AutomobilindustrieVW bekommt die Korea-Konkurrenz zu spüren

Hyundai und Kia machen Volkswagen genau dort Konkurrenz, wo es besonders weh tut: bei der Qualität. Die Südkoreaner greifen in jedem Modellsegment an. von 

Der Kia Picanto

Der Kia Picanto  |  © Christoph M. Schwarzer

"Da scheppert nichts", stellt VW-Chef Martin Winterkorn anerkennend fest, als er auf der IAA die Lenkradverstellung des neuen Hyundai i30 untersucht. Ängstlich wirkt er nicht, aber es ist offensichtlich: Winterkorn nimmt den südkoreanischen Autokonzern mit seinen Marken Hyundai und Kia ernst. Aus den anfänglich für europäische Augen merkwürdig gestalteten Autos ist eine national und international starke Konkurrenz geworden. Inzwischen setzt Kia auf den Designer Peter Schreyer, der den ersten Audi TT und den Golf IV gezeichnet hat, und Hyundai auf sein Entwicklungszentrum in Rüsselsheim. Produziert werden viele Modelle in direkter Nachbarschaft zu den VW-Fabriken in der tschechischen und der slowakischen Republik.

In fast jedem Modellsegment wirbt entweder ein frisch aufgelegter Hyundai oder die sportlicher ausgerichtete Schwestermarke Kia um den Kunden. Beispiel VW up !: Der Kleinwagen aus Wolfsburg steht erst im Dezember beim Händler und ist zurzeit nur in zwei Farben vorbestellbar. Kia bedient dieses preissensible Segment schon seit ein paar Monaten mit der zweiten Generation des Picanto . Die Kleinen gleichen sich fast auf den Zentimeter und haben ungefähr gleich starke Dreizylindermotoren. ZEIT ONLINE fuhr den neuen Picanto, und es ist wieder das Qualitätsniveau, das beeindruckt: Hier klappert auch auf Hamburger Kopfsteinpflaster nichts. Alle Teile im Innenraum sind passgenau, so wie es sich für einen modernen Kleinwagen gehört. Er ist kleiner, aber nicht billig gemacht.

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Die Enttäuschung kommt erst an der Zapfsäule. Der Normverbrauch von 4,2 Litern Benzin war trotz aufpreispflichtiger Start-Stopp-Automatik (im Paket mit anderen Extras für 760 Euro) nicht erreichbar. 5,6 Liter ergab der Realtest bei gemäßigter Fahrweise ohne Klimaanlage. Ein Wert, den die Nutzer des Portals www.spritmonitor.de bestätigen. Damit ist der Kia Picanto keineswegs ein Ausreißer nach oben, er liegt auf dem Niveau der Wettbewerber – und es ist nicht zu erwarten, dass der VW up! angesichts seines ähnlichen Grundkonzepts ein deutlich besseres Ergebnis erzielt.

Unterschiede gibt es in den Ausstattungsdetails. Beim Picanto etwa ist ein automatisches Notbremssystem wie im up! oder im neuen Fiat Panda nicht erhältlich. Dafür gibt es beim Koreaner Dinge, die im VW nicht erhältlich sind: zum Beispiel einen Schalter, mit dem der Fahrer das Beifahrerfenster öffnen kann. Oder einen höhenverstellbaren Gurt. Oder eine automatische statt einer manuellen Klimaanlage. Kinkerlitzchen, die weniger ins Gewicht fallen dürften als die mindestens 1.000 Euro, die VW beim Gesamtpreis mehr verlangt.

Koreanische Nadelstiche

Unterdessen fahren die Koreaner fort, VW auf anderen Feldern zu unterbieten und so Nadelstiche zu setzen. In Wolfsburg etwa ist man stolz auf den Polo BlueMotion, der nur 87 Gramm CO2 pro Kilometer emittiert und 3,3 Liter Diesel verbraucht. Davon angespornt, offeriert Kia nun den Rio mit 85 Gramm CO2 pro Kilometer und 3,2 Litern Diesel. Der "sparsamste Fünfsitzer seiner Klasse" (Zitat der Think-Blue-Kampagne von VW) kommt eben nicht mehr aus Wolfsburg.

Der Hyundai i30 ist dagegen als echte Konkurrenz für den Golf von Volkswagen gedacht, erst recht mit dem jetzigen neuen Design. Schon das aktuelle Modell hat gerade bei den Privatkunden einen großen Erfolg. Er landet in der Verkaufsstatistik direkt hinter den VW-Modellen Golf, Polo, Golf Plus und Tiguan auf Platz 5 . Der Hyundai ist günstiger als die Konkurrenz und bietet eine lange Garantie von fünf Jahren.

