SchuldenkriseWie weiter, Amerika?

Der Niedergang der USA ist schon oft vorhergesagt worden. Noch hat die amerikanische Politik aber Zeit, die notwendigen Kurskorrekturen vorzunehmen. Kommentar von 

Wall Street Börse USA Schuldenkrise New York

Mitarbeiter der New Yorker Börse an der Wall Street beobachten die Aktienkurse.  |  © Stan Honda/AFP/Getty Images

Quo vadis, Amerika? Der lähmende Streit um die Anhebung der Schuldenobergrenze und nun die Herabstufung der Kreditwürdigkeit zeigen: Die USA sind in einer ernsten Krise. Sie sind jetzt der kranke Mann des Globus. Da sie die mit Abstand größte Volkswirtschaft sind, hängt von ihrer Entwicklung ab, ob die Weltwirtschaft zu Wachstum findet oder in die Rezession zurückfällt.

Beides ist möglich. Entweder erlebt die Welt gerade einen historischen Wendepunkt, an dem sich der Niedergang der Weltmacht, der Aufstieg anderer Mächte und der Wandel zu einer multipolaren Welt beschleunigen. Oder die USA begreifen die Herabstufung als ernste Warnung. Die Rating-Agentur Standard & Poor’s mag sich in ihrer Schuldenprognose um zwei Billionen Dollar verrechnet haben oder auch nicht – im Kern ihrer Analyse hat sie recht.

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Amerikas Problem ist nicht fehlende Wirtschaftskraft, sondern seine politische Klasse. Die USA sind kein Griechenland, sie haben auch nicht die Sorgen Italiens oder Spaniens. Sie können ihre aktuellen Rechnungen bezahlen und wären durchaus in der Lage, ihren Schuldenberg abzubauen – sofern die Politik den richtigen Weg einschlägt.  

Der "kranke Mann" Amerika

Die jüngsten zwei Jahrzehnte halten ein Mut machendes und ein abschreckendes Beispiel bereit: Deutschland und Japan. Japan wurde 1990 zum "kranken Mann Asiens" und hat bis heute aus der Stagnation nicht herausgefunden. Der Hauptgrund ist politische Lähmung. Deutschland galt in den 90er Jahren als der "kranke Mann Europas". Es hatte Strukturprobleme: von den Sozialkassen, die die Kosten einer alternden Gesellschaft kaum noch tragen konnten, über die Einwanderungspolitik bis zum Steuersystem. Der Regierung fehlte die Kraft zu Reformen.

Die Kosten der Einheit ließen den Schuldenberg noch schneller wachsen. Schwarz-Gelb wurde 1998 abgewählt. Rot-Grün leitete Reformen ein, beging aber handwerkliche Fehler. Bei der Reparatur des Sozial- und des Steuersystems musste nachgebessert werden. Den Stresstest der globalen Finanzkrise 2008 bestand Deutschland dann ziemlich gut, ist heute der starke Mann Europas und steht im Vergleich mit den Wirtschaftstigern anderer Kontinente sehr ordentlich da. Die Korrektur dauerte mehrere Jahre.

Leserkommentare
  1. "Die eigentliche Frage ist, ob Amerikas politische Klasse noch "Kredit" verdient, also Vertrauen.In Deutschland hat die Politik mehrere Jahre gebraucht."

    Wo geht denn die Andeutung hin? In Deutschland hat die politische Kaste ihren Kredit auch schon verjubelt, da brauchen wir nicht auf die USA zeigen.

    Wohin geht der ganze Artikel? Mehr Steuern und weniger Sozialausgaben und alles wird gut?

    "Amerikas Problem ist nicht fehlende Wirtschaftskraft, sondern seine politische Klasse."

    Da lach ich doch. Der US Wirtschaft fehlt es an der Schlagkraft des Mittelstandes, des produzierenden Gewerbes an sich. Für jeden klar ersichtlich, der sich mit der Thematik beschäftigt hat. Jahrelang wurden Arbeitsplätze und Firmen in diesem Wirtschaftszweig abgebaut, dafür billig aus dem Ausland eingeführt.

