Euro-Krise Die EU ist für China unverzichtbar

Die Angst einiger Politiker vor einem Ausverkauf Europas an China ist Unfug. Peking hat ein großes Interesse an der Stabilität Europas.

EU-Kommissionschef José Manuel Barroso (l.) und China Premier Wen Jiabao

EU-Kommissionschef José Manuel Barroso (l.) und China Premier Wen Jiabao

Erst ein Jahr ist es her, da priesen Wirtschaftsführer in Europa und Amerika die chinesische Regierung als Retter in höchster Not. Nachdem die westliche Finanzindustrie die schlimmste Rezession der Nachkriegsgeschichte verursacht hatte, waren es Chinas Wirtschaftslenker, die mit dem größten je aufgelegten Konjunkturprogramm weltweit die Nachfrage ankurbelten und damit die Krisenstaaten vor dem Schlimmsten bewahrten. Insbesondere der deutschen Industrie bescherte der China-Boom eine Sonderkonjunktur und ließ die Folgen der Krise hierzulande glimpflich ausfallen.

Aber nun, da die Regierungen der Eurozone bei Chinas Wirtschaftslenkern um Kredithilfe bei der Bewältigung ihres Schuldendebakels werben, gilt die chinesische Wirtschaftsmacht vielen Zeitgenossen plötzlich als Bedrohung. Es drohe ein Ausverkauf Europas an China, warnen uns die Meinungsmacher des Boulevards. Hans-Werner Sinn, Deutschlands letzter Nationalökonom, verstieg sich gar zu der Behauptung, die mögliche Beteiligung der chinesischen Zentralbank am Euro-Rettungsfonds mache die EU "politisch abhängig" und verschaffe den Chinesen "ein Einfallstor für ihre Waren".

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Das klingt griffig und geht doch völlig an der Realität vorbei. Denn die vermeintlich drohende Abhängigkeit ist längst eingetreten. Und was noch wichtiger ist: Sie besteht auf Gegenseitigkeit. Denn so dringend die Euroländer nun Kredite aus China benötigen, so unverzichtbar ist die Europäische Union für China. Schließlich ist sie Chinas wichtigster Handelspartner, der von dort Waren und Dienstleistungen für rund 260 Milliarden Euro im Jahr bezieht, mehr noch als die USA. Darum hat die Regierung in Peking ein ureigenes Interesse an der wirtschaftlichen Stabilität Europas.

Zeitleiste
Chronik Euro-Krise
Oktober 2009

Die griechische Regierung revidiert die Schätzung des Staatsdefizits für 2009 nach oben – von sechs auf mehr als zwölf Prozent des BIPs. Bereits zuvor enthielt die Schuldenstatistik des Landes gravierende Fehler: Im Jahr 2004 wurde bekannt, dass die Neuverschuldung in den Jahren 1998 und 1999 – also kurz vor Einführung des Euro – deutlich über den im Maastricht-Vertrag festgeschriebenen drei Prozent des BIPs lag. Ende 2010 werden Griechenlands Schulden mehr als 140 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen.

16. Dezember 2009

Als erste Rating-Agentur stuft Fitch die Kreditwürdigkeit Griechenlands herab; die anderen Agenturen folgen. Die Sparmaßnahmen Griechenlands reichten nicht aus, um das Defizit nachhaltig zu verringern, begründet Standard & Poor's die Entscheidung. In der EU wächst die Angst vor einem Staatsbankrott, der andere Länder anstecken könnte. In Griechenland kommt es zu ersten Streiks gegen die Sparpolitik der Regierung.

11. Februar 2010

Die Staats- und Regierungschefs der EU erklären sich bereit, Griechenland finanziell zu unterstützen, um die Stabilität der Währungsunion zu sichern. Die EU fordert Griechenland jedoch gleichzeitig auf, die Sparanstrengungen zu verstärken. Zuvor bescheinigte die Kommission ihren Finanzstatistiken qualitative Mängel. Die griechische Regierung verkündet zusätzliche Sparmaßnahmen in Höhe von 4,8 Milliarden Euro. Das entspricht rund zwei Prozent des griechischen BIPs.

