Euro-Zone "Seehofer ist populistisch"

Die Politik täuscht die Bürger, wenn sie über einen Austritt Griechenlands aus Euroland spekuliert, sagt der Ökonom Clemens Fuest. Er wirbt für einen Schuldenschnitt.

ZEIT ONLINE: Herr Fuest, sie haben kürzlich für eine Wirtschaftszeitung ein düsteres Szenario für die nächsten Jahre entworfen: Der Euro scheitert, der Kontinent spaltet sich, die Wirtschaft rutscht in eine Rezession. Darf man das als Warnung an die Politik verstehen?

Clemens Fuest: Ja. Das war ein Worst-Case-Szenario. Es kann soweit kommen, wenn es schlecht läuft.

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ZEIT ONLINE: Die Forderung, schwächere Länder aus der Währungsunion zu werfen, ist im Moment in Deutschland populär, auch innerhalb der Regierungsfraktionen.

Clemens Fuest
Clemens Fuest

Clemens Fuest ist seit seit 2008 Professor für Unternehmensbesteuerung an der Said Business School der Universität Oxford. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des deutschen Finanzministeriums.

Fuest: Natürlich reagiert die Politik auf eine wachsende Ungeduld in der deutschen Bevölkerung. Ich halte solche Forderungen aber für Augenwischerei.

ZEIT ONLINE: Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer täuscht die Bürger, wenn er öffentlich über einen Austritt Griechenlands spekuliert?

Fuest: Seehofer ist populistisch. Rechtlich wäre ein Austritt einzelner Länder kaum möglich. Man müsste die Europäischen Verträge ändern, es bräuchte Volksabstimmungen in allen Ländern. So etwas lässt sich nicht einfach entscheiden, erst recht nicht in Deutschland allein. Viel wichtiger aber ist: Die politischen und wirtschaftlichen Kosten wären enorm.

ZEIT ONLINE: Die Bürger in Deutschland werden eh für Europa zahlen müssen.

Fuest: Ein Austritt aber wäre der teurere Weg. Wenn ein Land die Euro-Zone verlässt, werden sich die Märkte auf den Austritt des nächsten Landes vorbereiten, auf Portugal, Italien oder Spanien. Es wird vermutlich zu Bank-Runs in diesen Staaten kommen, wenn damit gerechnet wird, dass die alten, schwachen Währungen wieder eingeführt werden. Die Investoren werden ihr Geld in Sicherheit bringen. Am Ende müssten wir genau das tun, was die Euro-Kritiker verhindern wollen: Weiter Banken und Staaten retten, ohne dass wir die Vorteile einer großen Währungsunion hätten.

ZEIT ONLINE: Ist noch zu verhindern, dass es soweit kommt?

Fuest: Ja. Wir brauchen einen Schuldenschnitt. Zuerst in Griechenland, dann womöglich in anderen Staaten. Die Politik muss dabei das rechte Maß finden: Die Griechen müssen einen Anteil leisten, ebenso die Gläubiger. Aber man muss dem Land auch eine Perspektive bieten.

Leser-Kommentare
  1. "Rechtlich wäre ein Austritt einzelner Länder kaum möglich. Man müsste die Europäischen Verträge ändern, es bräuchte Volksabstimmungen in allen Ländern. So etwas lässt sich nicht einfach entscheiden, erst recht nicht in Deutschland allein. Viel wichtiger aber ist: Die politischen und wirtschaftlichen Kosten wären enorm."

    Interessant ist, dass hier auf einmal das vorhandene Vertragswerk ernst genommen wird und bei so einer weitreichenden Entscheidung auch die Völker Europas befragt werden sollen. Dabei beträfe es ja in erster Linie die Griechen.

    Wenn man aber anderen Ländern Garantien gewährt, dann kümmert man sich nicht um Verträge die in diesem Punkt explizit sind und obwohl, die Regierenden das Geld, das sie verleihen, ja nur verwalten - da es den Bürgern der Länder gehört - wird nicht gefragt ob das überhaupt Zustimmung findet.

    Darf sich jetzt in Zukunft jeder die Regeln aussuchen, an die er sich (nicht) halten will?

  2. Wenn ein Unternehmen uahlungsunfähig ist droht die Insolvenz. Im Falle Griechenland wäre dies der bessere Weg. Wer glaubt denn noch an den W..........., daß die Griechen aus ihrer desolaten Lage Einsicht gewinnen würden????????? Das Wirtschaften ist ihnen so fremd wie das Einhaltn der Regularien nach dem Schengeler Abkommen!!! Ich sage raus aus der Liga und Hausaufgaben machen. Lieber ein Schrecken mit Ende als ein Ende ohne Schrecken!!!!!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie meinen wohl eher umgekehrt, oder? Ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende?

    "Wenn ein Unternehmen [z]ahlungsunfähig ist[,] droht die Insolvenz. Im Falle Griechenland[s] wäre dies der bessere Weg."

