Fußball spielende Kinder in Soweto (Archivbild) © Yasuyoshi Chiba/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE:Sieben Milliarden Weltbürger : Wann sind wir zu viele?

Babatunde Osotimehin: Die Frage kann niemand verlässlich beantworten. Schon als 3,5 Milliarden Menschen auf der Erde lebten, warnte das TIME Magazine auf seiner Titelseite vor Überbevölkerung . Das ist beinahe fünf Jahrzehnte her.

ZEIT ONLINE: Heute sind Umweltprobleme und Ressourcenknappheit eine Realität, und viele sagen: Alles wegen der Überbevölkerung!

Osotimehin: Gewiss stehen wir vor großen Herausforderungen, um das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten wieder herzustellen. Aber wir müssen uns auch mit dem Konsum auseinandersetzen. Denn die meisten Ressourcen werden gerade dort verbraucht, wo die wenigsten Menschen wohnen. Die wichtigste Aufgabe ist, eine gerechtere Verteilung zu erreichen.

ZEIT ONLINE: Bis 2050 sollen noch weitere drei Milliarden Menschen hinzukommen, deshalb beschwören viele trotzdem den Malthus'schen Alptraum, es werde nicht reichen .

Osotimehin: Dieses Narrativ wird vor allem von den Medien aufrechterhalten. Doch zum einen darf man die Erfolge nicht übersehen. In Lateinamerika zum Beispiel sind die Geburtenraten gesunken; Fortschritte gibt es selbst bei einem scheinbar hoffnungslosen Fall wie Bangladesh. Dort konnte die Regierung das Bevölkerungswachstum von 6 Prozent auf 2,5 Prozent senken, vor allem, indem die Stellung der Frauen gestärkt wurde. Vor 15 Jahren habe ich in Bangladesh noch keine Frauen auf der Straße gesehen – heute ist das normal. Darüber hinaus gibt es bei der Bevölkerungsentwicklung, wenn man genau hinschaut, nicht nur Probleme, sondern auch Chancen.

ZEIT ONLINE: Wie sehen die aus?

Osotimehin: In Nordeuropa, wo die Bevölkerung schrumpft, besteht zwar die Gefahr, dass Produktivität, Sozial- und Rentensysteme ins Wanken geraten, aber es gibt auch die Hoffnung auf ein erfülltes Alter. In Schwellenländern, deren Bevölkerung sich stabilisiert hat, stellt die Landflucht die Städte vor die große Herausforderungen, wie man all die Menschen behaust, mit Wasser und Nahrung versorgt und ausbildet – doch in den Städten entsteht auch Kreativität. Schließlich gibt es jene Länder, in denen die Bevölkerung weiterhin dramatisch wächst.

ZEIT ONLINE: In Afrika soll sich die Zahl der Menschen bis 2050 etwa verdoppeln. Wo sehen Sie da Chancen?

Osotimehin: In der großen Zahl junger Menschen. Wenn wir ihre immense Dynamik und Energie nutzen wollen, dann müssen wir ihnen allerdings Beschäftigung, Bildung, Sexualaufklärung und Entscheidungsfreiheit bringen. Erfahrungsgemäß wollen sie dann auch weniger Nachwuchs.

ZEIT ONLINE: Wenn man die Überalterung im Norden und den hohen Bevölkerungszuwachs im Süden zusammendenkt, läge Migration als Lösung nahe. Werden Sie dafür streiten, dass die Grenzen offener werden?