2. Mai 2010

Die EU-Finanzminister beschließen, Griechenland Kredite in Höhe von 110 Milliarden Euro zu gewähren: 80 Milliarden kommen von den Euro-Staaten, 30 vom IWF. Nur zehn Tage später fließt die erste Tranche nach Athen. Im Gegenzug wird Griechenland verpflichtet, hart zu sparen, die Wirtschaft zu reformieren und staatliche Unternehmen zu privatisieren. An den Kapitalmärkten kann sich Griechenland nur noch zu hohen Zinsen refinanzieren. Standard & Poor's bewertet die Anleihen des Landes als hochspekulativ (B).

8. Mai 2010

Das Bundesverfassungsgericht lehnt einen Eilantrag gegen die Griechenland-Hilfen ab. Fünf Wissenschaftler hatten nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Griechenland-Hilfe im Bundestag Verfassungsbeschwerde eingelegt. Ihr Argument: Die Hilfe verstoße gegen die EU-Verträge, genauer: gegen das Verbot der gegenseitigen Haftung in der sogenannten No-Bailout-Klausel. Mit den Finanzhilfen werde eine "verheerende Inflationspolitik" betrieben.

10. Mai 2010

Die Europäische Zentralbank (EZB) beschließt, Staatsanleihen kriselnder Staaten aufzukaufen. Sie will verhindern, dass die Länder ihre Schulden nicht mehr bedienen können, weil die Zinsen immer weiter steigen. Ihre Statuten verbieten ihr, Anleihen direkt von den Emittenten zu erwerben; also wird sie am öffentlichen und privaten Anleihemarkt – dem sogenannten Sekundärmarkt – tätig. Mit der Ankündigung bricht die EZB mit einem Tabu: Bisher hat sie derartige Mittel zur Krisenbekämpfung stets abgelehnt.

7. Juni 2010

Die Euro-Finanzminister gründen in Luxemburg die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF), den sogenannten Euro-Rettungsschirm. Die Zweckgesellschaft soll im Notfall am Kapitalmarkt Kredite aufnehmen, um klamme Staaten finanziell zu stützen. Die Euro-Länder sollen für die Kredite bürgen, Deutschland mit bis zu 148 Milliarden Euro. Der EFSF umfasst insgesamt 750 Milliarden Euro. Die tatsächliche Kreditvergabekapazität liegt niedriger, weil für ein AAA-Rating hohe Garantien erforderlich sind.

29. September 2010

EU-Währungskommissar Olli Rehn präsentiert Vorschläge zur Krisenbewältigung. Der Finne will den Stabilitäts- und Wachstumspakt stärken und die EU finanzpolitisch besser steuern. Dazu sollen etwa Sanktionen künftig automatisch verhängt werden und nicht erst, wenn die Mitgliedsländer darüber entschieden haben. Und Schuldenstaaten sollen schon bei der Eröffnung eines Defizitverfahrens ein Strafpfand in Höhe von 0,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes hinterlegen. Die EU-Finanzminister entscheiden über die Vorschläge im März 2011.

30. September 2010

Die Rating-Agentur Moody's stuft Spanien herab, die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Sie bewertet die Bonität des Landes nun nicht mehr mit der Bestnote. Vor dem Platzen der Immobilienblase befand sich Spanien noch im Aufschwung. Seitdem kämpft das Land mit den Folgen der Finanzkrise. Ministerpräsident Zapatero bestreitet, finanzielle Hilfe der EU zu brauchen. Spanien hat auf einen rigorosen Sparkurs geschwenkt – genau wie der ebenfalls hoch verschuldete Nachbar Portugal.

21. November 2010

Irland muss vom Euro-Rettungsschirm aufgefangen werden. Das Land hat seine Banken mit Milliardenbeträgen vor dem Zusammenbruch gerettet und ist dadurch selbst in eine Schieflage geraten. Die Euro-Finanzminister beschließen Hilfskredite in Höhe von 85 Milliarden Euro, im Gegenzug muss Irland wie zuvor schon Griechenland hart sparen. Die irischen Bürger sind wütend: Bis zuletzt hatte ihre Regierung bestritten, Hilfe aus Brüssel beantragen zu wollen.
 

