Die Kanzlerin ist bereit: Notfalls, so Angela Merkel, müssen die von der Euro-Krise gebeutelten Banken mit neuen Milliarden gestützt werden . Frankreich und Belgien haben bereits die ersten Hilfen verabreicht. Was jetzt als Allheilmittel gegen die Krise angepriesen wird, könnte sie in Wahrheit noch verschlimmern.

Um das zu verstehen, muss man einen Schritt zurücktreten und die großen Linien nachzeichnen. Deutschland hat in der Euro-Krise bislang zwei historische Fehler begangen. Der erste Fehler bestand darin, die Hilfen für Griechenland so lange hinauszuzögern, dass die internationalen Finanzmärkte in Aufruhr gerieten. Dieses Zögern wird heute damit begründet, dass es anders nicht möglich gewesen wäre, die Griechen auf einen Konsolidierungskurs zu bringen, doch das ist ein Eingeständnis mangelnder politischer Kreativität. Damals jedenfalls wurden Zweifel am Zusammenhalt der Europäer gesät und der Grundstein für die Vertrauenskrise gelegt, die sich seither mit der Präzision eines Uhrwerks entfaltet und auf immer mehr Länder übergreift.

Der zweite Fehler bestand darin, auf dem deutsch-französischen Gipfel von Deauville die Beteiligung privater Gläubiger im Fall einer Staatspleite durchzusetzen. Seit dieser Vereinbarung werden die einstmals als sichere Wertpapiere betrachteten europäischen Staatsanleihen wie Risikoinvestments behandelt, weil die Investoren nun mit Verlusten rechnen müssen. Inzwischen gilt nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds rund die Hälfte der ausstehenden Anleihen als toxisch. Selbst Brasilien oder Kolumbien können sich heute günstiger finanzieren als Schwergewichte wie Italien . Deutschland drohte mit der Pleite und das Kapital nahm die Drohung ernst – und zog sich zurück.

Der dritte Fehler besteht nun darin, sich bei der Rettung auf die Rekapitalisierung der Banken zu konzentrieren. Dieser Fehler wird gerade begangen. Nun sollen also die Geldhäuser so mit Kapital ausgestattet werden, dass sie einen Schuldenschnitt in Griechenland und möglicherweise in Irland , Portugal , Spanien und Italien verkraften können. In vielen Fällen würde das auf eine Verstaatlichung herauslaufen.

Die Botschaft, die davon ausgeht, ist: Wenn wir die Banken erst einmal abgesichert haben, können wir die Staaten fallen lassen. Das wird auch noch den letzten Investor vertreiben und die Rechnung noch einmal in die Höhe treiben.

Der entscheidende Punkt ist: Die Europäer schießen auf ein bewegliches Ziel. Mit jeder Staatsanleihe, die als unsicher gilt, steigt der Betrag, der in die Banken gesteckt werden muss . Nach Schätzungen der japanischen Großbank Nomura sind schon 400 Milliarden Euro an zusätzlichem Eigenkapital nötig, damit die Banken Abschreibungen in Höhe von 21 Prozent in Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und Irland verkraften können. Die Summe würde schnell größer werden, wenn die Ausfallraten steigen. Die ausstehenden Staatsschulden im Währungsraum belaufen sich auf 6.500 Milliarden Euro – soll das alles in die Banken fließen? Das Geld wäre besser angelegt, wenn es für die Rettung der Staaten verwendet würde. Wenn es dagegen gelänge, den Märkten endlich die Pleiteangst zu nehmen, bräuchten die Banken überhaupt kein frisches Geld.

Der Glaube, der Schuldenschnitt würde Probleme des Währungsraums lösen, ist naiv. Die Wahrheit ist: Er schafft nur neue. Die Milliarden, die jetzt in die Banken fließen, sind der Preis für die Zögerlichkeit bei der Staatenrettung. Er wird immer weiter steigen, wenn die Europäer ihre Krise nicht lösen.