbestseller, der vor einigen Jahren lange in den entsprechenden Listen weit oben stand: "Nieten in Nadelstreifen".

    Damit will ich nur sagen, dass im Bereich Management auch nicht alles Gold ist, was glänzt und (im Vergleich zu Politikern) ungleich höher bezahlt wird und zumeist mit einem deutlich höheren Maß an Privatheit leben kann.

    Wollen Sie eine Diktatur der Eliten/der Experten. Sollen die Vorstände der 30 DAX-Unternehmen einen neuen Staatsrat bilden, der auch die Geschicke des Landes bestimmt? Was ist Ihre Alternative. Eine - methodisch aus den genannten Gründen sehr fragwürdige - Kritik der bestehenden Zustände ist schnell geschrieben, ein konstruktiver Vorschlag ist aber ungleich schwieriger.

    Zugegeben: Sie sind hier Forist und müssen keine Vorschläge machen. ABER: Wer so scharf kritisiert, muss sich sie Frage nach den Alternativen gefallen lassen.

    CHILLY

    Beeindruckend gut informiert über Zetsches Werdegang, beeindruckend uninformiert über den Werdegang derer, die sie kritisieren - oder warum machen sie nicht den von ihnen geforderten Vergleich?

    ... auch wenn dies wahrscheinlich der Zensur zum Opfer fallen wird, eine hoeflichere Beschreibung waere einfach falsch.

    Nichts gegen Zetsche, und natuerlich gibt es noch mehr intelligente Manager, aber Schaeuble, Steinbrueck und Merkel sind sicherlich auch nicht dumm. Spielen Sie doch mal eine Partie Schach mit ihnen.

  3. Wenn man sich lange Jahre einen selbstverliebten Milliardär als Ministerpräsident hält, braucht man sich über diese Entwicklung beileibe nicht zu wundern.

    Der Mann hat sich in der Hauptsache mit der Entwicklung neuer Gesetze befasst, die seine Immunität hätten sicherstellen sollen. Nebenbei hat er Neapel im Dreck ersticken lassen, Flüchtlinge nach Frankreich abgeschoben und seine Verteidigung bezüglich Bunga-Bunga vorbereitet.

    Er hat die Ausgaben für Bildung und Kultur radikal zusammengeschnitten und an jeglicher Misere waren entweder "linke Sozialisten" oder Ausländer schuld. Das Volk zahlt jetzt die Rechnung - genau wie Griechenland und die USA.

  4. Einjeder der zumindest ein Zeichen gegen den permanenten Missbrauch von Steuergeldern für längst Bankrotte Staaten setzen will, kann dies derzeit ganz einfch tun:

    https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;pe...

    Es handelt sich hierbei um einen Link, der direkt zu den Onlinepetitionen des dt. Bundestages führt und er verweist auf eine Petition die bereits mehr als 9000 Mitzeichner hat und noch bis zum 02. August laufen wird.

    Anmeldung und Mitzeichnung dauern nicht länger als 3 Minuten.

    Eine Petition mag kurzfristig nicht viel erreichen, jedoch kann Sie mittelfristig zu einem allgemeinen Bewusstsein führen, das keiner Allein mit der durch die Petition vertretenen Meinung ist, was der Anfang einer jeden demokratisch herbeigeführten Veränderung ist.

    Möglichst viele Mitzeichner würden bestimm das Interesse der Medien auf sich ziehen und so zur Bewusstseinsbildung beitragen.

    Darum: Unterzeichnet die Petition und verbeitet bitte den Link zu Onlinepetition.

    Danke!

  5. Man hat also Angst vor einer Schuldenkrise. Wenn ein Land über 100% Schulden hat ist die Krise längst da. Italien entwickelt sich also zum Risiko. Liebe Leute, Italien ist nicht erst seit gestern ein Risiko, die sind seit der Euro-Einführung ein Risiko. Dann ist auch noch von exzellenten Wirtschaftsdaten die Rede. Es gibt keine bestimmten Wirtschaftsdaten die

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    entscheiden wann ein Land Pleite ist, das entscheiden nur die Märkte und wenn die US-Hochfinanz will, dass Italien Pleite ist, um ihr Ziel zu erreichen den Euro zu zerschlagen, dann ist Italien Pleite.

    • joG
    • 12. Juli 2011 13:12 Uhr

    ....Die Konstruktionsfehler des Maastrichter Vertrags gekoppelt mit der unverantwortlichen Verheimlichung der wachsenden Ungleichgewichte mit Steuermitteln, die verhinderten, dass sich die Fehlentwicklungen abbauten, sind nun einfach durchgebrochen. Die Wirklichkeit hat die beamtische Denkweise der Politikelite des "Was nicht sein darf..." eingeholt und droht sie nun zu überfahren.

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    • joG
    • 12. Juli 2011 13:16 Uhr

    ....Leider sitzen wir mit der Elite im Auto und zwar auf dem Todessitz ohne Airbag.

    • WiKa
    • 12. Juli 2011 13:13 Uhr

    … egal welche Sau als nächste durchs Dorf getrieben wird (PIGS), versuchen wir es einfach mal mit banalen Bauernweisheiten, denen unsere Politiker nicht so sonderlich zugeneigt sind.

    Wenn ein Bauer ein Gespann von Ackergäulen zur Arbeit vorbereitet, dann wird er in keinem Fall ein Zirkuspony in diesem Gespann dulden, weil dann der Erfolg absehbar ausbleibt.

    Dieser Grundsatz gilt nicht für die Politik, wenn sie unter dem Gespann des Euros unterschiedlich leistungsstarke Volkswirtschaften zwangsvereint. In der Politik gilt der Grundsatz, was in der Theorie machbar ist, muss in der Praxis funktionieren. Das die blöden Menschen sich nicht danach verhalten, dafür fühlt sich die Politik nicht verantwortlich. Das ist dann Schuld der Menschen.

    Zum Gedanken Europa: Wenn man Ackergäule und Zirkusponys auf eine Wiese stellt, dann passiert auch nix, nur man sollte sie nicht in ein Gespann packen. Will sagen die Idee Europa ist gut, der Weg dahin wird mal wieder von totgetrampelten Ponys gepflastert … oder noch bösartigeren Begleiterscheinungen.

    <a href="http://qpress.de/2011/06/24/europa-bekommt-neue-flagge-mit-trauerflor/">... Nachruf, nebst neuer Europaflagge mit samtenen Trauerflor</strong> kann man bereits hier bewundern … Link</a>. Einfach zu schade und bedauerlich wie wenig Sachverstand auf unserer politischen Führungsebene vorhanden ist. Vielleicht doch besser die „vermeintlichen dummen“ Bauern ins Parlament. (°!°)

    • joG
    • 12. Juli 2011 13:16 Uhr

    ....Leider sitzen wir mit der Elite im Auto und zwar auf dem Todessitz ohne Airbag.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, Reuters
  • Schlagworte Italien | Commerzbank | Dax | Wolfgang Schäuble | Deutschlandfunk | Griechenland
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