Finanzkrise : Führt endlich eine Finanztransaktionssteuer ein!

Eine Steuer auf Finanztransaktionen kann die Euro-Zone auch im Alleingang einführen. Unerwünschte Spekulationen würden so eingedämmt.

Angesichts der riesigen Probleme, die Spekulationen und von Computern ausgelöste Verkaufswellen inzwischen verursachen, lohnt es sich, eine Transaktionssteuer einmal auszuprobieren. Warum sollte nicht auch mal der Staat spekulieren? Im vierten Jahr der Finanzkrise rechtfertigt allein schon die Aussicht auf Besserung die schnellstmögliche Einführung der Steuer.

Mit einer "Transaktionssteuer für Börsengeschäfte" kann der Fiskus höhere Steuereinnahmen erzielen. Das aber ist nicht das Ziel. Übervolle Kassen würden sogar Zielverfehlung signalisieren. Die Steuer soll die Anzahl der Börsentransaktionen vermindern und extreme Ausschläge der Kurse vermeiden helfen, die nicht durch Fundamentaldaten, sondern einzig und allein durch massenhafte Spekulations- und Arbitragegeschäfte verursacht werden. Im Idealfall überleben dann nur die Transaktionen, die einen echten Mehrwert für die Realwirtschaft liefern. Die Aussichten dafür sind gar nicht mal so schlecht.

Gerade jene Börsengeschäfte, die für die Realwirtschaft unwichtig sind, liefern pro Transaktionseinheit oft nur kleine und kleinste Gewinne. Die horrenden Profite kommen über riesige Handelsvolumina zustande, für die man ganze Rechenzentren braucht. Spezialisierte Computer kaufen und verkaufen in Sekundenbruchteilen große Mengen mit minimalen Erträgen pro Einheit, egal ob es sich dabei um Devisen, Aktien, festverzinsliche Wertpapiere, Rohstoffe oder Derivate handelt.

Gert G. Wagner und Dorothea Schäfer

Gert G. Wagner ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Dorothea Schäfer Forschungsdirektorin Finanzmärkte der Berliner Einrichtung.

Einziger Zweck des nicht mal einen Wimpernschlag währenden Besitzes ist die Gewinnabschöpfung auf Kosten des Endkäufers, zum Beispiel bei Aktien eines Pensionsfonds mit großem Anlagebedarf.

Bereits ein sehr niedriger Steuersatz von 0,5 Promille oder einem Promille erzeugt bei dieser Art von Finanzgeschäften Verluste. Schließlich entsteht pro Transaktion nur ein winziger Überschuss. Spekulationsgeschäfte mit großem Hebel wären genauso getroffen wie der computergesteuerte "Hochfrequenzhandel", der die Kurse horrend schwanken lassen kann – aber genau das ist ja die Absicht.

Normaler Aktienhandel wäre zwar auch betroffen. Auf den normalen Privatanleger mit einem Aktiendepot bei der Bank kann die Steuer aber vermutlich nicht so einfach übergewälzt werden. Das ist eine Frage des Wettbewerbs, und der ist in Deutschland unter Banken hoch. Langfristige private Portfolios, die nicht ständig umgeschichtet werden, sind so gut wie gar nicht betroffen.

Das zentrale Problem einer Finanztransaktionssteuer besteht heutzutage darin, dass sie eigentlich nur dann effektiv funktioniert, wenn sie für alle Börsen dieser Welt gälte. Dann wäre zwar noch der Handel mit Finanzinnovationen möglich, die einzig zum Zwecke der Steuervermeidung erfunden werden. Und natürlich "Schwarzhandel" auf nicht-regulierten Finanzplätzen. Das wäre aber fast so, als ginge man ins Spielcasino, und ist damit nur etwas für echte Zocker.

Da auch heutzutage Kapital nicht 100-prozentig global mobil ist, kann man erwarten, dass eine Transaktionssteuer für die gesamte Europäische Union wirken könnte. Führen die Finanzminister sie nur in der Eurozone ein, das heißt also wenn der zentrale Börsenplatz London verschont wird, würde es wahrscheinlich zu Verlagerungen der Geschäfte kommen – weg vom Kontinent, hin zur britischen Insel. Damit wäre wirklich wenig gewonnen: Weder entstünden nennenswerte Steuereinnahmen noch würden Spekulationen schwieriger werden.

Aber auch Verlagerungen könnte man etwas entgegensetzen. Die Besteuerung könnte an das Land gebunden sein, in dem der Käufer seinen Hauptsitz hat. Und wenn es sich um eine Bank oder eine Versicherung handelt, wird sie deswegen wohl nicht gleich ihren Hauptsitz nach Großbritannien verlegen.

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Kommentare

59 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Ja, das nervet mich auch.

Eine Wettervorhersage mit Blick aus dem Fenster als Grundlage...ist wenig hilfreich.

Warum nicht schön FRÜHER , bevor die Gelder , die über Rettungsschirme reingepumpt wurden, doch nur verwendet wurden, das Casino für eine wenige weiter am Laufen zu lassen. Letztlich ahben wir so mit den Steuermitteln bzw. Bürgschaften, die Zocker nur weiter abgefüttert, inklusive der Banken , die ganz bweusst auf faule Kredite für Staaten gesetzt haben, ohne diese zu prüfen. Natürlich mit dem Wissen, dass man a) bei Merkel am Geburtstagstisch sitzt b) somit Statten (erstmal) nicht so einfach pleite gehen.