28. November 2010

Die Finanzminister der Euro-Länder einigen sich auf einen dauerhaften Krisenfonds, den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Er soll 2013 den Rettungsfonds EFSF ablösen. Der ESM umfasst 700 Milliarden Euro, von denen maximal 500 Milliarden an Not leidende Staaten verliehen werden können. Der Rest dient als Sicherheitseinlage. Sie soll die Rating-Agenturen überzeugen, auch dem ESM Bestnoten zu verleihen. Im Gegensatz zum EFSF wird der neue Fonds mit einer Bareinlage in Höhe von 80 Milliarden Euro ausgestattet. In Einzelfällen können auch private Gläubiger beteiligt werden.

16. Dezember 2010 /25. Januar 2011

Die EZB verdoppelt ihr Grundkapital auf elf Milliarden Euro, um ihre Anleihekäufe abzusichern. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits für 72 Milliarden Euro Anleihen aufgekauft – griechische, irische, portugiesische, spanische. Einen Monat später gibt der Rettungsfonds EFSF erstmals selbst Anleihen auf dem Kapitalmarkt aus. Das Interesse der Anleger an den EFSF-Anleihen ist enorm, unter anderem wegen seines Top-Ratings.

11. März 2011

Die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder beschließen, die Kreditvergabekapazität des EFSF auf 440 Milliarden aufzustocken. Außerdem einigen sich die Staaten auf den "Pakt für den Euro" – die Selbstverpflichtung, sich in der Haushalts-, Steuer- und Sozialpolitik enger abzustimmen – und verpflichten sich zum Sparen. Gleichzeitig wird der Stabilitäts- und Wachstumspakts verschärft. Die von Deutschland geforderten automatischen Sanktionen scheitern allerdings am Widerstand der Mitgliedsstaaten.

April 2011

Innerhalb der schwarz-gelben Koalition regt sich Widerstand gegen den ESM: Mehr als 30 FDP-Politiker fordern, den Rettungsfonds auf dem Parteitag im Mai abzulehnen. Außerdem wollen sie ein Insolvenzverfahren für EU-Staaten mit starker Gläubigerbeteiligung und ein Verbot für die EZB, Anleihen aufzukaufen. Sie scheitern: Zwei Drittel der Liberalen sprechen sich gegen ein Nein zum ESM aus. Außenminister Westerwelle sagt: "Europa liegt im deutschen Interesse."

7. April 2011

Auch Portugal will unter den Rettungsschirm. Das ärmste Land Westeuropas sieht keine Alternative, nachdem die Opposition im März ein geplantes Sparprogramm der Minderheitenregierung ablehnte. Nach dreiwöchigen Verhandlungen bekommt Portugal 78 Milliarden Euro zugesprochen – und mehr Zeit für den Schuldenabbau: Die Neuverschuldung des Staats darf in diesem Jahr nun statt 4,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 5,9 Prozent betragen.

Juli 2011

Die Sorge um Italien lässt die Gemeinschaftswährung abrutschen. Die Staatsverschuldung der drittgrößten Volkswirtschaft Europas ist, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, mit fast 120 Prozent höher als die Irlands und Portugals. Die Renditen auf ihre Anleihen steigen. Die Regierung plant, in vier Jahren knapp 48 Milliarden Euro einzusparen, etwa im öffentlichen Dienst und im Gesundheitswesen. Berlusconi meint trotzdem: "Wir sind stabil."

21. Juli 2011

Die Euro-Länder beschließen das zweite Rettungspaket für Griechenland. Es umfasst neue Kredite in Höhe von 109 Milliarden Euro und soll bis 2014 reichen. Erstmals beteiligen sich freiwillig private Gläubiger: Banken sollen 37 Milliarden Euro beisteuern, indem sie griechische Staatsanleihen in neue Bonds mit geringeren Zinsen umtauschen. Ein Erfolg für die Bundesregierung, die sich für die Beteiligung privater Gläubiger eingesetzt hat.

8. August 2011

Die Europäische Zentralbank kauft erstmals auch italienische und spanische Staatsanleihen am Sekundärmarkt. Sie will damit verhindern, dass die Zinsen für die Krisenstaaten weiter steigen. Mit Erfolg: Der Druck auf die beiden Länder nimmt in den kommenden Wochen etwas ab. Italien erklärt sich bereit, ein weiteres Sparpaket aufzulegen: Bis 2013 soll der Haushalt um weitere 45 Milliarden Euro gekürzt werden.

