Das erste Mal begegne ich M. unter einem unserer Texte. Ein Kollege hatte ein Interview mit Klaus Kinkel geführt, dem letzten Außenminister im Kabinett von Helmut Kohl. Kinkel lobt Europa, er sagt, dass Deutschland einstehen muss für die armen Länder der Währungsunion. Unter dem Text gibt es fast 200 Kommentare. Nummer 105 ist von M.: "Das kommt davon, wenn man Schaumschlägern und Luftblasenabsonderern das Terrain überlässt." Gemeint ist Kinkel. Europa habe vor allem für jene Menschen "Tor und Tür" geöffnet, die sich nur "ihrem eigenem Bankkonto verpflichtet fühlen". Wie die da "oben" die da "unten" behandeln? M. findet: "Wie Dreck".

Wer in einer Online-Redaktion arbeitet, kennt solche Kommentare. Manchmal sind es Politiker oder Firmenchefs, die beschimpft werden, manchmal sind es die Autoren selbst. Regelmäßig wird uns Journalisten vorgeworfen, "dumm" oder sogar "käuflich" zu sein. Manche Leser googeln sogar die Namen der Autoren und verwenden Details der Biografie, um den Redakteur anzugreifen. Einmal schrieb ein Leser unter einem meiner Texte, es wäre besser, man würde mich gleich aus Europa ausweisen.

Ich klicke auf das Nutzerprofil. Die Leser geben sich Nutzernamen wie klüger , knueppelhart oder Lügenpresse. M. nennt sich jgmischke. Er hat schon rund 500 Kommentare geschrieben. Unter einer Meldung, die davon handelt, dass die EU-Kommission Bauern wegen der Ernteausfälle durch die EHEC-Seuche entschädigen will, kommentiert er: "Die gesamte EU-Kratie verkommt immer mehr zu einem Selbstbedienungsladen." Ein andermal schreibt er: "Realistisch betrachtet wird die ganze EU in Flammen stehen, bevor auch hier die Fackeln rausgeholt werden." Unter seinen letzten Kommentaren ist nur ein freundlicher. Er steht unter einem Rezept von Wolfram Siebeck.

Wenn Journalisten wissen wollen, was die Bürger denken, sind sie genauso auf Umfragen angewiesen wie Politiker. Oder sie lesen die Kommentare auf den Nachrichtenseiten im Netz. Nähme man die Kommentare zur Euro-Krise zum Maßstab, müsste es in Deutschland längst eine Mehrheit gegen den Euro geben. Gegen Hilfen für Griechenland. Gegen Kredite für Portugal. Für ein Ende der Währungsunion. Würde man nur die Kommentare von M. lesen, wären alle Politiker korrupt, geldgierig und die Demokratie am Ende. Woher kommt diese Enttäuschung, diese Wut?

Erst hält M. die Mail für einen Scherz

"Na, Sie haben sich aber rausgeputzt", sagt M. Er trägt ein lila Poloshirt, ich ein Hemd. M. ist ein stämmiger Mann, der sich etwas ungelenk bewegt, eine Brille mit dünnem Rand und einen Bart trägt, der die Wangen nicht bedeckt, dafür aber den Mund umschließt. Als wir in seinen Fiat steigen, merke ich, wie überrascht ich bin. Ich habe ihn mir anders vorgestellt, vielleicht weniger normal, aggressiver im Auftreten. Vielleicht habe ich sogar einen Arbeitslosen erwartet, jemand, dem es offensichtlich schlechter geht, und schäme mich für den Gedanken.

M. steuert das Auto an Fachwerkhäusern hinter gusseisernen Zäunen und an Kornfeldern vorbei, die golden leuchten, bis die Straße unter Bäumen endet. "Ich habe Sie gewarnt", sagt M. "Weit draußen".

Ich hatte M. eine Mail geschrieben. Ob ich ihn besuchen kann. Ich würde gerne hören, warum er so wütend ist, auf Europa, auf die Politik. Seine Antwort kam nur zwei Stunden später. Erst habe er meine Mail für Spam gehalten, für einen Scherz. Dann aber fand er die Idee ganz "reizvoll". Er schickte mir seine Adresse: eine Kleinstadt in Westfalen. Wenn ich pünktlich sein wolle, sollte ich besser einen Tag früher losfahren, scherzte er. Er lebe wirklich weit draußen.