Somalia Die Hungersnot ist ein Verbrechen

Die Industrieländer haben viel zu spät auf die Hungersnot in Somalia reagiert. Doch die wahren Schuldigen sind die örtlichen Machthaber, kommentiert Alexandra Endres.

Ein somalischer Flüchtling im Auffanglager in Dadaab, Kenia

Ein somalischer Flüchtling im Auffanglager in Dadaab, Kenia

Jean Ziegler hat recht. Eine Hungersnot ist ein Verbrechen. In der Rede, die Ziegler zur Eröffnung der Salzburger Festspiele halten wollte und nicht halten durfte, nimmt der ehemalige Berichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung Anstoß an der obszönen Ungleichverteilung der Lebensmittel auf der Welt. Zwei Fakten bringen das Missverhältnis auf den Punkt: Die Ressourcen der Erde würden ausreichen, doppelt so viele Menschen zu ernähren, wie derzeit auf ihr leben. Dennoch verhungern täglich 37.000 Menschen.

Am Horn von Afrika, so fürchtet die amerikanische Hilfsorganisation USAID, könnten im August täglich 2.500 Menschen hungers sterben. In Somalia sind derzeit 3,7 Millionen Menschen von der Hungersnot bedroht.

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Dennoch: Jean Ziegler ist auch im Unrecht. Der Globalisierungskritiker macht Spekulanten für die Not verantwortlich; die Politiker, die Banken mit Milliarden vor der Pleite retten, aber nur einen Bruchteil für humanitäre Hilfen geben; die Profitgier der neoliberalen Konzerne.

Und es stimmt ja: Die reichen Industrieländer geben viel zu wenig, sie haben die Warnungen vor einer neuen Hungersnot zuerst ignoriert und reagierten dann viel zu spät. Ihre Investoren haben dazu beigetragen, dass Nahrungsmittel für die Armen derzeit unbezahlbar sind. So verschlimmerten die Reichen die Auswirkungen der herrschenden Dürre.

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Doch die wahren Verbrecher sitzen in Somalia, nicht in den Hauptstädten des Westens. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Foreign Policy schreibt der Entwicklungsökonom Charles Kenny: "Hungersnöte kommen in keinem Land vor, dessen Führer auch nur das geringste Interesse am Wohlbefinden ihrer Bürger zeigen." Seiner Ansicht nach sind die verantwortlichen Machthaber nicht bloß gleichgültig. Sie tragen vielmehr aktiv zur Katastrophe bei. "Um sicherzustellen, dass sich der Tod durch Verhungern weit ausbreitet, muss eine regierende Autorität eine bewusste Entscheidung treffen", argumentiert er: "Sie muss aktiv ihre Macht ausüben, um bedürftigen Erzeugern Nahrung zu nehmen oder Opfern Nahrungshilfe zu versagen" – wie beispielsweise in Nordkorea, in Simbabwe, im Sudan oder in Maos China geschehen.

Was sich derzeit in Somalia abspiele, sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, schreibt Kenny. Selbst die Vereinten Nationen, immer um diplomatische Zurückhaltung bemüht, nennen das Wort "Genozid" mit der Hungerkrise in einem Atemzug.

Somalia befindet sich seit 20 Jahren im Bürgerkrieg. Ein Viertel der Bevölkerung ist auf der Flucht, die meisten Menschen im Süden des Landes. Die Macht der Regierung reicht kaum über die Hauptstadt Mogadischu hinaus. Der Süden Somalias wird von den islamistischen Al-Shabaab-Milizen beherrscht, gegen die die Regierung militärisch vorgeht. Zwei Karten des UN-Krisenreaktionsbüros OCHA zeigen die entsetzlichen Folgen der Machtkämpfe. Die eine zeigt, dass die Hungersnot nördlich und südwestlich der Hauptstadt Mogadischu sowie weiter im Nordwesten bis zur äthiopischen Grenze am größten ist (hier als .pdf). Auf der anderen ist zu erkennen, dass gerade diese Krisenregionen für Hilfsorganisationen unerreichbar sind, weil die Islamisten den Zugang seit Jahren verhindern (hier als .pdf). Im Norden des Landes hingegen, in Puntland und Somaliland, können die Helfer leichter arbeiten. Es ist kein Zufall, dass die Not dort weniger schlimm ist.