August 2011

Die Debatte über Euro-Bonds entflammt. Euro-Gruppen-Chef Juncker ist dafür, die Krisenstaaten im Süden auch. In Deutschland drängen SPD und Grüne auf die gemeinsamen Anleihen; auch in der CDU bröckelt der Widerstand. Die FDP ist weiterhin strikt gegen Euro-Bonds, auch Angela Merkel lehnt sie ab. Unterdessen sorgen Gerüchte, Frankreich könnte sein AAA-Rating verlieren, für Turbulenzen an den Börsen. Der Dax fällt zeitweise um bis zu sechs Prozent im Vergleich zum Vortag. Sarkozy kündigt weitere Sparpläne an.

16. August 2011

Merkel und Sarkozy treffen sich zu einem Krisengipfel. Euro-Bonds sind dabei angeblich kein Thema. Stattdessen schlagen die beiden Staatschef eine EU-Wirtschaftsregierung vor, die sich aus dem Rat der Staats- und Regierungschefs der Euro-Länder zusammensetzen soll. Außerdem soll eine Schuldenbremse nach deutschem Vorbild in die Verfassungen der Euro-Länder – und eine Steuer auf Finanztransaktionen. Letztere stößt vor allem bei den Banken auf wenig Gegenliebe.

31. August 2011

Das Bundeskabinett bringt das "Gesetz zur Übernahme von Gewährleistungen im Rahmen eines europäischen Stabilisierungsmechanismus" auf den Weg. Damit setzt es die Beschlüsse des Euro-Gipfels vom 21. Juli um. Deutschland bürgt nun für weitere 211 Milliarden Euro. Knackpunkt in der deutschen Diskussion ist die Beteiligung des Bundestages: Künftig soll das Parlament über alle neuen Hilfen abstimmen. Unter anderem haben die Unions- und die FDP-Fraktion dies gefordert.

August/September 2011
Banken Frankfurt

Die europäischen Banken misstrauen einander zunehmend. Statt sich gegenseitig Geld zu leihen, bemühen sie die EZB. Der Liquiditätsfluss im Finanzsektor droht auszutrocknen, die Angst vor einer neuen großen Bankenpleite wächst. Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), fordert deshalb, die Banken mit neuem Kapital auszustatten, das direkt vom Rettungsfonds EFSF kommen soll. Auch die Bankenaufsicht (EBA) zeigt sich besorgt. EZB-Chef Trichet und Deutsche-Bank-Chef Ackermann hingegen kritisieren die Vorstöße.

7. September 2011
Bundesverfassungsgericht

Erneut weist das Bundesverfassungsgericht Verfassungsbeschwerden gegen die Griechenland-Hilfen ab. Die Richter entscheiden, dass die deutsche Beteiligung am Rettungsfonds EFSF mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Sie setzen aber voraus, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages allen Rettungsmaßnahmen zustimmen muss. Bisher musste sich Finanzminister Wolfgang Schäuble lediglich um ein Einvernehmen mit dem Parlament bemühen.

Mitte September 2011

Die Spekulationen über eine mögliche Insolvenz Griechenlands nehmen zu. Eine neue Immobiliensteuer soll das benötigte Geld in die öffentlichen Kassen bringen. Der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos sagt, sein Land brauche weitere Milliarden, um seine Haushaltsziele zu erreichen. Die griechische Wirtschaft schrumpft stärker als gedacht. Ein Sprecher des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble nennt die Spekulationen "zwecklos", aber Wirtschaftsminister Philipp Rösler sagt öffentlich, es dürfe keine Denkverbote geben. Eine geordnete Insolvenz schließt er nicht mehr aus.

29. September 2011

Der Bundestag billigt die von den Euro-Ländern geplante Aufstockung des Rettungsfonds EFSF auf 780 Milliarden Euro, von denen 440 Milliarden an überschuldete Euro-Staaten verliehen werden können. Treten die geplanten Änderungen in Kraft, steigen die deutschen Garantien um 88 Milliarden auf 211 Milliarden Euro. Zudem erhält der Fonds dann weitere Kompetenzen: Künftig soll er an der Börse Staatsanleihen von Krisenstaaten kaufen, um deren Kurse zu stabilisieren. Von 611 anwesenden Abgeordneten im Bundestag stimmen 523 dem Gesetzentwurf der Koalitionsfraktionen zu.

