ZEIT ONLINE: Herr Guan, der US-Kongress hatte sich vergangene Woche nach langem Ringen auf eine Erhöhung der Schuldengrenze und ein Sparpaket geeinigt. Sie werteten die USA dennoch ab. Warum?

Guan Jianzhong: Wir schauen bei unserem Rating auf die wirtschaftliche Gesamtsituation eines Landes. Dazu zählt vor allem die Leistungskraft. Das heißt, wir betrachten auch, ob ein Land in der Lage ist, seine Schulden zu begleichen. Bei der USA sind wir zu dem Ergebnis gekommen: Nein, auf diese Weise ist dieses Land dazu nicht imstande.

ZEIT ONLINE: Sie zweifeln die größte Volkswirtschaft der Welt an?

Guan: Ja, das tun wir. Der interne Streit um die Erhöhung der Schuldengrenze hat gezeigt, wie handlungsunfähig die USA geworden ist. Die US-Politiker konnten sich auf keine Maßnahmen einigen, die Leistungskraft zu steigern. Und auch sonst findet sich in dem Sparpaket nichts wieder, was die Einnahmeseite erhöhen würde. Stattdessen werden immer weiter neue Schulden gemacht – und zwar nur, um überhaupt die Zinsen der alten Schulden begleichen zu können. Der Schuldenberg selbst wird nicht reduziert, sondern wächst immer weiter. 

ZEIT ONLINE: Aber genau das ist doch das besondere an der USA. Mit dem Dollar als Leitwährung verfügt das Land über ein Instrument, über das andere Länder nicht verfügen: Die USA kann immer weiter Dollarnoten drucken und darüber ihre Schulden abbauen.

Guan: Aber auch das hat Grenzen. Und genau diese Grenzen werden jetzt erreicht, weswegen wir den miserabel ausgehandelten Schuldenkompromiss nun auch als einen kritischen Wendepunkt betrachten. Die Amerikaner setzen ganz allein auf eine lockere Geldpolitik ihrer Notenbank. Sie drucken immer weiter Dollar und versuchen ihre Schulden auf diesem Weg weg zu inflationieren.

ZEIT ONLINE: Das könnte doch funktionieren.

Guan: Aber genau das halte ich für gefährlich. Wenn die Fed weiter Dollarnoten druckt, verliert der Dollar an Wert. Damit riskiert sie aber seine Rolle als Leitwährung. Denn immer mehr Länder und Anleger verlieren das Vertrauen in den Dollar. Und wenn dieses Vertrauen weg ist, hat die USA erst Recht keine Möglichkeit mehr, den Schuldenberg abzubauen. Weil genau das aber momentan der Weg zu sein scheint, den die USA eingeschlagen hat, werten wir das Land ab.

ZEIT ONLINE: Für China ist der nun ausgehandelte Schuldenkompromiss immer noch besser als wenn es zu gar keiner Einigung gekommen wäre. Immerhin ist China mit mehr als 1,2 Billionen Dollar der größte ausländische Gläubiger der USA. Ein Staatsbankrott der USA wäre auch für China schmerzvoll.

Guan: Der nun ausgehandelte Kompromiss ist doch quasi eine Bankrotterklärung. Die Amerikaner zahlen ihre Schulden nicht zurück. Stattdessen wirft die Fed über eine lockere Geldpolitik immer weiter Dollar auf die Märkte. Dies sorgt dafür, dass vor allem die Preise von Rohstoffen weltweit in die Höhe schießen. Wir in China kämpfen momentan gegen eine sehr hohe Inflation. Zum großen Teil ist diese hohe Inflation auf die Geldpolitik der Fed zurückzuführen.