Qualität und niedrige Preise reichen aber offenbar nicht, um die Vormachtstellung von VW zu brechen. Das haben schon andere versucht: Jahrzehntelang galt Opel als Hauptgegner, später Toyota. Trotzdem ist der Golf in der europäischen Verkaufsstatistik heute auf Platz 1, gefolgt vom Polo. Automobiler Patriotismus erklärt den Erfolg von VW jedenfalls nicht. Es bleibt ein Rätsel, wie genau sich emotionale, vernünftige und scheinbar rationale Argumente zur endgültigen Kaufentscheidung formen.

Aber trotzdem gilt der alte Spruch: Konkurrenz belebt das Geschäft. Vor allem, wenn VW-Chef Winterkorn die Hersteller aus Fernost weiter als Anregung wahrnimmt, statt sie arrogant zu belächeln. Auch der Polo ist das hochwertige Ergebnis aus 30 Jahren Wettbewerbsdruck in der Viermeterklasse. Und wer dem VW-Emblem irgendwann überdrüssig ist, muss sich keine Sorgen machen. Ein bei den gängigen Onlineportalen inserierter Durchschnitts-VW geht immer weg – falls nichts scheppert.

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Leserkommentare
  1. ...ist, wie diese zustande kommen. Wenn Hyundai und Kia in Osteuropa Komponenten zusammen montieren, die in Korea und China produziert werden, China dabei mit den niedrigsten Sozial- und Umweltstandards aller Industrieländer, plus einem künstlich niedrigen Yuan-Wechselkurs, ... dann entscheidet sich der Konsument mit diesen Autos gegen unsere Standards in Europa und erhöht die Krisenanfälligkeit der globalisierten Wirtschaft (Verschuldung gegenüber China, Deindustrialisierung im Westen etc.) Und der Autor fragt sich, warum nicht noch mehr Konsumenten so handeln...

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  2. Da sollte man nur aufpassen, dass man nicht à la Apple verklagt wird. ^^

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    • Schnel
    • 28. September 2011 16:35 Uhr

    Wer sollte da wen verklagen. Die Tochter Kia die Mutter Hyundai oder umgekehrt?

    • brux
    • 28. September 2011 16:33 Uhr
    3. Ach ja

    Man kann also feststellen, dass koreanische Autos recht gut werden, wenn man die Koreaner bei Design, Produktion und Marketing aussen vor lässt.

    Ob das Produkt am Ende fair kalkuliert ist, weiss man natürlich nicht, weil die grossen koreanischen Mischkonzerne Verluste gerne in anderen Sparten verstecken.

    Bei Hyundai zumindest fällt mir auf, dass alle Modelle ziemlich lausige Designkopien deutscher Marken sind. Eigentlich peinlich und nur akzeptabel, wenn man sich das Original eben nicht leisten kann.

    • Schnel
    • 28. September 2011 16:35 Uhr

    Wer sollte da wen verklagen. Die Tochter Kia die Mutter Hyundai oder umgekehrt?

  3. Wenn VW nicht in der Lage ist, qualitativ bessere Fahrzeuge anzubieten und den Angebotspreis in bezahlbaren Regionen zu halten, dann darf man sich nicht wundern, wenn irgendwann Konkurrenz daherkommt, die in diese Wunde sticht. Mein früherer VW Caravelle war das schlechteste Auto, welches ich jemals hatte. Der Passat B5, in dem ich neulich bei einem Arbeitskollegen mitfuhr war genauso miserabel verarbeitet wie der Golf V einer Freundin von mir: innen billigste Hartplastikteile, die auch noch schief angebracht sind und nicht entgratet sind. Da ist mein jetziger Opel Astra Kombi (Bj 2001) besser verarbeitet - den ich als 1,6-Liter Benziner übrigens mit 5,2 Litern auf 100 km fahre. Apropos Kombi: Eine Disziplin, die Opel in den letzten Jahren vollkommen verlernt hat: Wo ist der Omega Caravan geblieben? Wo der Vectra Caravan? Mein alter Astra hat 1500 Liter Ladevolumen - ein Insignia hat keinen einzigen Liter mehr zu bieten. Der aktuelle Astra hat was bei 1550 Litern, ist aber schon so lang geworden, daß er sich eigentlich mit der Mittelklasse vergleichen müßte. Und dann schaue ich, was Kia anbietet: Einen Ceed Kombi mit 1664 Litern Ladevolumen als 116-PS-Diesel mit aller Ausstattung, die man braucht, schon in der Basis für ca. 17-18.000 € fabrikneu! Da muß ich nicht lange überlegen. Bleibt nur zu hoffen, daß der Ceed-Nachfolger nicht auch der Versportelung zum Opfer fallen wird, wie gerade sämtliche Opel-Modelle. Ich will Stauraum, keinen Schnösel-"Sport"-pseudo-Kombi!

