Neu angekommene somalische Flüchtlinge warten in Dadaab darauf, registriert zu werden. © Tony Karumba/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Frau Jung, Sie sagen, die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika sei die Folge einer falschen Liberalisierungspolitik der Industriestaaten. Aber haben nicht vor allem Dürre und Bürgerkrieg die Not verursacht?

Anne Jung: Die Liberalisierung der Märkte hat die Menschen verwundbarer gemacht. Begonnen hat die Entwicklung im Jahr 1990, als der Internationale Währungsfonds und die Weltbank mit dem Washington Consensus den Rückzug des Staates aus der Wirtschaft forderten. Seither mussten viele Kleinbauern unter dem Druck der Konkurrenz aufgeben. Arme Länder wurden gezwungen, funktionierende staatliche Subventionssysteme abzubauen. Am Horn von Afrika traf das vor allem Kenia, das seine Getreidesubventionen kürzen musste. Dadurch hat sich die lokale Versorgung stark verschlechtert.

ZEIT ONLINE: Somalia ist besonders schlimm vom Hunger betroffen. Leidet das Land auch besonders unter der Politik des Westens?

Jung: Die jahrzehntelangen Konflikte und die Dürre sind eine ganz zentrale Ursache für Somalias Katastrophe. Aber die Ideologie offener Märkte verschlimmert den Hunger. Sie schwächt die Kleinbauern, denen eine Schlüsselrolle in der Hungerbekämpfung zukommt. Agrarspekulation hat das Angebot an Nahrungsmitteln zusätzlich verknappt und die Preise in die Höhe getrieben. Dadurch war es der Regierung unmöglich, Vorräte anzulegen.

Die Bedürfnisse der Bevölkerung in Somalia wurden und werden von der Politik der Industrienationen nicht berücksichtigt. Das war schon nach dem Zusammenbruch des somalischen Staates 1991 spürbar. Damals haben Fangflotten aus der Europäischen Union und Asien die somalischen Küstengewässer leer gefischt. Der Welternährungsorganisation FAO zufolge erwirtschafteten die Fischfangunternehmen dadurch 300 Millionen Dollar pro Jahr. Die lokalen Fischmärkte aber wurden durch sie zerstört.

ZEIT ONLINE: Aber die Industrienationen sind nicht allein verantwortlich für die Not. Die äthiopische Regierung zum Beispiel hat nicht nur den Markt für ausländische Investoren geöffnet oder Zölle gesenkt, sondern fördert aktiv den Ausverkauf des Landes .

Jung: Beschleunigt durch den Anstieg der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt begann 2008 ein Run auf landwirtschaftliche Flächen in Afrika, Südamerika und Asien. Es stimmt, dass nicht nur die Industrienationen die Schuld an der Misere tragen. Aber sie bereichern sich, und sie setzen die afrikanischen Regierungen unter Druck. Hinzu kommt, dass für viele afrikanische Regierungen das Wohl der eigenen Bevölkerung nicht immer an erster Stelle steht. Äthiopien ist mit am stärksten von der Landnahme durch internationale Konzerne betroffen. Der Boden gehört dort dem Staat, es gibt keinen privaten Grundbesitz. Das ermöglicht es der Regierung, Geschäfte auf dem Rücken der Bevölkerung zu machen. Die Menschen erfahren oftmals erst vom Verkauf des von ihnen bewohnten Landes, wenn sie vertrieben werden. Dass sich einheimische Eliten daran genauso bereichern wie internationale Hedgefonds ist Teil des Systems. Diese Entwicklung hat mit dazu geführt, dass fast ein Drittel der Äthiopier von Hunger bedroht sind.

Die Karte zeigt das Ausmaß des Hungers am Horn von Afrika nach den Angaben der Vereinten Nationen. In den hell gefärbten Regionen ist die Versorgungslage angespannt. Am schlimmsten ist die Lage in den dunkelrot gefärbten Gebieten.  

ZEIT ONLINE: Weltbank und Internationaler Währungsfonds haben den Washington Consensus vor einiger Zeit revidiert. Wirkt sich das nicht auf die Entwicklungspolitik der Industrieländer aus?

Jung: Nicht in der Europäischen Union. Die europäische Rohstoffinitiative beispielsweise führt die Position des Washington Consensus weiter. Die afrikanischen Länder werden gezwungen, Schutzzölle für seltene Rohstoffe abzuschaffen. Dabei sind die Zölle für die Regierungen oft die einzige Chance, nennenswerte Einnahmen zu erzielen. Die bräuchten sie dringend, um funktionierende Gesundheitssysteme aufzubauen und die Armut zu bekämpfen.