Oktober 2011

Am 26. Oktober stimmt der Bundestag schon wieder über eine Ausweitung des Rettungsfonds EFSF ab. In ihrer Regierungserklärung appelliert Kanzlerin Merkel an die Abgeordneten, ihre Rettungspolitik zu unterstützen: "Scheitert der Euro, scheitert Europa", sagt sie. 503 von 596 Abgeordneten stimmen für die Erweiterung. Auf dem anschließenden EU-Gipfel beschließen die Staats- und Regierungschefs einen Schuldenschnitt für Griechenland, eine Ausweitung des EFSF und eine Rekapitalisierung der Banken. Italien verspricht, stärker zu sparen.

Anfang November 2011
Lucas Papademos (r.) mit seinem Amtsvorgänger Giorgos Papandreou

Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend an, er wolle seine Bevölkerung über die EU-Rettungshilfen abstimmen lassen. Europas Regierungen setzten Griechenland daraufhin unter Druck: Die nächste Kredittranche, von den Euro-Finanzministern eigentlich schon gebilligt, wird auf Eis gelegt. Am 3. November sagt Papandreou das Referendum wieder ab. Sechs Tage später kündigt er seinen Rücktritt an. Das frühere EZB-Ratsmitglied Lucas Papademos wird neuer griechischer Ministerpräsident.
 

Mitte November 2011
Mario Monti

Nach wachsendem Druck der Finanzmärkte auf Italien tritt Regierungschef Silvio Berlusconi zurück. Sein Nachfolger wird der frühere EU-Kommissar Mario Monti. Im Dezember stimmt das Parlament in Rom seinem Spar- und Sanierungsprogramm zu. Auch in Spanien wechselt die Regierung: Bei der vorgezogenen Parlamentswahl am 20. November werden die Sozialisten abgewählt, die konservative Volkspartei (PP) mit ihrem Spitzenkandidaten Mariano Rajoy siegt. Er löst im Dezember José Luis Rodríguez Zapatero als Regierungschef ab.

Dezember 2011
David Cameron in Brüssel

Am 5. Dezember, nur wenige Tage vor dem nächsten EU-Gipfel, droht die Rating-Agentur Standard & Poor's Deutschland und weiteren 14 Ländern der Euro-Zone mit der Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit. Auf dem Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs ist Großbritanniens Premierminister David Cameron isoliert: Er will einen Vertrag für mehr Haushaltsdisziplin nicht mittragen, die anderen Länder vereinbaren den Abschluss des Regelwerks. Für sein Verhalten erntet Cameron auch im eigenen Land viel Kritik.

13. Januar 2012

Die Rating-Agentur Standard & Poor's stuft Frankreichs Kreditwürdigkeit herab. Einen Tag später entzieht sie neun weiteren Ländern die Bestnote. Auch der Krisenfonds EFSF verliert sein AAA-Rating. Die Folgen sind begrenzt: Die Zinsaufschläge für einige Krisenländer bleiben zwar hoch, sinken aber in der Tendenz. Die erste Auktion des EFSF nach seiner Herabstufung verläuft reibungslos. Allerdings nimmt die Flucht in sichere Häfen zu: Wenige Tage vor der Herabstufung von Frankreich zahlt Deutschland erstmals negative Zinsen auf kurzfristige Staatspapiere – wie zuvor die Schweiz und Dänemark.

31. Januar

Die Staats- und Regierungschefs der EU verabschieden in Brüssel den Fiskalpakt. 25 Staaten stimmen dem neuen Regelwerk zu; Großbritannien und Tschechien bleiben außen vor. Die neuen Regeln sollen ab 2013 gelten. Künftig kann die Kommission ein Defizitverfahren auch ohne die Zustimmung der Finanzminister eröffnen, immer dann, wenn die Defizitquote eines Landes drei Prozent überschreitet. Das strukturelle Defizit in den Haushalten darf in der Regel nicht mehr die Grenze von 0,5 Prozent überschreiten. Die Krisenstaaten müssen ihre Schulden um fünf Prozent jährlich abbauen. Die Regierungschefs verabschieden auch den dauerhaften Krisenmechanismus ESM, der ab Juli in Kraft treten soll. 

