Die einen wollen sie unbedingt, für die anderen sind sie Teufelszeug: Euro-Bonds. Zwei Argumente werden gegen sie angeführt. Erstens, sie würden das Zinsniveau für Deutschland nach oben treiben, zweitens, sie würden die Schuldner wegen der für sie relativ niedrigen Verzinsung zu noch mehr Schulden verführen. Beide Argumente sind mindestens zweifelhaft, wenn nicht falsch. Mit ihrer Fixierung auf die Staatsverschuldung als einzige Ursache der gegenwärtigen Krise sind sie zudem ideologisch verengt.

Euro-Bonds sind Staatsanleihen in Euro, die von den Regierungen der Mitgliedsstaaten oder von Institutionen des Euro-Raums begeben werden, und die von den Mitgliedsstaaten insgesamt garantiert werden. In kleinerem Maßstab haben die Europäer auch schon Erfahrungen mit derartigen gemeinsamen Schuldverschreibungen sammeln können. Denn seit einigen Jahren existieren bereits zwei Formen von Euro-Bonds – die Anleihen der EU-Kommission und die der Europäischen Investitionsbank. An ihnen lässt sich auch ablesen, wie die Finanzmärkte derzeit die Bonität des Euro-Raums als Ganzem bewerten. Bemerkenswert ist, dass die für diese Bonds auf den Finanzmärkten erzielte Verzinsung nur wenig über der für deutsche Staatsanleihen liegt.

Darin spiegelt sich die Überzeugung der Märkte, dass eine gemeinsame Garantie der Mitgliedstaaten der EU beziehungsweise des Euro-Raums glaubwürdig ist. Dies ist ein starkes Indiz dafür, dass mit der Einführung von Euro-Bonds keine markanten Zinssteigerungen für Deutschland zu erwarten wären. Gemessen am längerfristigen Durchschnittszins für deutsche Staatsanleihen ist ein moderater Aufschlag von 0,3 bis 0,5 Prozentpunkten zu erwarten. Geht man von der realistischen Annahme aus, dass die deutsche Staatsschuld sukzessive über zehn Jahre auf Euro-Bonds umgestellt würde, fielen im ersten Jahr lediglich 0,6 bis eine Milliarde Euro an Mehrkosten an. Nach zehn Jahren würden sich die Mehrausgaben auf sechs bis zehn Milliarden Euro pro Jahr aufsummieren. Dafür bestünde aber auch die Chance, die Krise im Euro-Raum dauerhaft zu überwinden. Das spart dem deutschen Staat deutlich mehr Geld, als für die leicht erhöhten Zinsen gezahlt werden müsste.

Hinzu kommt: Euro-Anleihen würden einen der größten Anleihenmärkte der Welt begründen. Dessen hohe Liquidität würde mit großer Wahrscheinlich zusätzliche Anleger locken. So könnte China durch den Kauf von Euro-Bonds seine mittlerweile fatale Abhängigkeit von US-Anleihen vermindern. Die zu erwartende hohe Nachfrage hätte sogar noch niedrigere Zinsen zur Folge und würde die Finanzierung der Schuldenlast aller Euro-Länder erleichtern. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Berechnungen des ifo-Instituts, die von einem deutlich erhöhten Zinsniveau für Deutschland ausgehen, als reine Panikmache.

Bleibt das Argument, niedrige Zinsen würden die Krisenländer zu noch mehr Schulden animieren. Auch das lässt sich vermeiden, wenn man die richtigen Rahmenbedingungen schafft. Sie können nur darin bestehen, bindende Vereinbarungen zwischen den Euro-Staaten zu schaffen, die die wahre Ursache der gegenwärtigen Krise angehen. Anders als in der öffentlichen Debatte zumeist behauptet, ist dies nicht schlicht die zu hohe Staatsverschuldung. Die ökonomische Wurzel der Probleme liegt darin, dass zahlreiche Länder über Jahre hinweg das gemeinsame Inflationsziel von etwa zwei Prozent verletzt haben.

Das kann, wie im Fall Griechenlands, auf eine zu hohe Staatsverschuldung zurückzuführen sein. Es kann aber auch, wie in Spanien und Irland, das Ergebnis zu hoher privater Verschuldung sein. In die Verantwortung können jedoch keine privaten Konsumenten und Investoren genommen werden, sondern nur die Regierung des jeweiligen Mitgliedslandes. Die kann allerdings durch ihre Wirtschaftspolitik, speziell die Finanz- und Arbeitsmarktpolitik, auch die Inflationsrate beeinflussen. Hier kann eine Vereinbarung zwischen Problemländern und ihren Euro-Partnern ansetzen: Überschreitet ein Land für eine bestimmte Frist das Inflationsziel, verliert es automatisch solange das Recht, neue Euro-Bonds zu begeben, bis das Inflationsziel wieder eingehalten wird. Damit wird es automatisch gezwungen sein, rasch einen restriktiven Kurs in seiner Finanz- und Arbeitsmarktpolitik einzuschlagen. Der dann immer noch offenstehende Weg der Finanzierung der Staatschuld über nur national garantierte Anleihen dürfte unter diesen Umständen sehr teuer werden.

Zugleich sollten sich im Rahmen solcher Vereinbarungen aber auch Länder wie Deutschland, die in den vergangenen Jahren das Inflationsziel unterschritten und auf diese Weise ebenfalls gegen Stabilitätsprinzipen des Euro-Raums verstoßen haben, so lange zu einer expansiven Wirtschaftspolitik verpflichten, bis die Inflationsrate wieder in der Nähe von zwei Prozent liegt. Mit einem solchen Rahmenwerk ließe sich glaubwürdig Stabilität im Euro-Raum erzeugen. Aber zugegeben: Um so weit zu kommen, muss gerade in Deutschland noch manch ideologischer Ballast über Bord geworfen werden.