Zu Besuch beim Leser"Ohnmacht macht wütend"

Auf ein Plädoyer für mehr Europa bekommt unser Redakteur Philip Faigle wütende Kommentare. Er beschließt, einen der Leser zu besuchen. Woher kommt die Wut auf Brüssel? von 

Gartenzaun in der Vorstadt: Wer die Leser-Kommentare zur Euro-Krise liest, hat den Eindruck, der Euro habe längst keine Mehrheit mehr

Gartenzaun in der Vorstadt: Wer die Leser-Kommentare zur Euro-Krise liest, hat den Eindruck, der Euro habe längst keine Mehrheit mehr  |  © Andreas Siegel/Photocase

Das erste Mal begegne ich M. unter einem unserer Texte. Ein Kollege hatte ein Interview mit Klaus Kinkel geführt, dem letzten Außenminister im Kabinett von Helmut Kohl. Kinkel lobt Europa, er sagt, dass Deutschland einstehen muss für die armen Länder der Währungsunion. Unter dem Text gibt es fast 200 Kommentare. Nummer 105 ist von M.: "Das kommt davon, wenn man Schaumschlägern und Luftblasenabsonderern das Terrain überlässt." Gemeint ist Kinkel. Europa habe vor allem für jene Menschen "Tor und Tür" geöffnet, die sich nur "ihrem eigenem Bankkonto verpflichtet fühlen". Wie die da "oben" die da "unten" behandeln? M. findet: "Wie Dreck".

Wer in einer Online-Redaktion arbeitet, kennt solche Kommentare. Manchmal sind es Politiker oder Firmenchefs, die beschimpft werden, manchmal sind es die Autoren selbst. Regelmäßig wird uns Journalisten vorgeworfen, "dumm" oder sogar "käuflich" zu sein. Manche Leser googeln sogar die Namen der Autoren und verwenden Details der Biografie, um den Redakteur anzugreifen. Einmal schrieb ein Leser unter einem meiner Texte, es wäre besser, man würde mich gleich aus Europa ausweisen.

Anzeige

Ich klicke auf das Nutzerprofil. Die Leser geben sich Nutzernamen wie klüger , knueppelhart oder Lügenpresse. M. nennt sich jgmischke. Er hat schon rund 500 Kommentare geschrieben. Unter einer Meldung, die davon handelt, dass die EU-Kommission Bauern wegen der Ernteausfälle durch die EHEC-Seuche entschädigen will, kommentiert er: "Die gesamte EU-Kratie verkommt immer mehr zu einem Selbstbedienungsladen." Ein andermal schreibt er: "Realistisch betrachtet wird die ganze EU in Flammen stehen, bevor auch hier die Fackeln rausgeholt werden." Unter seinen letzten Kommentaren ist nur ein freundlicher. Er steht unter einem Rezept von Wolfram Siebeck.

Wenn Journalisten wissen wollen, was die Bürger denken, sind sie genauso auf Umfragen angewiesen wie Politiker. Oder sie lesen die Kommentare auf den Nachrichtenseiten im Netz. Nähme man die Kommentare zur Euro-Krise zum Maßstab, müsste es in Deutschland längst eine Mehrheit gegen den Euro geben. Gegen Hilfen für Griechenland. Gegen Kredite für Portugal. Für ein Ende der Währungsunion. Würde man nur die Kommentare von M. lesen, wären alle Politiker korrupt, geldgierig und die Demokratie am Ende. Woher kommt diese Enttäuschung, diese Wut?

Erst hält M. die Mail für einen Scherz

"Na, Sie haben sich aber rausgeputzt", sagt M. Er trägt ein lila Poloshirt, ich ein Hemd. M. ist ein stämmiger Mann, der sich etwas ungelenk bewegt, eine Brille mit dünnem Rand und einen Bart trägt, der die Wangen nicht bedeckt, dafür aber den Mund umschließt. Als wir in seinen Fiat steigen, merke ich, wie überrascht ich bin. Ich habe ihn mir anders vorgestellt, vielleicht weniger normal, aggressiver im Auftreten. Vielleicht habe ich sogar einen Arbeitslosen erwartet, jemand, dem es offensichtlich schlechter geht, und schäme mich für den Gedanken.

M. steuert das Auto an Fachwerkhäusern hinter gusseisernen Zäunen und an Kornfeldern vorbei, die golden leuchten, bis die Straße unter Bäumen endet. "Ich habe Sie gewarnt", sagt M. "Weit draußen".

Ich hatte M. eine Mail geschrieben. Ob ich ihn besuchen kann. Ich würde gerne hören, warum er so wütend ist, auf Europa, auf die Politik. Seine Antwort kam nur zwei Stunden später. Erst habe er meine Mail für Spam gehalten, für einen Scherz. Dann aber fand er die Idee ganz "reizvoll". Er schickte mir seine Adresse: eine Kleinstadt in Westfalen. Wenn ich pünktlich sein wolle, sollte ich besser einen Tag früher losfahren, scherzte er. Er lebe wirklich weit draußen. 