    Eine Insolvenz ist mit einem Schuldenschnitt verbunden, wie es im Interview gefordert wird. Aber wie soll man ein Land abwickeln/auflösen?

    "Wer glaubt denn noch an den W..........., daß die Griechen aus ihrer desolaten Lage Einsicht gewinnen würden?????????"

    Wahnsinn? Wunsch? Ich weiß es wirklich nicht. Fakt ist aber, dass G. so überschuldet ist, dass auch Einsicht nichts bringen wird.!!!!!!!!!!!!!!!

    "Das Wirtschaften ist ihnen so fremd wie das Einhalt[e]n der Regularien nach dem Schenge[n]er Abkommen!!!"

    Meinen Sie, dass sei genetisch? Außerdem ist Griechenland nicht bankrotter als z.B. Japan und die USA, nur wirtschaftlich nicht so stark.

    "Ich sage raus aus der Liga und Hausaufgaben machen. Lieber ein Schrecken mit Ende als ein Ende ohne Schrecken!!!!!"

    Ich sage Europäische Liga gründen und Sprichwort-Hausaufgaben machen.

    dass in letzter Zeit so häufig der Vergleich zwischen einem Staat und einem Unternehmen gezogen wird. Geht ein Unternehmer in die Insolvenz, werden dabei möglicherweise zahlreiche Arbeitnehmer entlassen und selbst der Unternehmer hat dann unter Umständen das Gemeinwesen als Rettungsanker, wenn dieses denn funktionierend organisiert ist, wie es beispielsweise in Deutschland versucht wird. Einen Staatsbürger kann man jedoch nicht entlassen und sollte ihn möglichst nicht in die finanziell entleerte Warteschleife schicken, zumal Insolvenz nicht selten mit dem Ende eines Unternehmens einher geht. In der EU sind die Instanzen Staat und derzeit Staatenbund nahezu selbstverständlich. Wo bliebe eine solche übergeordnete Instanz, wenn Griechenland -einem Unternehmen vergleichbar- abgewickelt würde? Es kann ja nicht sein, dass die Banken dann die Regierungsgeschäfte übernehmen würden und selbst alleinige und maßgebliche Verantwortung für die Bürger hätten. Griechenland hätte nach wie vor rechtsgebende Instanzen auch für die dort tätigen Unternehmer. Somit plädiere ich dafür, auf eine verbale Gleichstellung von Firmen und Staaten zu verzichten, wenngleich es partiell legitime Vergleichsmöglichkeiten gibt. Staaten sind nicht so zahlreich wie Unternehmer... Unheimlich ist auch, dass Menschen Kapitalgesetzen folgend argumentieren, wenn es um die Organisation des ganzen Zusammenlebens in einem Staatsgebilde und auch einem Staatenbund geht.

    Sie meinen wohl eher umgekehrt, oder? Ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende?

    "Wenn ein Unternehmen [z]ahlungsunfähig ist[,] droht die Insolvenz. Im Falle Griechenland[s] wäre dies der bessere Weg."

    Eine Insolvenz ist mit einem Schuldenschnitt verbunden, wie es im Interview gefordert wird. Aber wie soll man ein Land abwickeln/auflösen?

    "Wer glaubt denn noch an den W..........., daß die Griechen aus ihrer desolaten Lage Einsicht gewinnen würden?????????"

    Wahnsinn? Wunsch? Ich weiß es wirklich nicht. Fakt ist aber, dass G. so überschuldet ist, dass auch Einsicht nichts bringen wird.!!!!!!!!!!!!!!!

    "Das Wirtschaften ist ihnen so fremd wie das Einhalt[e]n der Regularien nach dem Schenge[n]er Abkommen!!!"

    Meinen Sie, dass sei genetisch? Außerdem ist Griechenland nicht bankrotter als z.B. Japan und die USA, nur wirtschaftlich nicht so stark.

    "Ich sage raus aus der Liga und Hausaufgaben machen. Lieber ein Schrecken mit Ende als ein Ende ohne Schrecken!!!!!"

    Ich sage Europäische Liga gründen und Sprichwort-Hausaufgaben machen.