    Der Artikel ist irreführend und nicht zweckdienlich, versucht strukturelle Probleme mit dem Allvater Staat (Mehr Steuern und weniger Sozialleistungen) zu korriergieren.

    Eigentlich eine neue Linke. Früher hieß es: Mehr Staat, mehr soziales Handeln. Heute heißt es: Mehr Staat, weniger soziales Bewußtsein.

  2. Sagen zwei Millionäre zueinander, du zahlst meine Million Schulden ich deine Million Schulden. Kurz darauf merken sie, sie haben beide nichts.

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    dass bei so einer Aktion dazwischen viele kleine Banker sich eine goldene Nase verdient haben.
    Ein anderes Beispiel ist Griechenland, wo Deutschland erstmal dafür gesorgt hat, dass sie enorm herabgestuft wurden. Inzwischen hat Deutschland einige Millionen Euro damit verdient, Griechenland Kredite zu vermitteln. Alles klar?

  3. ...basiert nicht mehr auf WertSCHÖPFUNG - es basiert darauf, sich gegenseitig möglichst erfolgreich um bereits VORHANDENE Werte zu bescheißen. "Dog eat dog world"

    • BooNoc
    • 08. August 2011 10:06 Uhr

    1) "Die USA haben genug Zeit, Korrekturen einzuleiten."
    Dow Jones & Co. sind nach meinem Kenntnisstand extrem überbewertet, das Land hat eine erbärmliche Infrastruktur, die von billigem Erdöl abhängt, welches in naher Zukunft kaum noch zu niedrigen Preisen zu haben sein dürfte (Peak Oil), viele US-Atomkraftwerke sind tickende Zeitbomben, , es gibt in den USA an Länge und Intensität zunehmende Stromausfälle, pro Tag werden Jobs en masse wegfallen, weite Teile der Bevölkerung verarmen, die Schulden können sie schwerlich zurück zahlen, da man von der FED und deren Krediten abhängt, man kommt nur an Geld durch noch neue Schulden. Eine Reduzierung der Staatsschulden heißt doch nichts anderes, dass neue Schulden billiger sind. Nichts weiter. Sicher ist es ebenso unseriös, den Doomsday herauf zu beschwören. Wenn es Erholungen in den USA gibt, dann regional verschieden.

    2) "Deutschland steht wirtschaftlich ziemlich gut da."
    Ok, die alte Leier, das alte Lied. Ist ja egal, dass die Arbeitslosenzahlen enorm frisiert sind, viele in Leiharbeit abgeschoben oder in Hartz4 geparkt werden, ist ja egal, dass jedes 4. Kind praktisch arm ist und die Altersarmut macht ja auch nichts. Hauptsache ein paar Börsenindikatoren auf dem Papier sehen toll aus. Hinzu kommt, dass D gut da steht, weil es sich nur auf Export konzentriert hat und so eine wesentliche Schuld an der Euro-Krise trägt.

    Auf dieses Propagandagedöns fällt doch kaum noch einer rein, Herr von Marschall.

  4. Wenn Japan so krank ist, warum ist dann der Yen
    wie der Schweizer Franken eine Fluchtwährung,
    und warum wird er immer stärker ?

    http://de.finance.yahoo.c...

  5. Zitat: Das größte Hindernis für gesunde Einnahmen sind die Steuervergünstigungen für Konzerne und Spitzenverdiener.

    Das ist eine falsche Sicht auf die Dinge und zeugt von Nichtwahrnehmung der sozialen Ungleichgewichte durch den Autor. Nicht die Spitzenverdiener müssen höher oder überhaupt besteuert werden, sondern Vermögen und daraus resultierende leistungslose Einkommen müssen hoch besteuert werden, damit das leistungsbasierte Wohlstandsversprechen den Industriegesellschaften nicht verloren geht.

    Das Problem ist jedoch, dass die politische Establishments in den USA zu homogen geworden sind, zu elitär, ihren Nachwuchs aus sich selbst reproduzieren. Höhere Steuern auf leistungslose Einkommen durchzusetzen wäre eine Maßnahme, mit der diese Klasse Politik gegen sich selbst machte. Da erscheint es doch nur billig Renten zu kürzen. Darauf können sich alle verständigen...

