Blick auf das Kempinski Grand Hotel (rechts) im Ostseebad Heiligendamm © Bernd Wüstneck/dpa

Auf den ersten Blick scheint der Vorschlag absurd: Die Koalition einigt sich, die Steuern zu senken – und um das zu finanzieren, fordert Norbert Barthle, der Haushaltsexperte der CDU , die Steuern an anderer Stelle zu erhöhen. Doch Barthles Idee ist nicht so widersinnig, wie sie zunächst scheint. Und wer behauptet, Barthle schlage vor, die Kosten des geplanten Steuergeschenks bei den zu Beschenkenden einzutreiben – und so die Wähler hinters Licht zu führen – , der verfälscht schlicht die Zahlen.

Es stimmt: Die sogenannten Gutverdiener tragen die Hauptlast der Lohn- und Einkommensteuer in Deutschland. Die Hälfte des Steueraufkommens bestreiten jene acht Prozent der Steuerpflichtigen, die mehr als 66.200 Euro im Jahr verdienen. Aber das sind gar nicht die Steuerzahler, die Barthle zur Kasse bitten will, ganz im Gegenteil. Ihm zufolge sollen Gutverdiener mit einem Jahreseinkommen von mehr als 53.000, aber weniger als 70.000 oder 80.000 Euro sogar entlastet werden.

Die Reichen aber, deren Jahreseinkommen zwischen 100.000 und 250.000 Euro liegt: Sie sollen mehr als bisher zur Finanzierung der öffentlichen Haushalte beitragen.

Bisherige Reformen begünstigten Reiche

Sie profitierten in der Vergangenheit am stärksten von den Reformen in der deutschen Politik. Zwar zahlen die Deutschen heute insgesamt weniger Steuern als noch vor zehn Jahren. Doch Daten der OECD belegen, dass kinderlose Spitzenverdiener davon am meisten hatten . Das Einkommen der Reichen wächst seit den Neunziger Jahren schnell – ihr Anteil am Steueraufkommen in all den Jahren aber blieb konstant.

Zugleich ist der Spitzensteuersatz im internationalen Vergleich relativ niedrig . Als der damalige Finanzminister Hans Eichel ihn von fast 54 Prozent auf das heutige Niveau senkte, glaubte er noch, damit Steuerflüchtlinge zurück nach Deutschland locken zu können. Die dadurch mutmaßlich steigenden Erträge sollten die Verluste durch den niedrigeren Satz kompensieren. Heute weiß man, dass solche Kalkulationen nicht aufgehen. Was also läge näher, als den Spitzensteuersatz für besonders gut Verdienende zu erhöhen?

Dennoch, einen Haken hat Barthles Konzept: Seine Umsetzung würde Reiche kaum belasten, den öffentlichen Kassen aber zusätzliche Kosten in Milliardenhöhe bescheren, wie der Ökonom Frank Hechtner von der FU Berlin errechnet hat . Vielleicht müsste man den Spitzensteuersatz also noch stärker erhöhen, um die Entlastung an anderer Stelle zu finanzieren. Oder man verzichtet ganz auf Steuersenkungen . In Zeiten der Schuldenkrise wäre das vielleicht nicht die schlechteste Idee.