Nun sind auch diese Mittel erschöpft... UND NUN ist sind diese Idden plötzlich auch im Alleingang sinnvoll.

Bei der Finanzkrise und dern ersten Zuschüssen und rettungsaktionen für Banken , kam ich mir noch so vor, als hätte man mir staatlich zwangsverordnet in die (zukünftige .. weil irgendwann muß das über Stauern abgetragen werden) Tasche gegriffen.

In den letzten Monaten, hat man mich nun noch an die Füssen hochgezogen und auf den Kopf gestellt , um auch wirklich zunächst mal den letzten Cent aus den Taschen zu holen , bevor man ernsthaft anfängt zu regulieren.

ABER: Merkel, nach wie vor oben auf der Beliebtheistskala.

Finanztransaktionssteuer

Die für eine Finanztransaktionssteuer sprechenden Argumente sind für mich überzeugend und eigentlich schon lange bekannt. Beschränken wir uns bei der Betrachtung aber mal nur auf die großen Börsen in Frankfurt und London. Da würde ich schon genauer wissen wollen, wie sich die Wettbewerbssituation für die Deutsche Börse mit Einführung dieser Steuer im Euro-Raum voraussichtlich verschlechtert.

Kommentar Nr 13 lesen und...

Ich bin jetzt kein Aktienhändler aber das die da echte Probleme haben eine offshore Gesellschaft für einzuschalten glaub ich nicht.

Und ob die Deutsche Börse AG, die ja gerade die NYSE übernimmt, einfach so zusieht wie ihre Kunden nach London wechseln, glaub ich auch nicht gerade jetzt wo man ihnen als Alternative im eigenen Konzern die Wall Street anbieten kann.

Da bin ich voll bei ....

....Ihnen. Ein Satz wie: "Aber auch Verlagerungen könnte man etwas entgegensetzen. Die Besteuerung könnte an das Land gebunden sein, in dem der Käufer seinen Hauptsitz hat. Und wenn es sich um eine Bank oder eine Versicherung handelt, wird sie deswegen wohl nicht gleich ihren Hauptsitz nach Großbritannien verlegen." ist schon arg blauäugig. Wenn man bedenkt, dass die Deutsche Bank vor einigen Jahren die Aussiedlung bereits prüfte. Es handelt sich ja schließlich nicht um eine immobile Bevölkerung, die bspw der Benzinsteuer nicht entfliehen kann, wenn sie weiter als ein paar KM von Luxemburg entfernt wohnt.

Das bedeutet nicht, dass eine Transaktionssteuer schlecht sein muss. Wenn alle Länder sie einführen, könnte sie innerhalb gewisser Dimensionen nützlich sein. Aber für Europa ohne London und Luxemburg? Selbst wenn die Beiden mitmachen, ist unklar, wie viel Transaktionsvolumen nach Moskau, Dubai oder Singapur fließt. Denn Commerzbank oder Deutsche müssen konkurrieren. Wenn deren Preise etwas höher sind (ein Halber Pip etwa, also ein Halbes hundertstel % bei einem Zinsswap) geht das Geschäft an die andere Bank.

Alle sind jetzt dafuer, zumindest in der Eurozone

Nur, weshalb kommt das nicht vorwaerts ? Immerhin ist der Vorschlag ja schon 40 Jahre alt.
Als Durchschnittsbuerger bekommt man den Eindruck, dass Milliarden ueber Nacht ausgegeben werden koennen, wirksame Massnahmen gegen die Spekulation und Steuerhinterziehung aber Jahre brauchen, wenn sie denn ueberhaupt beschlossen werden.
Kein Wunder, dass die Politikmuedigkeit und die Waehler schon mal aus Protest den Piraten 9 % geben.

Alle Finanzminister

sind jetzt dafür. In einer Demokratie hölt man sich besser das notwendige Geld für die geplatzte Rettungsschirm Nummer bei den Finanzmärkten als bei der Mehrwertsteuer.

Das alle Verbraucher die Tobisteuer am langen Ende über höhere Preise selbst bezahlen und ein paar "Bankster" ihre Einkommensteuer jetzt wo anders entrichten, bekommt der Normalbürger ja nicht mit, ist halt etwas mehr Inflation.

Damit braucht man dann auch nicht soviel zu erklären wie man sich auf den Rettungsunfug einlassen konnte, zahlen doch die Bankster.

Es ist halt immer praktisch wenn man zu a.) eine offensichtliche einfache und logische Lösung gefunden hat und zu b.) ein klares Feindbild vorhanden ist.

Ist aber auch keine Erfindung der Neuzeit, die Römer nahmen gerne die Christen dafür, im Mittelalter waren es wahlweise Hexen oder Juden und als die Hexen knapp wurden blieben eben nur Juden übrig.

Darüber sind wir heute hinweg wir sind jetzt zivilisiert auf fressen lassen, verbrennen oder vergasen wird verzichtet aber ein Feindbild benötigen wir immer noch.

Wer Auto fährt kennt doch das Gefühl, KFZ- + Mineral- + Mehrwertsteuer = Schlaglochpiste, weil wir als Staat doch so bitter arm sind. Unter Schröder wurde der Aufschlag auf die Mineralölsteuer zweckgebunden - nein nicht für die Strassen für die Rente und wer sich über Raucher aufregt sollte bedenken, der letzte Aufschlag auf die Tabaksteuer ist auch zweckgebunden - nein nicht fürs Gesundheitswesen, zur Bekämpfung des Terrors.