Der Autor und Regierungsberater Jeremy Rifkin © Eric Lalmand/AFP/Getty Images

Das Ritz Carlton am Potsdamer Platz in Berlin. Ein Privatappartement mit Blick über die Stadt. Das Eingangszimmer ist eingerichtet wie ein gigantisches Wohnzimmer, in den Regalen liegen Coffeetable-Books mit dem Titel "Luxury". Jeremy Rifkin empfängt im feinen grauen Anzug und lila Einstecktuch. Unter ihm wohne gerade der türkische Staatspräsident, erwähnt er nebenbei. Platz nehmen in schweren Sesseln. Visitenkarten austauschen: OJR steht auf seiner Karte – "Office of Jeremy Rifkin". Berufsbezeichnung unter seinem Namen: President. Alles klar. Mister Rifkin ist heiser, die Pressedame reicht nach einigen Minuten Ricola Schweizer Kräuterzucker herein, die der Regierungsberater vergnüglich lutscht. Ein angenehmer älterer Herr, der an seinem Bonbonpapier herumknüddelt und von Zwischenfragen wenig hält.

ZEIT ONLINE: Herr Rifkin, wissen Sie noch, was Sie vor sieben Jahren über Europas Wirtschaftsmodell geschrieben haben?

Jeremy Rifkin: Ich denke schon.

ZEIT ONLINE: "Wir werden Zeuge der Geburt einer neuen politischen Entität und einer neuen Wirtschaftsmacht auf der Weltbühne." Würden Sie solch einen Satz angesichts der Krise noch mal schreiben?

Rifkin: Natürlich. Wir haben eine schwere ökonomische und ökologische Krise, das stimmt, beide Krisen sind eng miteinander verzahnt. Aber für Europa ist dieser Augenblick auch eine Chance, die Bedingungen sind besser als in den USA. Ich habe keinen Zweifel, dass uns Deutschland da hinausführen wird.

ZEIT ONLINE: Ihre Hoffnung in allen Ehren: Deutschland gilt gerade in Europa eher als Blockierer. Die Kanzlerin verteidige die europäische Idee zu wenig, lautet der Vorwurf.

Rifkin: Frau Merkel ist Physikerin, sie war Umweltministerin. Sie versteht die aktuelle Krise besser als viele andere. Das ist übrigens ein Grundproblem: Viele Regierungschefs haben die Weltwirtschaftskrise falsch analysiert.

ZEIT ONLINE: Wie lautet Ihre Analyse?

Rifkin: Die Krise hat in Wahrheit im Juli 2008 begonnen. Damals stieg der Ölpreis auf ein neues Rekordhoch: auf 147 Dollar pro Barrel. Die Preise für Güter und Dienstleistungen gingen durch die Decke, die Kaufkraft sank, die Wirtschaft brach ein. Das war das eigentliche ökonomische Erdbeben.

ZEIT ONLINE: Für gewöhnlich datieren wir den Beginn der Finanzkrise auf den 15. September 2008. Damals brach die Investmentbank Lehman Brothers zusammen.

Rifkin: Ich argumentiere anders. Der Ölpreis ist in meinen Augen entscheidend. Steigt er über 75 bis 80 Dollar pro Barrel, steigen die Preise, ab 150 Dollar kollabiert der Welthandel. Wann immer sie versuchen, neues Wachstum zu erzeugen, werden sie es mit einem steigenden Ölpreis zu tun haben. Ein Teufelskreis, der uns immer neue Wirtschaftskrisen bescheren wird.

"Mit dem alten Geschäftsmodell, das auf Öl basiert, werden sie kein Wachstum mehr erzeugen"

ZEIT ONLINE: Die Krise begann dennoch am Finanzmarkt, nicht am Gütermarkt.

Rifkin: Es kommt auf den Zusammenhang an. Weil das alte Wachstumsmodell nicht mehr funktionierte, hat man die Verschuldung der privaten Haushalte in den USA nach oben getrieben. Darauf basierte ein wesentlicher Teil des Wachstums der Weltwirtschaft im vergangenen Jahrzehnt. Die Immobilien waren wie Geldautomaten, mit Hypotheken haben wir das Wachstum finanziert. Dann liefen die unregulierten Finanzmärkte heiß.

ZEIT ONLINE: Seither mussten in Europa Banken gerettet werden, die Staaten stecken tief in der Schuldenkrise. Wie kommen wir da wieder raus?

Rifkin: Die Finanzmärkte fordern einen harten Sparkurs, um das Schuldenproblem in den Griff zu bekommen. Ohne vernünftige Einschnitte wird es auch nicht gehen. Da ist bloß ein Dilemma. Wenn jedes Land nur die Ausgaben kürzt, werden die Finanzmärkte irgendwann sagen: Jetzt habt ihr kein Geld mehr, um die Wirtschaft anzukurbeln. Wir geben euch erst recht keinen Kredit mehr.