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  4. VW gewinnt die Tests in den Autozeitschriften. Aber manchmal fragt man sich, weshalb. Vor einigen Monaten verglich AutoStraßenverkehr den Passat Variant mit dem Mercedes E-Klasse Kombi (S 212). Zuerst las ich den Text: Der Mercedes in allen Bereichen besser, besser verarbeitet, kultivierter, besserer Motor, mehr Platz, durchdachteres Raumkonzept, höhere Qualität. Wer gewinnt den Test? Der Passat! Begründung: Der Passat ist billiger. Ach was?! Natürlich ist der Passat billiger, er ist eine Klasse kleiner und ist auch kein Mercedes. Wer die 10-15.000 € mehr für einen S212 ausgeben kann und das dann auch tut, der weiß warum. Ein E 200 CDI hält gut und gerne 700.000 km durch. Die Recherche bei mobile etc. ergibt auch für die Vorgändermodelle unglabliche Laufleistungen mit dem ersten Motor. Und das bei bester Verarbeitungsqualität. Stellt sich die Frage, warum VW trotzdem immer die Tests gewinnt? Geht es um Werbekundenbindung? Geht es um schöne Testwagen zum Privatgebrauch? Mehr Aufschluß geben die Leserbriefe in den Autozeitschriften: Zu hauf beschweren sich Kunden über die miserable Qualität des DSG von VW, insbesondere in Verbindung mit dem 1,4 TSI. Da gibts teils alle 25.000 km ein neues Getriebe!
    Als ich mir neulich den Kia Ceed anguckte, war ich positiv von der guten Verarbeitungsqualität überrascht. Klar, kommen die auch nicht an Mercedes ran, aber VW schlagen die locker.

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    • Palini
    • 29. September 2011 1:05 Uhr

    Kia direkt kann ich zwar nicht beurteilen, jedoch bin ich vorletzten Freitag auf der IAA einen Chevrolet Cruze probegefahren. Produziert in Lizenz bei Kia. Das Auto war mit einem 1.6l 140PS Motor und allem möglichen Schnickschnack ausgestattet. Sah alles ganz nett aus, aber insgesamt einfach ein unfassbar schlechtes Auto. Das fängt mit dem extrem unkultivierten Motor an, der nur bei Drehzahlen jenseits der 5000 Umdrehungen auch nur annährend eine Längsbeschleunigung erkennen lässt und hört mit dem Navi auf, dass man nur im !Stand! bedienen kann. Der alte Spruch "You get what you've paid for (in diesem Fall um die 21.000€)" bewahrheitet sich leider auch bei Asiaten die dem bösen VW-Imperium entgegentreten.

    • LeMans
    • 04. Oktober 2011 10:56 Uhr

    Zitat
    "VW gewinnt die Tests in den Autozeitschriften. Aber manchmal fragt man sich, weshalb."

    Ganz einfach. VW hat bei der vergangenen Olympiade die verdienten Vertreter der Motorpresse auf Kosten der Firma eingeflogen und verpflegt - und sogar die Kosten für den geldwerten Vorteil übernommen - noch Fragen?

    Zitat
    "Stellt sich die Frage, warum VW trotzdem immer die Tests gewinnt?"

    Das Zauberwort heißt "Ausgewogenheit", ein Zustand, der nur VW erreicht - Meßwerte und Erfahrungen zum Trotz.
    Daher lese ich die deutschen Autozeitschriften allenfalls noch beim Friseur.

    • drb
    • 28. September 2011 18:06 Uhr

    Ich fahre jetzt seit 3 Jahren einen Kia Sportage CDI, er hat jetzt 85.000 km runter, da klappert nichts. Solide verarbeitet und zwischen 6,5 und 7,0 l Verbrauch, je nach Fahrstil und Jahreszeit. Und für den Preis bekomme ich bei keiner der Deutschen Marken etwas gleichwertiges. Warum sollte ich deutlich mehr für ein Auto zahlen nur weil es von einer deutschen Marke kommt? Abgesehen davon, dass ich mir ein deutsches Modell nicht leisten kann.

    Also: Vergleichen lohnt sich

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  5. ... in DE nicht mehr hören. Es ist nämlich schlicht nicht wahr: Stückkosten sind in kaum einem anderen Land niedriger, weil hierzulande in den vergangenen Jahren die Produktivität (auf wessen Kosten?!?) potenziert wurde. Daß die Hyundais (und ihre Kia-Tochter) vor allem Ferdinand "Burli" Piëchs Gemischtmarkenladen gefährlich werden würden (bzw. die schon lange sind ...) pfiffen in Automobilwirtschaftskreisen die Spatzen schon vor fast zehn Jahren von den Dächern. Aber hat "Burli" darauf reagiert, außer zu versuchen, seine qualitativ wirklich unter aller Kanone daherkommenden Volkswagen ins "Premium"-Segment zu loben? Ich werde nie die von ihm tatsächlich vorgetragene Meinung vergessen, als er allen Ernstes bei der Pressepräsentation eines weiteren "Rucksack-Golfs", ich glaub', es war der unselige "Bora", meinte, dieses Auto sei nun endlich der von Volkswagen lang ersehnte ernsthafte Konkurrent für der BMW 3er ...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Martin Winterkorn | Volkswagen | Hyundai | Kia | Audi | Fiat
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