Politiker und Wirtschaftsexperten haben sich für einen Teilerlass von Griechenlands Schulden ausgesprochen. Der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, forderte einen Schuldenschnitt und ein Forderungsverzicht von 40 bis 50 Prozent. Das sei notwendig, damit sich Griechenland wirtschaftlich erholen kann, sagte Schneider Handelsblatt Online. So könne die "öffentliche Akzeptanz für die Rettungsaktionen wieder hergestellt werden".

Der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner, unterstützt laut Handelsblatt Online die Forderung der SPD: "Griechenland ist pleite und wird um einen Schuldenschnitt nicht herumkommen." Auch der Chef des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Wolfgang Franz, halte einen Schuldenerlass für "unausweichlich". Franz sagte dem Focus, dieser Schuldenschnitt dürfe jedoch nicht zu einem Desaster für die Euro-Zone führen dürfte. "Eine Möglichkeit bestünde darin, dass der derzeitige Euro-Rettungsschirm EFSF griechische Staatspapiere mit einem gehörigen Abschlag in von ihm ausgegebene und garantierte Anleihen umtauscht."

Am kommenden Donnerstag kommen die Staats- und Regierungschef der 17 Euro-Staaten unter Einladung und Leitung von EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy zu einem Sondergipfel in Brüssel zusammen. Dabei soll auch über Details eines zweiten Notfallplans für Griechenland beraten werden. Unstimmigkeit besteht besonders über die Frage, ob Banken und Versicherungen in den neuen Plan einbezogen werden. Die privaten Gläubiger sollen einen Teil der Kosten schultern – und nicht mehr nur der Steuerzahler. Darauf pochen insbesondere Deutschland, die Niederlande und Finnland.

Auch der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) plädierte für Hilfen an hoch verschuldete Euro-Staaten. In einem Beitrag für den Tagesspiegel schrieb Genscher, ohne Hilfen drohe die Eurozone zu zerbröckeln. Es müsse "eine engere wirtschafts- und finanzpolitische Zusammenarbeit in Europa" geben.

In der schwarz-gelben Koalition herrsche derweil Unklarheit über den Umgang mit der Euro-Schuldenkrise. Der CDU-Haushaltsexperte Klaus-Peter Willsch sagte, es herrsche "ein ziemlich heilloses Durcheinander". Die Stimmung werde "von Tag zu Tag schlechter". Auch der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler zeigte sich unzufrieden mit dem Krisenmanagement. "Unsere bisherigen Instrumente beschleunigen die Krise". Die Situation habe sich verschlimmert. Schäffler sprach sich gegen einen Schuldenschnitt aus, das sei nur ein Zeitgewinn. Griechenland müsse die Euro-Zone verlassen, forderte er.

Bereits im Mai 2010 war Athen mit einem Hilfspaket von 110 Milliarden Euro vor der Staatspleite gerettet worden. Nun zeichnet sich schon länger ab, dass Griechenland nicht wie geplant 2012 wieder an den Finanzmarkt zurückkehren kann. Die griechische Verschuldung beträgt 160 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung – doppelt soviel wie in Deutschland.

Diplomaten gehen davon aus, dass der wochenlange Streit um die Details des Rettungspakets nun bald gelöst ist. Mit einer gemeinsamen Aktion könnte die Gefahr einer Ausbreitung der Euro-Krise verhindert werden.