Dennoch ist es ein Gebot der Menschlichkeit, den Hungernden zu Hilfe eilen, trotz Bürgerkrieg und unklarer Machtverhältnisse. Der Welternährungsorganisation FAO zufolge sind in den kommenden Monaten mindestens 1,6 Milliarden Dollar nötig, um die Krise zu bekämpfen. Nur ein kleiner Teil davon ist bislang zugesagt worden.

Schon im vergangenen Jahr hatten reichen Industriestaaten ihre Hilfe für Somalia reduziert, nicht nur wegen der Finanzkrise. Die USA gaben weniger, weil sie fürchteten, die Islamisten zu unterstützen. Möglicherweise hat das zur Verschlimmerung der Situation beigetragen. Jetzt aber braucht das Land schnelle, wirksame Nothilfe. Um die tiefer gehenden Ursachen der Not muss man sich ebenfalls kümmern, so gut das möglich ist – aber erst später.

 
Leser-Kommentare
  1. Die folgenden Feststellungen basieren auf Schlagzeilen der letzen Tage:

    Hungersnot ist kein Verbrechen. Schließlich wird niemand festgenommen.

    Genausowenig ist es ein Verbrechen die britische Exekutive auszuspionieren, lieber tritt die oberste Polizeispitze selbst zurück.

    Aber einen Computer einer Firma zeitweise unerreichbar machen - das ist ein wahres Verbrechen! Hier werden Menschen verhaftet.

  2. Wer bezahlt denn die "örtlichen Machthaber", die Lakaien der Imperialisten damit die afrikanischen Staaten ihre Rohstoffe ohne wirkliche Gegenleistung preisgeben........

    17 Leser-Empfehlungen
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    • kfmb
    • 28.07.2011 um 13:58 Uhr

    und könnten nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden! So liest sich ihr Kommentar. Wenn sie schon mit den Imperialisten paktieren oder, so wie sie es darstellen, gar keine andere Wahl haben, als sich bestechen zu lassen, warum sagen sie sich nicht: Schluss jetzt. Entweder Hungertod oder Tod durch Revolution. Die Katastrophe dort hört einfach nicht auf - von Somalia hört man imm als Hungerland. Dabei liegt es an der Küste, könnte Handel treiben, hat den reichen Nachbarn Kenia. Und die Leute im Westen helfen und helfen, mit immer größerem Fragezeichen hinter der Verwunderung darüber, warum sich die Menschen nicht erheben gegen diese Verhältnisse und warum sich nichts zu ändern scheint? Was ist da los?

    Selbst für eine Revolution sind gewisse Strukturen, d.h. ein Mindestmaß an Gleichheit notwendig. Wir sprechen hier von Menschen, die mit Mistgabeln gegen schwerbewaffnete Einheiten kämpfen sollen. Außerdem wurden bereits viele Freiheitskämpfe von außen korrumpiert. Die Anführer mit Geld- und Waffenzuwendungen gefügig gemacht und ihnen ein Leben in Reichtum versprochen. Die Moral von der Geschicht: Eine demokratische Revolution stellt Bedingungen.

    • kfmb
    • 28.07.2011 um 13:58 Uhr

    und könnten nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden! So liest sich ihr Kommentar. Wenn sie schon mit den Imperialisten paktieren oder, so wie sie es darstellen, gar keine andere Wahl haben, als sich bestechen zu lassen, warum sagen sie sich nicht: Schluss jetzt. Entweder Hungertod oder Tod durch Revolution. Die Katastrophe dort hört einfach nicht auf - von Somalia hört man imm als Hungerland. Dabei liegt es an der Küste, könnte Handel treiben, hat den reichen Nachbarn Kenia. Und die Leute im Westen helfen und helfen, mit immer größerem Fragezeichen hinter der Verwunderung darüber, warum sich die Menschen nicht erheben gegen diese Verhältnisse und warum sich nichts zu ändern scheint? Was ist da los?

