Der polnische Premierminister Donald Tusk gilt als souveräner und in sich ruhender Staatenlenker. Kürzlich jedoch platzte dem Regierungschef regelrecht der Kragen. Wieder und wieder auf westliche Kritik an seiner Energiepolitik angesprochen, rückte er die Dinge schroff zurecht. Erstens werde sein Land trotz aller Ausstiegsszenarien in anderen EU-Staaten an seinen Plänen für den Bau zweier Atomkraftwerke festhalten. Und zweitens werde Polen auch bei der Förderung unkonventionellen Erdgases "unabhängig von möglichen Vorbehalten in anderen Ländern ausschließlich nach eigenen Erkenntnissen handeln", stellte Tusk klar.

Denn gerade bei der Gasförderung träumt Polen von einer glänzenden Zukunft. Tusks Chef-Geologe Henryk Jezierski wähnte sich unlängst bereits am kanadischen Klondike River des 19. Jahrhunderts. "Bei uns ist das Goldfieber ausgebrochen", sagte er und versprühte Vorfreude auf zu erwartenden Reichtum. Tatsächlich strömen in diesen Wochen Schatzsucher aus aller Welt nach Polen. Doch nicht Gold ist das Objekt ihrer Begierde, sondern ein unkonventioneller Energieträger, sogenanntes Schiefergas. Es ist in tiefen Gesteinsschichten gebunden und lässt sich nur mit einer speziellen Bohrtechnik fördern. Gelingt die Ausbeutung jedoch im großen Stil, könnte Schiefergas die globale Rohstoffknappheit mindern. In Polen haben Geologen gigantische Vorkommen ausgemacht. Die Experten rechnen mit 5,3 Billionen Kubikmetern – 500-mal mehr, als die 38 Millionen Polen pro Jahr verbrauchen.



So groß die vermuteten Bodenschätze sind, so groß sind auch die Hoffnungen, die Polen mit den anlaufenden Probebohrungen verbindet. Die Regierung spricht von einer "Riesenchance für unser Land", das zu einem "zweiten Norwegen werden" könne. Die Skandinavier sind dank ihrer Erdgas- und Ölförderung sehr wohlhabend. Polen, das bislang auf russische Gaslieferungen und den heimischen Klimakiller Kohle angewiesen ist, will mit Hilfe des Schiefergases die CO2-Last verringern und zum Energie-Exporteur werden.

Das Gasfieber hat innerhalb von nur drei Jahren 35 internationale Firmenkonsortien nach Polen gelockt, die sich 124 Genehmigungen für Probebohrungen gesichert haben. Noch einmal so viele Konzessionen sind geplant. Geht alles gut, soll nach 2017 jährlich Gas im Wert von mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar gefördert werden. Die betroffenen Regionen umfassen mehr als die Hälfte des polnischen Staatsgebietes. Die größten Vorkommen werden in Pommern, an der Danziger Bucht, an der ukrainischen Grenze sowie in einem zentralen Gürtel vermutet, der von Posen bis nach Warschau reicht. Vor Ort hoffen die Gemeinden bereits auf hohe Steuereinnahmen. Baufirmen lecken sich nach Infrastruktur-Aufträgen die Finger.

Doch wie am kanadischen Klondike River, an dem im 19. Jahrhundert längst nicht alles Gold war, was glänzte, so könnte auch den Schatzsuchern in Polen noch manche Enttäuschung bevorstehen. Kritiker warnen vor verheerenden Folgen für die Umwelt. Und auch der ökonomische Nutzen zumindest für die einheimische Wirtschaft ist fraglich. Polnische Energieunternehmen verfügen weder über genügend Kapital noch über das nötige Wissen, um Schiefergas auszubeuten. Die Federführung bei den Probebohrungen haben deshalb amerikanische, kanadische und britische Firmen, allen voran ExxonMobile und Chevron. Polnische Energiekonzerne wie die Branchenführer Orlen und Lotos sind lediglich Juniorpartner.