    Ich vermute auch nicht, dass es zu großen Einsparungen im Militärhaushalt kommen wird. Dafür haben zu viele Abgeordnete die Interessen der militärischen Arbeitgeber in ihren Wahlkreisen zu vertreten. Im Gegenteil: wir werden in den nächsten Jahren eine noch aggressivere und brutalere US-Außenpolitik erleben, die zum Erhalt der Dollardominanz genutzt werden wird und die missbraucht werden wird von innenpolitischen Fehlentwicklungen abzulenken.

    ----

    Man ersetze hier einmal USA durch Deutschland und der Kommentar wäre genauso richtig.

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    Es wird sich bald niemand mehr in ausreichendem Umfang Waffenkäufe, Waffenvernichtung und -nachbeschaffung - sprich das Kriegsführen - mehr leisten können.

    Nicht zuletzt, da schon an den Beispielen Afghanistan, Irak und Lybien klar ersichtlich ist, daß die Kriegskosten und Kriegsfolgekosten der jeweils von außen beteiligten Mächte, die meinen ihre ausschließlich wirtschaftlichen Interessen so kostengünstiger durchsetzen zu können, schlicht und ergreifend viel zu teuer sind.

    Gerade die Geschichte der Verschuldung der USA zeigt, daß der Punkt, in dem sich ein Krieg rein wirtschaftlich bezahlt machen kann, heute längst überschritten ist. Man wird diesen Schuldenberg nicht mehr durch die nach Kriegsführungen übliche Inflation abtragen können, wie man es bisher getan hat. Man wird also auch die Waffenbeschaffung für das eigene Militär drastisch einschränken müssen und völlig überflüssige Militärkapazitäten abbauen müssen. Diese machen einen 25%-Anteil des BIP aus (ohne die diversen Kriegskosten!) und an denen wird man nicht ohne zu kürzen vorbei kommen.

    http://www.sgipt.org/poli...
    Der Wiener "Kurier" brachte vor ca. 2 Wochen eine eindrucksvolle Graphik - leider konnte ich sie im Internet nicht aufspüren.

    • DerDude
    • 08. August 2011 10:23 Uhr

    mit dem Rückzug der US-Armee aus Irak und Afghanistan. Immer wieder ist den USA eine militärische Überdehnung vorgeworfen worden. Am Ende und gleichwohl zu spät hat man die richtigen Schlussfolgerungen gezogen.

    Auch die Staatsfinanzen ließen sich ohne weiteres sanieren, wenn in der Frage des Wie etwas mehr Einigkeit zwischen den politischen Lagern herrschen würde.

    Aber auf dem dritten und vielleicht wichtigsten Problemfeld, der Wirtschaft, lässt sich kein Ausweg erkennen: Nach dem Platzen letzten Blase Anfang der 2000er Jahre führte eine Politik des billigen Geldes schnurstracks in die bis heute andauernde Immobilienkrise. Nachdem hohe Wachstumsraten im Immobilien- und Bausektor für die nächsten Jahre ausfallen dürften, woher soll das Wachstum jetzt kommen? Die Neuauflage der Politik des billigen Geldes scheint bisher keine Antworten auf diese Frage zu provozieren. Den USA fehlt ein nachhaltiges Wachstumsmodell, und das wiederum ist nur zum Teil ein Fehler der politischen Klasse. Man liest in den letzten Tagen immer wieder, die Krise sei eine Krise des politischen Personals der USA. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Es ist auch ganz unmittelbar eine Krise der US-Wirtschaft, die, derzeit reichlich derangiert, den richtigen Weg erst wieder neu finden muss.

    Solange ein nachhaltiges Wachstumsmodell fehlt, werden die USA als "Wirtschaftslokomotive" der Welt ausfallen. Und nur wenn sie erneut ein solches Modell finden, können sie ihren Niedergang abwehren.

    • PALVE
    • 08. August 2011 10:38 Uhr

    ...aber nur solange, bis der endgültige Zusammenbruch nicht mehr aufzuhalten ist.
    Denn für Korrekturen ist es angesichts des Schuldenberges zu spät.

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