    Selbst für eine Revolution sind gewisse Strukturen, d.h. ein Mindestmaß an Gleichheit notwendig. Wir sprechen hier von Menschen, die mit Mistgabeln gegen schwerbewaffnete Einheiten kämpfen sollen. Außerdem wurden bereits viele Freiheitskämpfe von außen korrumpiert. Die Anführer mit Geld- und Waffenzuwendungen gefügig gemacht und ihnen ein Leben in Reichtum versprochen. Die Moral von der Geschicht: Eine demokratische Revolution stellt Bedingungen.

  3. "In der kommunistischen Parteizeitung „Granma“ verurteilte [Fidel Castro] am Donnerstag Projekte der USA, aus Lebensmitteln wie Mais und Zuckerrohr Brennstoff herzustellen. Wegen der knappen Lebensmittel in vielen Teilen der Erde sei dies eine „unheilvolle Idee“. Sie bedeute den „frühen Tod für drei Milliarden Menschen auf der Welt“.
    Wie der Focus natürlich nicht zitiert: "...wenn die USA ihren gesamten Kraftstoff "biologisch" herstellten."

    Ein kräftiger Anstieg für die Lebensmittelpreise - und damit auch für Anbauflächen - kann global beobachtet werden- sicher ein gewichtiger Grund, warum Länder heutzutage von einer Dürre stärker belastet werden - schon finanziell.

    Nebenbei wird im Artikel erwähnt, dass die USA kein Geld mehr in die Region geben - die Somalis holen sich das als Lösegeld für die gekaperten Frachter.

    Es ist schade, dass im Artikel überhaupt nicht auf ethnische Unterschiede eingegangen wird, obwohl die UNO angeblich von einem Genozid spricht: Welcher Ethnie gehören diese Asch-Schabab Milizen denn an, dass sie den Rest der Bevölkerung vorsätzlich verhungern lassen wollen?

  4. "Somalia
    Die Hungersnot ist ein Verbrechen

    Die Industrieländer haben viel zu spät auf die Hungersnot in Somalia reagiert. Doch die wahren Schuldigen sind die örtlichen Machthaber, kommentiert Alexandra Endres."

    Damit - und teilweise in weiteren Absätzen - haben Sie recht.

    Nur schade, dass Sie auf die wirklich Schuldigen eben nicht eingegangen sind. Denn daraus folgt für die ca. 200 Staaten in der UN: Was ist konkret zu tun?

    Hungerhilfen sind doch nur das eine.
    Grundsätzliche Lösungen werden seit Jahrzehnten verweigert, die aber möglich wären. Teilweise müsste man dazu aber die örtlichen Machtinhaber zum Teufel jagen. Doch wer soll das tun? Die USA waren schon erfolglos in Somalia.

    Es ginge nur, wenn die 200 Staaten geschlossen vorgehen. Aber wir wissen auch, dass "diese Machtinhaber tlw bis in die UN engste Verbindungen haben, die alles blockieren". Wie löst man dieses Problem? Dazu haben Sie leider nichts gesagt. Wir werden in Afrika noch 100 Jahre Probleme haben, wenn man diese nicht ganz grundsätzlich löst.

    Es gibt also nicht 1 Grund, sondern viele, auch die der Spekulation. Und die der mangelnden Bevölkerungskontrolle.
    Richtig ist, man könnte die Weltbevölkerung leicht ernähren.
    Wenn die mächtigen 10% das aber nicht erlauben, muss man das erzwingen oder man muss die Bevölkerungen reduzieren. Durch Geburtenkontrolle. Das gefällt vielen nicht.

    Aber wem das nicht gefällt, der soll seine Lösung vortragen.
    1 Weg m u s s man gehen. Oder man schaut zu.

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    die eine eigenständige Entwicklung Afrikas wollen...

    ... das sind Sie und ich.

    • pevo
    • 28.07.2011 um 14:14 Uhr

    Immer die gleiche grundlegende Ursache bei Kriegen, Erdbeben, Hungersnöten.
    Zahlen Somalia: Geburtenrate: 43, Sterberate 15/1.000 Einwohner im langjährigen Schnitt.

    Einfach mal eine Generation mit dem Nachwuchs aussetzen. Nebenbei entfällt dann auch der Nachschub fürs Militär. In 15 Jahren ist Frieden und es gibt genug zu essen für alle.

    die eine eigenständige Entwicklung Afrikas wollen...

