Ökonomen sehen im überraschend geringen Wachstum der deutschen Wirtschaft keinen Grund zur Panik. "Das ist zwar ein deutlicher Dämpfer, bedeutet aber kein Ende des Aufschwungs", sagt Ferdinand Fichtner, Leiter der Konjunkturabteilung beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Der Trend weist in der Industrie weiterhin aufwärts, wenngleich sich ein Tempoverlust abzeichnet." Auch der Konsum werde wieder anspringen.

Zuvor hatte das Statistische Bundesamt mitgeteilt, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland im zweiten Quartal nur um 0,1 Prozent zugelegt hat. Experten waren von einem Wachstum zwischen 0,2 und 0,8 Prozent ausgegangen. Schuld waren den Statistikern zufolge vor allem rückläufige Investitionen im Baugewerbe und ein schwacher privater Konsum.

Dass weniger gebaut wird, hält Fichtner für eine Reaktion auf die überlasteten Kapazitäten im ersten Quartal, als das gute Wetter für einen Bau-Boom sorgte. Irritierender sei die niedrige Konsumnachfrage. Die meisten Ökonomen hätten damit gerechnet, dass der Aufschwung, durch den Export getrieben, die Binnennachfrage antreiben würde, so Fichtner.

Rolf Schneider, Chefvolkswirt der Allianz, sieht die Ursache für den schwachen Konsum im gestiegenen Ölpreis, der Benzin und Heizöl verteuert habe. Der ist aber mittlerweile wieder deutlich gefallen. Ein Fass der Sorte WTI kostet derzeit rund 87 Dollar, im Juni waren es noch 100 Dollar.

Positive Impulse kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von den Exporten und den Investitionen. Da die Importe aber stärker zunahmen als die Ausfuhren, wirkte sich der Außenbeitrag insgesamt negativ auf die Wirtschaftsentwicklung aus.

Dennoch seien die deutschen Exporte nach wie vor stark, genau wie die Unternehmensinvestitionen, sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW). "Die Mechanik des Aufschwungs ist immer noch intakt", sagte Hüther. "Die deutsche Industrie ist auf den Weltmärkten gut aufgestellt." Die weitere Entwicklung einzuschätzen, falle allerdings schwer: Der niedrige private Verbrauch lege nahe, dass die Konsumenten verunsichert seien – ein kaum kalkulierbarer Faktor.

Dennoch rechnet Hüther nach wie vor mit einem Jahreswachstum von rund drei Prozent, genau wie Ferdinand Fichtner und Rolf Schneider. Das IW war vor den jüngsten Zahlen von 3,5 Prozent Wachstum im Jahresdurchschnitt ausgegangen, das DIW von 3,2 Prozent. 

Andere Ökonomen wollen mit Prognosen abwarten, bis am 1. September die genau aufgeschlüsselten Zahlen vorliegen. "Ich bin überrascht", sagt Gustav Horn, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), "und natürlich enttäuscht: Alle Indikatoren haben auf ein höheres Wachstum hingedeutet." Einbrüche im Baugewerbe und im privaten Konsum reichten kaum aus, um die Zahlen zu erklären. Horn traut ihnen deshalb noch nicht: Er vermutet, Saisoneffekte wie etwa die Entwicklung im Baugewerbe könnten einen erheblichen Anteil am schlechten Abschneiden der deutschen Wirtschaft haben.

Die Konjunkturflaute betrifft indes nicht nur die Bundesrepublik, sondern ganz Europa: Die Wirtschaft der Euro-Zone wuchs um nur 0,2 Prozent, im ersten Quartal waren es noch 0,8 Prozent. In Spanien lag das Wachstum ebenfalls bei lediglich 0,2 Prozent, die französische Wirtschaft stagnierte sogar .

Die Auswirkungen auf die Euro-Krise sind unklar. Volkswirte der Commerzbank befürchten, dass in den zahlungskräftigen Euro-Ländern die Bereitschaft sinkt, die Krisenländer finanziell zu unterstützen. "Wenn die Euro-Krise nicht mehr bekämpft werden könnte, dann bekommen wir noch mehr Probleme", prognostiziert Gustav Horn vom IMK.