Der Ort für die Krisensitzung war bezeichnend. Der Elysée-Präsidentenpalast, wo Frankreichs Staatschef am Mittwoch seine Minister aus dem Urlaub zusammentrommelte, ist derzeit eine einzige Baustelle. An dem altersschwachen Gebäude arbeiten 350 Handwerker im Schichtbetrieb, um seine Mauern und Decken vor dem Einsturz zu bewahren. Drinnen mühte sich das Kabinett, das bröckelnde Vertrauen der Finanzmärkte in Frankreich zu kitten – und musste dann zusehen, wie die Aktienkurse der Großbanken einkrachten.

Seit erste Mutmaßungen aufkamen, dass Frankreich nach den USA das nächste Land sein könnte, das seine Triple-A-Bewertung verliert, ist nicht mehr Sarkozy der oberste Befehlshaber. Analysten und internationale Investoren haben ihm das Heft aus der Hand genommen. Wollte der Präsident noch am Dienstagmorgen keinesfalls seinen Urlaub mit der schwangeren Ehefrau Carla Bruni-Sarkozy im südfranzösischen Landhaus der Schwiegereltern unterbrechen, um nur ja keine Panik an den Märkten auszulösen, eilte er am Abend doch in die Hauptstadt.

Binnen zwei Wochen sollen die Minister Sparvorschläge vorlegen, forderte er. Und das neun Monate vor der nächsten Präsidentschaftswahl. Seine Beliebtheit dürfte das nicht steigern. Denn die Franzosen können sehr zimperlich sein, wenn man ihnen lieb gewonnene Vergünstigungen kappen will. Da war es schon mutig, wie jüngst die auf 50 Prozent der Einkommen festgelegte Deckelung der Steuerlast zu kippen. Als der Gesetzestext am 30. Juli im Amtsblatt Journal Officiel abgedruckt wurde, ging ein langer Kampf zu Ende. Vor allem Sarkozy hatte monatelang mit sich gerungen.

Die 2007 nach seiner Wahl großzügig eingeführte Obergrenze war tatsächlich vor allem sehr reichen Franzosen zu Gute gekommen. Sie erhielten Schecks mit jeweils mehreren Hunderttausend Euro, während Monsieur Tout-le-Monde – der französische Otto Normalverbraucher – in die Röhre guckte. Und im Zuge der europäischen Schuldenkrise schien diese Sparmaßnahme mehr als angebracht. Doch es ging um den Symbolgehalt des bouclier fiscal : Sarkozy hatte versprochen, die Steuern während seiner Amtszeit nicht zu erhöhen. Kein Staatsbürger zahlt gerne Steuern, aber in Frankreich hängen die Bürger sehr an einmal gemachten Versprechen.

So gingen im vergangenen Herbst auch Hunderttausende wochenlang auf die Straße, um gegen die Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters zu protestieren, das mit seiner Altersgrenze von 62 Jahren eine europäische Ausnahmeerscheinung – und vor allem ein nicht mehr zu finanzierender Luxus war. Die Mehrheit der Franzosen war einsichtig genug, die Notwendigkeit von Reformen zu Gunsten des Staatshaushalts zu erkennen. Genauso wie generell Sparmaßnahmen als unvermeidlich betrachtet werden. Aber bitte nicht zu ihren Lasten. Soll der Präsident doch auf das jährliche Fest im Garten des Elysée-Palasts am Nationalfeiertag des 14. Juli verzichten und Minister feuern, die auf Staatskosten für 12.000 Euro Zigarren bestellen oder mit Regierungsmaschinen in der Welt herumjetten. Oder nicht gerade jetzt den Elysée-Palast für rund 15 Millionen Euro renovieren lassen.

Es ist paradox. Wenn die Märkte nun nur auf der Aberkennung des Triple-A-Status' für Frankreich spekulieren, dann fürchten die Franzosen selbst bereits seit vorigem Jahr sehr viel Übleres. Laut einer Umfrage des französischen Meinungsforschungsunternehmens Ifop gingen zuletzt zwei von drei Franzosen davon aus, dass Frankreich in den nächsten Jahren ähnlich wie Griechenland, Irland und Portugal finanzielle Hilfe von EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds benötigen könnte. Zum Vergleich: Nur 46 Prozent der Deutschen halten es für möglich, dass Deutschland in eine derart prekäre Lage kommen könnte.