    dass in letzter Zeit so häufig der Vergleich zwischen einem Staat und einem Unternehmen gezogen wird. Geht ein Unternehmer in die Insolvenz, werden dabei möglicherweise zahlreiche Arbeitnehmer entlassen und selbst der Unternehmer hat dann unter Umständen das Gemeinwesen als Rettungsanker, wenn dieses denn funktionierend organisiert ist, wie es beispielsweise in Deutschland versucht wird. Einen Staatsbürger kann man jedoch nicht entlassen und sollte ihn möglichst nicht in die finanziell entleerte Warteschleife schicken, zumal Insolvenz nicht selten mit dem Ende eines Unternehmens einher geht. In der EU sind die Instanzen Staat und derzeit Staatenbund nahezu selbstverständlich. Wo bliebe eine solche übergeordnete Instanz, wenn Griechenland -einem Unternehmen vergleichbar- abgewickelt würde? Es kann ja nicht sein, dass die Banken dann die Regierungsgeschäfte übernehmen würden und selbst alleinige und maßgebliche Verantwortung für die Bürger hätten. Griechenland hätte nach wie vor rechtsgebende Instanzen auch für die dort tätigen Unternehmer. Somit plädiere ich dafür, auf eine verbale Gleichstellung von Firmen und Staaten zu verzichten, wenngleich es partiell legitime Vergleichsmöglichkeiten gibt. Staaten sind nicht so zahlreich wie Unternehmer... Unheimlich ist auch, dass Menschen Kapitalgesetzen folgend argumentieren, wenn es um die Organisation des ganzen Zusammenlebens in einem Staatsgebilde und auch einem Staatenbund geht.

    • Harzer
    • 12.09.2011 um 18:06 Uhr

    ..."Wir brauchen einen Schuldenschnitt. Zuerst in Griechenland, dann womöglich in anderen Staaten. Die Politik muss dabei das rechte Maß finden: Die Griechen müssen einen Anteil leisten, ebenso die Gläubiger. Aber man muss dem Land auch eine Perspektive bieten."...

    ... wird das auch eine Chance für uns sein !!
    Oder glaubt noch irgend jemand, wir würden unsere Verschuldung auf Dauer durch Wachstum und/oder Sparen lösen können ... ??!

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  3. Sie meinen wohl eher umgekehrt, oder? Ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende?

    Antwort auf "Pleitegeier"
  4. Es wird sich nach einem Schuldenschnitt im System WU nichts ändern. die Südeuropäer, allen voran brauchen eine andere Währung, nicht den Euro.

    Besser rasch eine Krise, bei der von mir aus einige Banken drauf gehen, als eine nicht endende Konkursverschleppung, bei der D geschröpft wird. Klare Lösungen sind meist die besten.

    Alle Länder haben es selbst in der Hand, ob es zu den befürchteten Runs kommt. Machen sie vernünftige Politik, geshcieht das nicht, machen sie wie bisher schlechte Politik, wird das eintreten. Wir sollten uns in D lieber um unsere Probleme kümmern, damit schaffen wir am ehestendie Voraussetzungen, dass andere auch ordentlich zu wirtschaften beginnen.

    Vor der sonst drohenden Romanisierung und Hellenisierung unseres Landes graut mir. Nein, das wird ganz sicher nicht im Interesse Deutschlands sein.

  5. Angesichts eines Schuldenschnitts müßten die Griechen mit dem Hammer geschlagen sein, wenn sie auch nur die kleinste Anstrengung zur Konsolidierung unternehmen würden.

    Der Widerspruch ist überdeutlich: Bei einem Schuldenschnitt wird alles gut. Bei einem Austritt aus dem Euro spekulieren die Anleger auf den Austritt anderer Länder. Warum soll die Erwartungshaltung bei einem Schuldenschnitt anders sein.

    Es gibt nur einen Grund weshalb wir einen Austritt Griechenlands fürchten müssen: die Bestandsaufnahme der griechischen Nationalbank. Sollte sich herausstellen, daß bei der griechischen Nationalbank Bilanzkosmetik betrieben wurde, um den griechischen Staat zu stützen --- gute Nacht.

    Dann wäre die EZB in ihrer Glaubwürdigkeit so beschädigt, daß der Euro möglicherweise über Nacht kollabieren würde.

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    • BerndL
    • 12.09.2011 um 18:21 Uhr

    Wenn er Ökonom und wirklich Wissenschaftler ist (und nicht nur politisch korrekt spricht), warum sagt er nichts darüber, dass eine Währungsunion unter derartig ungleichen Voraussetzungen nicht funktionieren kann, dass das deutsche Volk keine Transferunion will und dass eher die Südländer Nutzniesser des Euro waren als D?

    Mir wird jetzt auch langsam klar, weshalb es so lange gedauert hat, bis sich im Mittelalter durchgesetzt hatte, dass die Erde keine Scheibe ist:
    All die Experten hatten - im Auftrage der Kirche- immer wieder das Gegenteil betont und dies gut begründet.

  6. Die Frage ist, was nach dem Schuldenschnitt kommt, wenn Griechenland in der Eurozone bleibt. Solange es unterschiedliche Produktivitäten und Wachstumsraten im Euroraum gibt, wird es unter dem Hut der der gemeinsamen Währung immer wieder zu Verzerrungen kommen, die neue Schuldenschnitte nötig machen. Entweder gibt es eine gemeinsame Finanz- und Wirtschaftspolitik in allen Eurostaaten, d.h. die Abgabe der nationalen Befugnisse an eine zentrale Behörde (das würde auch für Deutschland gelten) oder man entlässt Griechenland aus dem Euro, damit es sich sanieren und später mit einem neuen Wechselkurs wieder eintreten kann.

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