    ... das sind Sie und ich.

    • pevo
    • 28.07.2011 um 14:14 Uhr

    Immer die gleiche grundlegende Ursache bei Kriegen, Erdbeben, Hungersnöten.
    Zahlen Somalia: Geburtenrate: 43, Sterberate 15/1.000 Einwohner im langjährigen Schnitt.

    Einfach mal eine Generation mit dem Nachwuchs aussetzen. Nebenbei entfällt dann auch der Nachschub fürs Militär. In 15 Jahren ist Frieden und es gibt genug zu essen für alle.

  5. die eine eigenständige Entwicklung Afrikas wollen...

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    Die USA genauso wie China und Europa haben gerne einen Ansprechpartner auf den sie sich verlassen können.
    Wenn Sie recht hätten, dann ist in Simbabwe ja alles in Ordnung. Die Politik, besonders die der USA, macht verdammt viele Fehler, aber dieses geschieht nicht um eine Entwicklung Afrikas zu verhindern, sondern weil die mächtigen Staaten den Aufwand scheuen. Innenpolitik ist da viel wichtiger.
    Diese ach so kostenlosen Rohstoffe ist auch so ein Märchen aus längst vergangenen Tagen. Die Staaten zahlen gut für die Rohstoffe, nur das Geld kommt nicht bei der Bevölkerung an. Warum sollte es auch? Haben Sie einen Cent vom Nordseeöl gesehen oder von unserer anderen Bodenschätzen?
    Sieht ein normaler US-Amerikaner etwas davon?
    Soetwas gibt es vielleicht in Skandinavien aber im Rest der Welt doch nicht.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Spekulation. Danke. Die Redaktion/sc

    Die USA genauso wie China und Europa haben gerne einen Ansprechpartner auf den sie sich verlassen können.
    Wenn Sie recht hätten, dann ist in Simbabwe ja alles in Ordnung. Die Politik, besonders die der USA, macht verdammt viele Fehler, aber dieses geschieht nicht um eine Entwicklung Afrikas zu verhindern, sondern weil die mächtigen Staaten den Aufwand scheuen. Innenpolitik ist da viel wichtiger.
    Diese ach so kostenlosen Rohstoffe ist auch so ein Märchen aus längst vergangenen Tagen. Die Staaten zahlen gut für die Rohstoffe, nur das Geld kommt nicht bei der Bevölkerung an. Warum sollte es auch? Haben Sie einen Cent vom Nordseeöl gesehen oder von unserer anderen Bodenschätzen?
    Sieht ein normaler US-Amerikaner etwas davon?
    Soetwas gibt es vielleicht in Skandinavien aber im Rest der Welt doch nicht.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Spekulation. Danke. Die Redaktion/sc

  6. ... das sind Sie und ich.

  7. Rechtsradikaler Terror geschürt durch die weltweite Islamhetze.

    Wenn jedoch in Somalia Tausende verdursten und verhungern, weil die Islamisten keine Hilfslieferungen zulassen, dann hat das natürlich nichts mit Mord zu tun :-(

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  8. Die USA genauso wie China und Europa haben gerne einen Ansprechpartner auf den sie sich verlassen können.
    Wenn Sie recht hätten, dann ist in Simbabwe ja alles in Ordnung. Die Politik, besonders die der USA, macht verdammt viele Fehler, aber dieses geschieht nicht um eine Entwicklung Afrikas zu verhindern, sondern weil die mächtigen Staaten den Aufwand scheuen. Innenpolitik ist da viel wichtiger.
    Diese ach so kostenlosen Rohstoffe ist auch so ein Märchen aus längst vergangenen Tagen. Die Staaten zahlen gut für die Rohstoffe, nur das Geld kommt nicht bei der Bevölkerung an. Warum sollte es auch? Haben Sie einen Cent vom Nordseeöl gesehen oder von unserer anderen Bodenschätzen?
    Sieht ein normaler US-Amerikaner etwas davon?
    Soetwas gibt es vielleicht in Skandinavien aber im Rest der Welt doch nicht.

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