Leserkommentare
    • Kyriae
    • 04. August 2011 16:34 Uhr

    die soviel Arsch in der Hose hat und nicht sofort jeden meiner Kommentare wieder löscht.
    Vor nicht knapp einer halben Stunde habe ich micht telefonisch mit der Redaktion einer Online-Ausgabe eines großen deutschen Magazins in die Wolle bekommen weil sie sachliche Texte sofot ablehnt und die veröffentlichten Kommentare nur voll von Hetze ist. Da kann es dann schon mal sein, dass die Kommentare in dem einzigen "Blatt" das veröffentlicht nicht mehr ganz so sachlich sind.

    Ich bin ehrlich: Ich bin nicht nur von den Politikern, Managern, Bankern enttäuscht sondern vor allem von den Medien, die ihren Job meines Erachtens nicht mehr ernst nehmen.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    oder wars doch der Spiegel?

    An beiden kann man verzweifeln - wie auch bei ARD und ZDF.

  1. "Das ist ganz einfach: Man geht zur Fraktionssitzung einer Partei, sagt: "ich bin der neue, ich komm jetzt öfter" und macht mit!"

    Funktioniert auch bei Gewerkschaften :-). Hab ich gerade probiert. Aber Gewerkschaften scheinen auch uncool zu sein.

  2. weil sie von Kommunalpolitikern und ihren Seilschaften nur gehört werden, wenn sie auf den Tisch hauen...

    Sollten diese es dann danach wagen auch noch in den Stadtrat einzuziehen, wird Gott und die Welt in Bewegung gesetzt, dass genau dies nicht passiert.

    Es gibt kaum einen Verein oder eine Institution in die schwerer reinzukommen ist, als ein Stadtrat einer kleinen Kommune.

    Die örtlichen Baulöwen, Architekten, Handwerker haben die Sitze in den Parteien schon längst unter sich ausgemacht, teilweise werden sie dann auch noch vererbt.

    Sorry, meine Erfahrung.

    Aber ich bin dann nicht mal wütend, denn für die sporadischen Wutbürger habe ich auch wenig Verständnis, obwohl manchmal schon:

    Wenn sich die GRÜNEN hinstellen für ein Windrad - das im Jahr 2003 genehmigt wurde, bisher aber nicht realisiert wurde, weil der Investor fehlte - uns sagen: Die Pläne lagen doch jahrelang aus, warum habt Ihr Euch nicht früher beschwert, jetzt gilt für die Verträge Rechtssicherheit!

    Die gleichen GRÜNEN, die mir dann im Stadtrat erzählen, warum man gegen Stuttgart 21 sein solle, obwohl dort die gleichen Argumente angewendet werden könnten? Jahrelange Planungen, gültige Verträge...

    Diese Inkonsequenz ist es, die viele Bürger aufregt.

    Argumente werden gedreht und gewendet, wie es beliebt. Da fehlt jegliche Glaubwürdigkeit und das ist das Hauptproblem.

    4 Leserempfehlungen
  3. Herr Faigle: Ihr Besuch in Ehren, aber warum um Himmelswillen halten sie einen verbitterten Blogger denn bloß für das Beispiel eines aufgeklärten ZEIT-Lesers? Sollten alle in Zukunft ihre Aggression nicht mehr unter Kontrolle haben können sie sich auf Besuch aus Hamburg freuen. Wer in diesem Land ist denn nicht erzürnt, zurecht? Aber was nun ausgerechnet ein Musterbeispiel eines Internetschreibers? Vielleicht wäre der Mensch weniger agrressiv, wenn er sich in irgendeiner Weise an der Gestaltung des Landes beteiligen würde?

    Nur mal so ein Ratschlag eines verwunderten Lesers.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sorry, der Vergleich muss sein, die Stimmung ist mittlerweile ähnlich.

    Da Sie weder meinen Kommentar verstanden haben noch an wirklicher Kommunikation interessiert sind will ich Ihren Monolog nicht stören, toben Sie sich woanders aus.

  4. "Das ist ganz einfach: Man geht zur Fraktionssitzung einer Partei, sagt: "ich bin der neue, ich komm jetzt öfter" und macht mit! "

    Yoo, nur darf man da keine abweichende Meinung haben. Und die habe ich leider bei JEDER Partei ;-)

    7 Leserempfehlungen
  5. Die Beratungsressistenz ist schon beeindruckend.
    Hausverstand, Augenmaß, Bauchgefühl sind Bewertungs-mechanismen, die uns Menschen den Weg bis ins
    21. Jahrhundert ermöglicht haben, und wir sollten es
    eigentlich noch weiter schaffen.
    Das sind alles höchst unwissenschaftliche Werkzeuge,
    ich weiß, aber sie haben funktioniert.
    Leider "darf" das heute nicht mehr sein, oder es ist uncool,
    und keine/r will zugeben, daß er/sie ein "ungutes Gefühl"
    bei einer Sache hat, und deshalb die Finger davon läßt.
    Ein bißchen Hausverstand würde ja schon reichen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Gute Idee"
  6. Sorry, der Vergleich muss sein, die Stimmung ist mittlerweile ähnlich.

    2 Leserempfehlungen
  7. "Machen Sie das ganze bei der FAZ und Sie bekommen ein total gegensätzliches Meinungsbild unserer Gesellschaft."

    Nein, lesen Sie mal die FAZ-Kommentare. Es ist mittlerweile ein gesamtgesellschaftliches Problem, das hier zu Tage tritt und das sollte Politik und Medien zu denken geben.

    4 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Grüne | Klaus Kinkel | CDU | Helmut Kohl | Europäische Union | Fiat
Service