Sie haben gezögert und ihre Entscheidung immer wieder aufgeschoben. Seit Monaten drohte die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) damit, die USA herabzustufen – auch wegen des erbitterten Stellungskriegs, den sich Demokraten und Republikaner in den USA um höhere Steuern und niedrigere Staatsausgaben leisten. Die Regierung war handlungsunfähig und stand kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Nach dem halbherzigen Kompromiss Ende Juli verlor S&P schließlich die Geduld – und stufte einen der wichtigsten Kunden zum ersten Mal in der Geschichte herab . Jedes andere Land, das sich einen ähnlichen Zirkus erlaubt hätte, wäre schon viel eher bestraft worden.

Diese Zurückhaltung ist kein Zufall. Rating-Agenturen messen oft mit zweierlei Maß. Viele Beobachter haben es lange vermutet, ein dreiköpfiges Forscherteam hat es jetzt erstmals empirisch belegt: Rating-Agenturen reden wichtigen Auftraggebern nach dem Mund, zeigen die Forscher Jie He (University of Georgia), Philip Strahan und Jun Qian (beide Boston College).

Grund dafür dürfte das Geschäftsmodell der Agenturen sein, das massive Interessenskonflikte birgt. S&P und Co. bekommen ihr Geld nicht von Investoren auf den Finanzmärkten, die ihre Urteile nutzen und ein Interesse an kritischen Ratings haben. Bezahlt werden sie von den Emittenten der Wertpapiere, die sich positive Urteile wünschen, weil sie dann weniger Zinsen bezahlen müssen.

Wichtige Auftraggeber, die S&P, Moody's und Fitch besonders viel Gebühren einbringen, bekommen eine Vorzugsbehandlung, zeigen He, Strahan und Qian. In ihrer Studie nahmen sie sich das Epizentrum der Finanzkrise vor: den Markt für verbriefte Hypothekenkredite in den USA, sogenannte Mortgage Backed Securities (MBS). Rund 60 Prozent aller Papiere gaben die Rating-Agenturen die Bestnote AAA. Auf dem Papier waren sie damit so sicher wie US-Staatsanleihen, warfen gleichzeitig aber deutlich höhere Renditen ab. Ab dem Sommer 2007 aber erwiesen sich die MBS-Papiere reihenweise als wertlos. Die Bewertung der Produkte hatte sich bis zur Krise zu einer wichtigen Einnahmequelle für die Rating-Agenturen entwickelt. 2006 machte Moody's satte 44 Prozent seines Umsatzes mit strukturierten Produkten.

Die Ökonomen um Jie He trugen die Urteile der drei großen Rating-Agenturen zusammen und untersuchten, welche Noten sie vor der Krise verbrieften Hypothekenkrediten gegeben hatten. Die Forscher stießen dabei auf einen frappierenden Zusammenhang: Je größer der Marktanteil eines Finanzhauses bei den MBS-Papieren war, desto häufiger bekamen die Finanzprodukte dieses Anbieters die Bestnote AAA. Objektiv gerechtfertigt war dieses Urteil keineswegs. Diese Papiere bestanden aus riskanteren Krediten und verloren später rund zehn Prozent mehr an Wert als die Produkte der kleineren Konkurrenten. "Durch ihre Dominanz hatten die großen Anbieter eine beträchtliche Verhandlungsmacht gegenüber den Rating-Agenturen", schreiben die Forscher.

Wie aber lässt sich dieses Dilemma lösen? Naheliegende Vorschläge gehen ins Leere. Die Nutzer für die Urteile zahlen zu lassen, ist nur schwer möglich. Schließlich spricht sich das Urteil einer Agentur schnell auf dem Markt herum. Investoren können leicht als Trittbrettfahrer von der Arbeit der Agenturen profitieren, ohne selbst für die Informationen Geld ausgeben zu müssen.