"Da scheppert nichts", stellt VW-Chef Martin Winterkorn anerkennend fest, als er auf der IAA die Lenkradverstellung des neuen Hyundai i30 untersucht. Ängstlich wirkt er nicht, aber es ist offensichtlich: Winterkorn nimmt den südkoreanischen Autokonzern mit seinen Marken Hyundai und Kia ernst. Aus den anfänglich für europäische Augen merkwürdig gestalteten Autos ist eine national und international starke Konkurrenz geworden. Inzwischen setzt Kia auf den Designer Peter Schreyer, der den ersten Audi TT und den Golf IV gezeichnet hat, und Hyundai auf sein Entwicklungszentrum in Rüsselsheim. Produziert werden viele Modelle in direkter Nachbarschaft zu den VW-Fabriken in der tschechischen und der slowakischen Republik.

In fast jedem Modellsegment wirbt entweder ein frisch aufgelegter Hyundai oder die sportlicher ausgerichtete Schwestermarke Kia um den Kunden. Beispiel VW up !: Der Kleinwagen aus Wolfsburg steht erst im Dezember beim Händler und ist zurzeit nur in zwei Farben vorbestellbar. Kia bedient dieses preissensible Segment schon seit ein paar Monaten mit der zweiten Generation des Picanto . Die Kleinen gleichen sich fast auf den Zentimeter und haben ungefähr gleich starke Dreizylindermotoren. ZEIT ONLINE fuhr den neuen Picanto, und es ist wieder das Qualitätsniveau, das beeindruckt: Hier klappert auch auf Hamburger Kopfsteinpflaster nichts. Alle Teile im Innenraum sind passgenau, so wie es sich für einen modernen Kleinwagen gehört. Er ist kleiner, aber nicht billig gemacht.

Die Enttäuschung kommt erst an der Zapfsäule. Der Normverbrauch von 4,2 Litern Benzin war trotz aufpreispflichtiger Start-Stopp-Automatik (im Paket mit anderen Extras für 760 Euro) nicht erreichbar. 5,6 Liter ergab der Realtest bei gemäßigter Fahrweise ohne Klimaanlage. Ein Wert, den die Nutzer des Portals www.spritmonitor.de bestätigen. Damit ist der Kia Picanto keineswegs ein Ausreißer nach oben, er liegt auf dem Niveau der Wettbewerber – und es ist nicht zu erwarten, dass der VW up! angesichts seines ähnlichen Grundkonzepts ein deutlich besseres Ergebnis erzielt.

Unterschiede gibt es in den Ausstattungsdetails. Beim Picanto etwa ist ein automatisches Notbremssystem wie im up! oder im neuen Fiat Panda nicht erhältlich. Dafür gibt es beim Koreaner Dinge, die im VW nicht erhältlich sind: zum Beispiel einen Schalter, mit dem der Fahrer das Beifahrerfenster öffnen kann. Oder einen höhenverstellbaren Gurt. Oder eine automatische statt einer manuellen Klimaanlage. Kinkerlitzchen, die weniger ins Gewicht fallen dürften als die mindestens 1.000 Euro, die VW beim Gesamtpreis mehr verlangt.

Koreanische Nadelstiche

Unterdessen fahren die Koreaner fort, VW auf anderen Feldern zu unterbieten und so Nadelstiche zu setzen. In Wolfsburg etwa ist man stolz auf den Polo BlueMotion, der nur 87 Gramm CO2 pro Kilometer emittiert und 3,3 Liter Diesel verbraucht. Davon angespornt, offeriert Kia nun den Rio mit 85 Gramm CO2 pro Kilometer und 3,2 Litern Diesel. Der "sparsamste Fünfsitzer seiner Klasse" (Zitat der Think-Blue-Kampagne von VW) kommt eben nicht mehr aus Wolfsburg.

Der Hyundai i30 ist dagegen als echte Konkurrenz für den Golf von Volkswagen gedacht, erst recht mit dem jetzigen neuen Design. Schon das aktuelle Modell hat gerade bei den Privatkunden einen großen Erfolg. Er landet in der Verkaufsstatistik direkt hinter den VW-Modellen Golf, Polo, Golf Plus und Tiguan auf Platz 5 . Der Hyundai ist günstiger als die Konkurrenz und bietet eine lange Garantie von fünf Jahren.

Qualität und niedrige Preise reichen aber offenbar nicht, um die Vormachtstellung von VW zu brechen. Das haben schon andere versucht: Jahrzehntelang galt Opel als Hauptgegner, später Toyota. Trotzdem ist der Golf in der europäischen Verkaufsstatistik heute auf Platz 1, gefolgt vom Polo. Automobiler Patriotismus erklärt den Erfolg von VW jedenfalls nicht. Es bleibt ein Rätsel, wie genau sich emotionale, vernünftige und scheinbar rationale Argumente zur endgültigen Kaufentscheidung formen.

Aber trotzdem gilt der alte Spruch: Konkurrenz belebt das Geschäft. Vor allem, wenn VW-Chef Winterkorn die Hersteller aus Fernost weiter als Anregung wahrnimmt, statt sie arrogant zu belächeln. Auch der Polo ist das hochwertige Ergebnis aus 30 Jahren Wettbewerbsdruck in der Viermeterklasse. Und wer dem VW-Emblem irgendwann überdrüssig ist, muss sich keine Sorgen machen. Ein bei den gängigen Onlineportalen inserierter Durchschnitts-VW geht immer weg – falls nichts scheppert.