Frage: Herr Sennhenn, seit 15 Jahren gibt es Wettbewerb im Regionalverkehr. Was hat das dem Kunden gebracht?

Frank Sennhenn: Mehr Angebot und mehr Qualität. Heute befördern wir erheblich mehr Fahrgäste als Mitte der 90er Jahre. Fast überall gibt es neue Fahrzeuge und dichtere Taktzeiten. Das nützt den Kunden und der Umwelt.

Frage: Noch immer dominiert die Bahn den Markt. Sind Sie so gut, oder sind die Privaten so schlecht?

Sennhenn: Der Wettbewerb hat schleppend begonnen. Zu Anfang gab es ja auch niemanden, der aus dem Stand im großen Stil Züge hätte betreiben können. Da Verkehrsverträge über zehn Jahre und mehr geschlossen werden, kommen erst jetzt viele Strecken auf den Markt. In den vergangenen zwei Jahren haben die Konkurrenten bereits rund 35 Prozent pro Jahr der vergebenen Strecken gewonnen.

Frage: Mit Regionalzügen verdienen Sie dreimal so viel wie mit ICs oder ICEs – auf Kosten der Steuerzahler.

Sennhenn: Viele unserer Wettbewerber sind ähnlich gut unterwegs wie wir. Unsere Rendite ist absolut im Rahmen.

Frage: Bei neuen Ausschreibungen bekommen die Besteller für das gleiche Geld deutlich mehr Verkehr. Bedeutet das nicht, dass die Preise der Bahn bislang zu hoch waren?

Sennhenn: Das lässt sich häufig einfach damit erklären, dass wirtschaftlich besonders attraktive Strecken ausgeschrieben werden, die gute Fahrgeldeinnahmen bringen. Diese Strecken können natürlich erheblich günstiger kalkuliert werden als zuvor, als sie Teil eines großen Verkehrsvertrages waren, der attraktive und weniger attraktive Strecken abdeckte. Übrigens ist die Zeit der sinkenden Preise in diesem Markt vorbei. In den vergangenen Monaten mussten einige Ausschreibungen aufgehoben werden, weil die Preiserwartungen der Besteller zu niedrig angesetzt waren und niemand ein Angebot machen wollte, das diesen Erwartungen entsprach. Andere Wettbewerber, die früher mit extrem günstigen Preisen angetreten sind, haben mittlerweile offensichtlich realisiert, dass sie manchmal zu knapp kalkuliert hatten.

Frage: Noch immer bevorzugen viele Menschen das Auto. Wie wollen Sie es schaffen, mehr Leute zum Zugfahren zu bewegen?

Sennhenn: Bahnen und Verkehrsverbünde müssen Zugangsbarrieren abbauen. Ein Problem ist für viele Reisende bereits der Kauf eines Fahrscheins. Die Tarifvielfalt ist oft verwirrend, vor allem, wenn man von einem Verkehrsverbund zum nächsten wechselt. Die Menschen haben Angst, ein falsches Ticket zu kaufen. Wir bieten daher Pauschaltickets an, etwa das Schönes-Wochenende- oder das Quer-durchs-Land-Ticket. Das läuft sehr gut. Hinzu kommen Investitionen in mehr Personal, mehr Sauberkeit und Sicherheit.

Frage: Schrecken nicht auch Zugbegleiter ab, die Jugendliche trotz Kälte aus dem Zug werfen, weil sie nicht das richtige Ticket haben?

Sennhenn: Unsere Zugbegleiter wissen, dass sie Minderjährige nicht aus dem Zug weisen dürfen. Zugleich schauen wir uns jeden Fall, der bekannt wird, mittlerweile sehr genau an, sprechen viel mit betroffenen Eltern und Kindern. Wir haben festgestellt, dass wir viel mehr für die Aufklärung unserer Fahrgäste tun müssen. Denn viele Kinder, die – oft versehentlich – ohne gültiges Ticket unterwegs sind, reagieren auf die Fahrkartenkontrolle mit Panik und verlassen oft lieber an der nächsten Station den Zug, wenn sie mit der Forderung nach erhöhtem Beförderungsentgelt konfrontiert werden. Hier müssen wir mit der Aufklärung ansetzen. Alleine Zugfahren gehört schließlich in der heutigen Zeit zum Selbständigwerden, und da sollte es solche Konflikterlebnisse nicht geben.