Ohne internationale Hilfe geht es nicht. Die Förderung von Schiefergas ist extrem kompliziert. Das Verfahren ist erst seit wenigen Jahren ausgereift und wird vor allem in Nordamerika praktiziert – dort allerdings bereits im großen Stil. Die Hälfte der US-Erdgasproduktion stammt mittlerweile aus unkonventioneller Förderung, ein Großteil davon ist Schiefergas. Fracking lautet der Fachbegriff für das Verfahren. "Über diese Technik verfügen wir nicht", heißt es bei Orlen. 

Widerstand in anderen Ländern

Beim Fracking wird zunächst senkrecht ein Loch in die Erde getrieben. In tieferen Schichten müssen die Ingenieure dann aber horizontal ins Gestein bohren. Um den Rohstoff auszubeuten, pumpen die Techniker schließlich Wasser, Sand und Chemikalien unter Hochdruck in die Schieferspalten, um diese zu weiten und das Gas entweichen zu lassen. Umweltschützer warnen davor, dass die eingesetzten Stoffe – darunter krebserregende Benzole – das Grundwasser verseuchen könnten. "Wir wissen nicht, was dort genau geschieht", sagt der polnische Greenpeace-Aktivist Robert Cyglicki ZEIT ONLINE. "Die Amerikaner machen aus der Fördertechnik ein Staatsgeheimnis", kritisiert er.

Und so ist es kein Wunder, dass Gegner des Frackings bereits vor Gasexplosionen am hauseigenen Wasserhahn warnen. Polens Chef-Geologe Jezierski, der zugleich stellvertretender Umweltminister ist, trat kürzlich alarmiert vor die Presse und stellte klar: "Man will uns manipulieren. In den USA hat es Zehntausende Bohrungen gegeben, ohne dass dies einen erkennbaren Einfluss auf die Umwelt gehabt hätte." Im Übrigen liege das Gas in viel größeren Tiefen als das Grundwasser. Eine Verseuchung sei praktisch ausgeschlossen.



Jezierskis Landsleute sind laut Umfragen in ihrer großen Mehrheit bereit, den Verheißungen ihrer Regierung zu folgen. In Polen ist die Umweltbewegung schwach. Das Land boomt, und die Menschen erleben das Wirtschaftswunder nach jahrzehntelangen Entbehrungen im Realsozialismus als eine Art Befreiung. Anders stellt sich die Lage in Westeuropa dar. In Frankreich, wo ebenfalls große Schiefergasvorkommen vermutet werden, aber auch in Deutschland regt sich Widerstand gegen geplante Bohrungen, etwa in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. "Die Chemikalien bleiben zu 20 bis 80 Prozent unten im Boden", sagt die NRW-Grüne Wibke Bems. "Was daraus wird, ist absolut ungeklärt." Die Bohrungen könnten sogar zu Erdbeben führen, heißt es bei den Grünen in der Schweiz.

Tatsächlich hatte der amerikanische Regisseur Josh Fox in seinem 2010 veröffentlichten und für einen Oscar nominierten Film Gasland erdbebenähnliche Eruptionen bei der Förderung in den USA dokumentiert. In Warschau halten Politiker aller Couleur derartige Warnungen nicht nur für ungerechtfertigt, sondern wittern eine antipolnische Strategie dahinter. Weder die französische Atomlobby noch deutsche Naturschützer hätten ein Interesse an einem Erfolg der polnischen Gassucher.

Und auch der russische Erdgas-Gigant Gazprom betreibe schwarze Public Relation gegen Polen, heißt es in Regierungskreisen in Warschau. Gazprom-Chef Alexej Miller hatte kürzlich ausdrücklich vor den Umweltrisiken der Schiefergas-Förderung gewarnt. Und so mag es kaum verwundern, dass sich Donald Tusk und seine Landsleute wie beim Bau der deutsch-russischen Ostseepipeline einmal mehr von Gegnern umzingelt fühlen.