ZEIT ONLINE: Herr Fuest, sie haben kürzlich für eine Wirtschaftszeitung ein düsteres Szenario für die nächsten Jahre entworfen: Der Euro scheitert, der Kontinent spaltet sich, die Wirtschaft rutscht in eine Rezession. Darf man das als Warnung an die Politik verstehen?

Clemens Fuest: Ja. Das war ein Worst-Case-Szenario. Es kann soweit kommen, wenn es schlecht läuft.

ZEIT ONLINE: Die Forderung, schwächere Länder aus der Währungsunion zu werfen, ist im Moment in Deutschland populär, auch innerhalb der Regierungsfraktionen.

Fuest: Natürlich reagiert die Politik auf eine wachsende Ungeduld in der deutschen Bevölkerung. Ich halte solche Forderungen aber für Augenwischerei.

ZEIT ONLINE: Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer täuscht die Bürger, wenn er öffentlich über einen Austritt Griechenlands spekuliert ?

Fuest: Seehofer ist populistisch. Rechtlich wäre ein Austritt einzelner Länder kaum möglich. Man müsste die Europäischen Verträge ändern, es bräuchte Volksabstimmungen in allen Ländern. So etwas lässt sich nicht einfach entscheiden, erst recht nicht in Deutschland allein. Viel wichtiger aber ist: Die politischen und wirtschaftlichen Kosten wären enorm.

ZEIT ONLINE: Die Bürger in Deutschland werden eh für Europa zahlen müssen.

Fuest: Ein Austritt aber wäre der teurere Weg. Wenn ein Land die Euro-Zone verlässt, werden sich die Märkte auf den Austritt des nächsten Landes vorbereiten, auf Portugal, Italien oder Spanien. Es wird vermutlich zu Bank-Runs in diesen Staaten kommen, wenn damit gerechnet wird, dass die alten, schwachen Währungen wieder eingeführt werden. Die Investoren werden ihr Geld in Sicherheit bringen. Am Ende müssten wir genau das tun, was die Euro-Kritiker verhindern wollen: Weiter Banken und Staaten retten, ohne dass wir die Vorteile einer großen Währungsunion hätten.

ZEIT ONLINE: Ist noch zu verhindern, dass es soweit kommt?

Fuest: Ja. Wir brauchen einen Schuldenschnitt. Zuerst in Griechenland, dann womöglich in anderen Staaten. Die Politik muss dabei das rechte Maß finden: Die Griechen müssen einen Anteil leisten, ebenso die Gläubiger. Aber man muss dem Land auch eine Perspektive bieten.