ZEIT ONLINE: Ihre Lösung?

Rifkin: Europa braucht ein Wachstumsprogramm. Mit dem alten Geschäftsmodell, das auf Öl basiert, werden sie dieses Wachstum nicht mehr erzeugen. Die Technik ist veraltet und zu teuer.

ZEIT ONLINE: Sie fordern eine "dritte industrielle Revolution". Was ist damit gemeint?

Rifkin: Die erste industrielle Revolution entstand durch das Zusammenspiel von Dampfkraft und Druckereiwesen. Die zweite Revolution war geprägt durch elektronische Kommunikation und dem Verbrennungsmotor. Nun beginnt die dritte Revolution, angetrieben durch das Internet und erneuerbare Energien. Deutschland führt diese Revolution derzeit an, gewohnt unaufgeregt und leise.

ZEIT ONLINE: Klingt ganz schön abstrakt. Geht es konkreter?

Rifkin: Es geht unter anderem darum, dass Energie nicht mehr zentral hergestellt wird, sondern von den Bürgern selbst. Jedes der geschätzt 190 Millionen Gebäude in Europa könnte mit Solarzellen auf den Dächern oder Wärmepumpen zu Minikraftwerken werden. Jeder könnte Energie sammeln und in einem Energie-Internet seinen Überschuss verkaufen. Wir brauchen dafür nur die intelligenten Netze. Auch Elektro- und Brennstoffzellenautos könnten zu fahrenden Kraftwerken werden.

ZEIT ONLINE: Warum sollten die Menschen da mitmachen?

Rifkin: Weil es sich für sie rechnet. Man könnte ihnen etwa "grüne Kredite" gewähren, um die Häuser zu Kraftwerken umzubauen. Durch die eingesparten Energiekosten lassen sie sich abbezahlen. Auch für die Banken ist das interessant.

ZEIT ONLINE: Dafür braucht es eine gewaltige Infrastruktur. Die kostet Geld. Wie wollen Sie das mitten in Europas Schuldenkrise finanzieren?

Rifkin: Deutschland muss jetzt zeigen, wie es funktioniert. Es muss die Infrastruktur in Europa bauen. Es ist übrigens falsch, dass zu wenig Geld da ist: Die Unternehmen sitzen auf einem Haufen Geld. Man muss nur die richtigen Anreize setzen, damit sie investieren. Viele Unternehmen wie Bosch und Siemens sind schon dabei. Sie verabschieden sich gerade von den alten Energieformen .

ZEIT ONLINE: Um das europaweit umzusetzen, braucht es mehr Integration. Viele Bürger haben aber schon genug Europa. In Deutschland sind viele Bürger gegen die "Vereinigten Staaten von Europa".

Rifkin: Die wird es auch nicht geben. Ich stelle mir eher ein europäisches Netzwerk vor, indem die Menschen in kleinen Einheiten miteinander kommunizieren.

"Das Management von Energie: Da liegt die Zukunft für die Stromkonzerne."

ZEIT ONLINE: Die großen Energiekonzerne werden von einer solchen Wende nicht begeistert sein. Sie werden an Macht verlieren.

Rifkin: Natürlich werden einige Energieunternehmen jammern. Aber die werden irgendwann auch auf den Zug aufspringen, sonst ergeht es ihnen wie den Musikkonzernen, als die Menschen anfingen, ihre Musik zu tauschen.

ZEIT ONLINE: Und so wird es mit der Energie auch sein?

Rifkin: Ja. Ich habe lange mit E.on-Chef Theyssen oder dem früheren Chef von EnBW, Utz Claassen, diskutiert. Sie sehen ein, dass die wirklichen Wachstumsmöglichkeiten in dem neuen Geschäftsmodell liegen. Das alte Geschäftsmodell ist viel zu teuer: Stromnetze sind ineffizient, der Emissionshandel wird fossile Energien noch unerschwinglicher machen. Das ist ein Spiel für Verlierer.

ZEIT ONLINE: Wie werden denn die Verlierer zu Gewinnern?

Rifkin: Die Energieversorger könnten etwa das Energie-Internet bewirtschaften. Schauen Sie sich IBM an. Der Konzern hat irgendwann aufgehört, selbst Computer zu bauen – das konnten andere einfach günstiger und besser. Jetzt hat sich das Unternehmen auf die Beratung konzentriert. Das Management von Energie: Da liegt die Zukunft für die Stromkonzerne.