ZEIT ONLINE: Die Krise begann dennoch am Finanzmarkt, nicht am Gütermarkt.

Rifkin: Es kommt auf den Zusammenhang an. Weil das alte Wachstumsmodell nicht mehr funktionierte, hat man die Verschuldung der privaten Haushalte in den USA nach oben getrieben. Darauf basierte ein wesentlicher Teil des Wachstums der Weltwirtschaft im vergangenen Jahrzehnt. Die Immobilien waren wie Geldautomaten, mit Hypotheken haben wir das Wachstum finanziert. Dann liefen die unregulierten Finanzmärkte heiß.

ZEIT ONLINE: Seither mussten in Europa Banken gerettet werden, die Staaten stecken tief in der Schuldenkrise. Wie kommen wir da wieder raus?

Rifkin: Die Finanzmärkte fordern einen harten Sparkurs, um das Schuldenproblem in den Griff zu bekommen. Ohne vernünftige Einschnitte wird es auch nicht gehen. Da ist bloß ein Dilemma. Wenn jedes Land nur die Ausgaben kürzt, werden die Finanzmärkte irgendwann sagen: Jetzt habt ihr kein Geld mehr, um die Wirtschaft anzukurbeln. Wir geben euch erst recht keinen Kredit mehr.

ZEIT ONLINE: Ihre Lösung?

Rifkin: Europa braucht ein Wachstumsprogramm. Mit dem alten Geschäftsmodell, das auf Öl basiert, werden sie dieses Wachstum nicht mehr erzeugen. Die Technik ist veraltet und zu teuer.

ZEIT ONLINE: Sie fordern eine "dritte industrielle Revolution". Was ist damit gemeint?

Rifkin: Die erste industrielle Revolution entstand durch das Zusammenspiel von Dampfkraft und Druckereiwesen. Die zweite Revolution war geprägt durch elektronische Kommunikation und dem Verbrennungsmotor. Nun beginnt die dritte Revolution, angetrieben durch das Internet und erneuerbare Energien. Deutschland führt diese Revolution derzeit an, gewohnt unaufgeregt und leise.

ZEIT ONLINE: Klingt ganz schön abstrakt. Geht es konkreter?

Rifkin: Es geht unter anderem darum, dass Energie nicht mehr zentral hergestellt wird, sondern von den Bürgern selbst. Jedes der geschätzt 190 Millionen Gebäude in Europa könnte mit Solarzellen auf den Dächern oder Wärmepumpen zu Minikraftwerken werden. Jeder könnte Energie sammeln und in einem Energie-Internet seinen Überschuss verkaufen. Wir brauchen dafür nur die intelligenten Netze. Auch Elektro- und Brennstoffzellenautos könnten zu fahrenden Kraftwerken werden.

ZEIT ONLINE: Warum sollten die Menschen da mitmachen?

Rifkin: Weil es sich für sie rechnet. Man könnte ihnen etwa "grüne Kredite" gewähren, um die Häuser zu Kraftwerken umzubauen. Durch die eingesparten Energiekosten lassen sie sich abbezahlen. Auch für die Banken ist das interessant.

ZEIT ONLINE: Dafür braucht es eine gewaltige Infrastruktur. Die kostet Geld. Wie wollen Sie das mitten in Europas Schuldenkrise finanzieren?

Rifkin: Deutschland muss jetzt zeigen, wie es funktioniert. Es muss die Infrastruktur in Europa bauen. Es ist übrigens falsch, dass zu wenig Geld da ist: Die Unternehmen sitzen auf einem Haufen Geld. Man muss nur die richtigen Anreize setzen, damit sie investieren. Viele Unternehmen wie Bosch und Siemens sind schon dabei. Sie verabschieden sich gerade von den alten Energieformen .

ZEIT ONLINE: Um das europaweit umzusetzen, braucht es mehr Integration. Viele Bürger haben aber schon genug Europa. In Deutschland sind viele Bürger gegen die "Vereinigten Staaten von Europa".

Rifkin: Die wird es auch nicht geben. Ich stelle mir eher ein europäisches Netzwerk vor, indem die Menschen in kleinen Einheiten miteinander kommunizieren.