Ein libyscher Rebell hält Wache an einem Checkpoint nahe des Ölhafens von Ras Lanuf. © Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images)

Zunächst: Libyen ist eines der reichsten Länder Nordafrikas. Zwar ist es weniger entwickelt als seine Nachbarländer. Aber mit seiner hohen Abhängigkeit vom Energiesektor – rund 95 Prozent des Bruttoinlandsproduktes wird hier erwirtschaftet – und mit seiner kleinen Bevölkerung – rund vier Millionen Menschen – ähnelt es strukturell eher den reichen kleinen arabischen Staaten.

Anders als seine Nachbarn wählte Libyen hingegen lange Zeit eine sozialistische Wirtschaftsordnung und keine paternalistisch-kapitalistische. Erst in den letzten Jahren, insbesondere seit der "Aussöhnung" mit dem Westen, wurde eine leichte Liberalisierung eingeleitet. Sie führte aber nicht dazu, dass der lähmende staatliche Einfluss auf die Wirtschaft, vor allem die erdrückenden staatlichen Routinen, kleiner wurde. Stattdessen verkam das Land immer mehr zu einem Selbstbedienungsladen für die herrschende Elite.

Zwar wurde auch der Handel liberalisiert. Allerdings traten schnell Monopole herrschender Familien auf den Plan, die einzelne Importeure zum Aufgeben zwangen. Die meisten Unternehmen verblieben unter staatlicher Kontrolle. Trotz aller Widrigkeiten haben sich in den letzten Jahren einige private Unternehmen mit qualitativ guten Produkten positioniert, vor allem im Lebensmittelsektor. Obwohl viele Hochschulen meist noch auf dem Stand der fünfziger Jahre sind – eine Ausnahme ist der boomende IT-Sektor – hat das Land einen sehr hohen Anteil an akademischen Absolventen aller Fachrichtungen. Sie wurden noch nie herausgefordert, es fehlt ihnen an Erfahrung und Praxis. Schätzungen zufolge ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung arbeitslos.

An finanziellen Ressourcen mangelt es dem Land nicht. Das libysche Vermögen wird auf rund 150 Milliarden Dollar geschätzt. Vermutlich liegt die Summe noch höher, weil das Land wegen der UN-Sanktionen gewöhnt war, sein Geld in Sicherheit zu bringen. Hinzu kommen Goldreserven im Wert von rund zehn Milliarden Dollar. Es fehlt Libyen also weniger an Geld als an dem Wissen, wie die Ressourcen am besten einzusetzen sind. Das unterscheidet den Fall Libyen von Tunesien und Ägypten, wo die Regierungen mit wenig Geld in kurzer Zeit die hohen Erwartungen der Bevölkerung erfüllen müssen.

Was also ist nach dem Ende der Kampfhandlungen zu tun?

In einem ersten Schritt gilt es sicherzustellen, dass alle ausstehenden Gehälter gezahlt werden – wenn möglich, auch noch die Gehälter der nächsten Monate. Seit sechs Monaten leben die meisten Libyer auf Pump oder vom Verkauf ihres Eigentums. Fließen wieder Gehälter, springt der Binnenmarkt wieder an und Händler werden motiviert, wieder Waren heranzuschaffen. Die Importregeln sollten vereinfacht und die Banken angehalten werden, Kredite ohne große Prüfung an die Händler zu vergeben.

Das neue Regime sollte darüber hinaus den Familien von Toten und Verletzten möglichst schnell helfen. Wer seinen Besitz verloren hat oder sein Haus reparieren muss, braucht Unterstützung. Wenn wieder aufgebaut wird, hilft das dem Arbeitsmarkt, und erst recht ist es gut für die soziale Ruhe und die Versöhnung nach den Kriegsmonaten. Arbeitskräfte könnten zudem in reconstruction forces, die der Staat und die Kommunen initiieren und koordinieren können, eingebunden werden. An diesen Gruppen sollte sich auch der private Sektor beteiligen. Der Staat und internationale Organisationen könnten Baumaterial, Pläne und Expertise bereitstellen.

Zweitens müssen die Ölexporte innerhalb der nächsten sechs Monate wieder aufgenommen werden. Die Ölgesellschaften werden in das Land zurückkehren wollen, wenngleich sie auch die bisherigen Verträge, die das Gadhafi-Regime bevorteilen, neu verhandeln wollen.
Allerdings stellt sich langfristig die Frage, ob Libyen die ausländischen Firmen überhaupt braucht. Das Land hat nunmehr seit 50 Jahren Erfahrung im Ölgeschäft. Worauf es jetzt ankommt, sind keine High-Tech-Projekte westlicher Konzerne, sondern solche, die viele Menschen in Arbeit bringen. Die neue Regierung sollte die Begehrlichkeiten der westlichen Unterstützer der Rebellion abwehren, auch wenn diese auf eine Rente für ihre Hilfe drängen werden.