Am liebsten illustriert Edward Glaeser seine Thesen mit einem Foto der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Im Februar war dort das Zentrum der Massenproteste, die den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak zum Rücktritt zwangen. "Viele Leute sprechen von der Facebook- und Twitter-Revolution", sagt der Harvard-Professor.

Doch das sei so nicht ganz richtig: "Die Revolution in Ägypten war in erster Linie eine Stadtrevolution." Natürlich hätten Onlinemedien wie Twitter und Facebook eine wichtige Rolle für die Koordination der Proteste gespielt. Aber nur, weil sich so viele Menschen an einem zentralen Ort in der wichtigsten Stadt des Landes trafen, hätte der Protest seine politische Durchschlagskraft entwickeln können.

Nicht nur politisch, auch gesellschaftlich und ökonomisch ist die Bedeutung von Städten kaum zu unterschätzen – davon sind Wirtschaftsgeografen und -historiker überzeugt. Immer mehr Ökonomen untersuchen daher, unter welchen Umständen urbane Zentren florieren, warum die Menschen in Städten produktiver sind und wie Entwicklungsländer davon profitieren können.

Größte Kluft in Entwicklungsländern

Ökonomen wissen heute, dass wirtschaftlicher Wohlstand und Prosperität fast ausschließlich in Metropolen entsteht – sowohl in Industrieländern als auch in Entwicklungsländern. So sind in den Vereinigten Staaten Beschäftigte, die in Städten mit mehr als einer Million Einwohner leben, 50 Prozent produktiver als Landbewohner – selbst, wenn man die Ausbildung, die Berufserfahrung, und die Branche, in der die Menschen arbeiten, berücksichtigt.

Noch deutlicher wird das Phänomen bei einer Beispielrechnung, die Harvard-Ökonom Glaeser in einem jüngst erschienenen Buch "Triumph of the City" aufmacht: Demnach verdienen die 600.000 Menschen, die in Manhattan zwischen der 41. und der 59. Straße arbeiten, zusammen mehr als sämtliche Einwohner der US-Bundesstaaten Oregon oder Nevada.

Am größten ist die Kluft zwischen Stadt und Land in Entwicklungsländern - Armut ist dort vor allem ein Problem der Provinz: Nach Angaben der Weltbank leben 75 Prozent aller Armen auf der Welt in ländlichen Regionen.

Paul Romer, Volkswirt an der New York University, will daher mit Städten, die auf der grünen Wiese neu gegründet werden, die Armut in der Dritten Welt bekämpfen. Nach dem Vorbild Hongkongs, das bis 1997 unter britischer Verwaltung stand, will er in Afrika und Lateinamerika neue Metropolen gründen, deren Polizei und Verwaltung von Industriestaaten organisiert werden sollen. Solche "chartered cities" würden schnell zu Wachstumsmotoren, ist Romer überzeugt.