Jean Ziegler hat recht . Eine Hungersnot ist ein Verbrechen. In der Rede, die Ziegler zur Eröffnung der Salzburger Festspiele halten wollte und nicht halten durfte , nimmt der ehemalige Berichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung Anstoß an der obszönen Ungleichverteilung der Lebensmittel auf der Welt. Zwei Fakten bringen das Missverhältnis auf den Punkt: Die Ressourcen der Erde würden ausreichen, doppelt so viele Menschen zu ernähren, wie derzeit auf ihr leben. Dennoch verhungern täglich 37.000 Menschen.

Am Horn von Afrika, so fürchtet die amerikanische Hilfsorganisation USAID, könnten im August täglich 2.500 Menschen hungers sterben. In Somalia sind derzeit 3,7 Millionen Menschen von der Hungersnot bedroht .

Dennoch: Jean Ziegler ist auch im Unrecht. Der Globalisierungskritiker macht Spekulanten für die Not verantwortlich; die Politiker, die Banken mit Milliarden vor der Pleite retten, aber nur einen Bruchteil für humanitäre Hilfen geben; die Profitgier der neoliberalen Konzerne.

Und es stimmt ja: Die reichen Industrieländer geben viel zu wenig, sie haben die Warnungen vor einer neuen Hungersnot zuerst ignoriert und reagierten dann viel zu spät. Ihre Investoren haben dazu beigetragen, dass Nahrungsmittel für die Armen derzeit unbezahlbar sind. So verschlimmerten die Reichen die Auswirkungen der herrschenden Dürre.

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Doch die wahren Verbrecher sitzen in Somalia, nicht in den Hauptstädten des Westens. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Foreign Policy schreibt der Entwicklungsökonom Charles Kenny : "Hungersnöte kommen in keinem Land vor, dessen Führer auch nur das geringste Interesse am Wohlbefinden ihrer Bürger zeigen." Seiner Ansicht nach sind die verantwortlichen Machthaber nicht bloß gleichgültig. Sie tragen vielmehr aktiv zur Katastrophe bei. "Um sicherzustellen, dass sich der Tod durch Verhungern weit ausbreitet, muss eine regierende Autorität eine bewusste Entscheidung treffen", argumentiert er: "Sie muss aktiv ihre Macht ausüben, um bedürftigen Erzeugern Nahrung zu nehmen oder Opfern Nahrungshilfe zu versagen" – wie beispielsweise in Nordkorea, in Simbabwe, im Sudan oder in Maos China geschehen.

Was sich derzeit in Somalia abspiele, sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, schreibt Kenny. Selbst die Vereinten Nationen, immer um diplomatische Zurückhaltung bemüht, nennen das Wort "Genozid" mit der Hungerkrise in einem Atemzug.

Somalia befindet sich seit 20 Jahren im Bürgerkrieg. Ein Viertel der Bevölkerung ist auf der Flucht , die meisten Menschen im Süden des Landes. Die Macht der Regierung reicht kaum über die Hauptstadt Mogadischu hinaus. Der Süden Somalias wird von den islamistischen Al-Shabaab-Milizen beherrscht, gegen die die Regierung militärisch vorgeht. Zwei Karten des UN-Krisenreaktionsbüros OCHA zeigen die entsetzlichen Folgen der Machtkämpfe. Die eine zeigt, dass die Hungersnot nördlich und südwestlich der Hauptstadt Mogadischu sowie weiter im Nordwesten bis zur äthiopischen Grenze am größten ist (hier als .pdf) . Auf der anderen ist zu erkennen, dass gerade diese Krisenregionen für Hilfsorganisationen unerreichbar sind, weil die Islamisten den Zugang seit Jahren verhindern (hier als .pdf) . Im Norden des Landes hingegen, in Puntland und Somaliland, können die Helfer leichter arbeiten. Es ist kein Zufall, dass die Not dort weniger schlimm ist.

Dennoch ist es ein Gebot der Menschlichkeit, den Hungernden zu Hilfe eilen, trotz Bürgerkrieg und unklarer Machtverhältnisse. Der Welternährungsorganisation FAO zufolge sind in den kommenden Monaten mindestens 1,6 Milliarden Dollar nötig, um die Krise zu bekämpfen. Nur ein kleiner Teil davon ist bislang zugesagt worden.

Schon im vergangenen Jahr hatten reichen Industriestaaten ihre Hilfe für Somalia reduziert , nicht nur wegen der Finanzkrise. Die USA gaben weniger, weil sie fürchteten, die Islamisten zu unterstützen. Möglicherweise hat das zur Verschlimmerung der Situation beigetragen. Jetzt aber braucht das Land schnelle, wirksame Nothilfe. Um die tiefer gehenden Ursachen der Not muss man sich ebenfalls kümmern, so gut das möglich ist – aber erst später.