21. Februar

Die EU-Finanzminister bringen in Brüssel ein zweites Rettungspaket für Griechenland auf den Weg. Es umfasst neue Kredite in Höhe von 130 Milliarden Euro. Die Einigung der Minister mit Griechenland ist auch Voraussetzung für die Beteiligung privater Gläubiger an der Rettung des überschuldeten Landes. Sie sollen nun auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen verzichten. Der Schuldenstand Griechenlands soll dadurch auf rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken.

8. März 2012
Der Parthenon auf der Akropolis

Der Parthenon auf der Akropolis

Die griechische Regierung verschickt eine Erfolgsmeldung: An dem angekündigten Schuldenschnitt beteiligen sich nach Angaben des Finanzministeriums rund 86 Prozent aller Gläubiger, die Papiere nach griechischem Recht halten. Damit ist das nötige Quorum erreicht, um auch die anderen Gläubiger zum Umtausch zu zwingen. Insgesamt wären dann rund 95 Prozent der Investoren im Boot. Rund 197 Milliarden der 206 Milliarden Euro an griechischen Staatsschulden können nun umgeschuldet werden. Die Anleger erhalten Papiere mit längerer Laufzeit und niedrigerem Zinssatz. Griechenland bekommt mehr Zeit.

Zugleich erzielt aber Chinas Wirtschaft, vor allem wegen der Einbindung in die Produktionsketten der europäischen Konzerne, im Handel mit der EU einen Überschuss von rund 170 Milliarden Euro im Jahr. Darum ist es ein ganz normaler Vorgang, dass Chinas Banken und Unternehmen zumindest einen Teil dieser so erworbenen finanziellen Ansprüche in europäische Wertpapiere und Firmen investieren. Nichts anderes geschieht seit Jahrzehnten mit den Überschüssen des notorischen Exportweltmeisters Deutschland, dessen Anlagestrategen allerdings dumm genug waren, einen großen Teil davon in aufgeblasenen Immobilienmärkten und schlecht regierten Ländern zu versenken.

Vor diesem Hintergrund ist die Warnung vor einem "Ausverkauf" an China Unfug. Der Bestand von Euro-Anleihen bei der Pekinger Zentralbank liegt noch immer weit unter den akkumulierten Handelsüberschüssen. Und zum Ende vergangenen Jahres hatten deutsche Unternehmen 17 Mal mehr in China investiert als umgekehrt. Auch für die gesamte EU betrug das Verhältnis fast zehn zu eins. Insofern sind die jetzt zunehmenden Einkäufe chinesischer Investoren bei EU-Unternehmen von Volvo bis zur Münchner Rückversicherung nur eine logische Folge der rasanten wirtschaftlichen Verflechtung und genauso wenig Ausdruck eines Willens zur Eroberung, wie es die weltweite Expansion der deutschen Konzerne ist.

Die eigentliche Sorge für alle Beteiligten sollte vielmehr sein, wie sie die globale Koordination der Wirtschafts-, Finanz- und Geldpolitik so weit vorantreiben, dass nicht wieder die politischen Fehler in einer Region die ganze übrige Welt in Not bringen. Leider machen da die absehbar mageren Ergebnisse des für diese Woche angesetzten Gipfels der G-20-Staaten in Cannes wenig Hoffnung.

Erschienen im Tagesspiegel.

 
Leser-Kommentare
  1. EU, übrigens schon eine Politik unter Mao. Die Widersprüche zwischen den imperialistischen Zentren werden damit zugespitzt. Eine schwaches, zersplittertes Europa würde die Hegemonie des US-Imperialismus stärken.....

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    "Eine schwaches, zersplittertes Europa würde die Hegemonie des US-Imperialismus stärken"

    ... wir sollten unbedingt bei den ganz Großen mitmischen. Auch was Rüstung und Menschenrechte angeht. Von China und USA lernen, heisst siegen lernen! Ob uns das was bringt? Klar! Nationalstolz, wobei, ist ein bisschen schwer bei der gestückelten EU, aber man kanns ja versuchen. Und sonst? Tja, hoffen wir mal, ich möchte derzeit zwar weder mit den Amerikanern oder gar mit den Chinesen tauschen, aber warum sollte bei uns nicht alles viel besser laufen? Hat ja bei der Deregulierung der Finanzmär... ach, na ja, schlechtes Beispiel.

    "Eine schwaches, zersplittertes Europa würde die Hegemonie des US-Imperialismus stärken"

    ... wir sollten unbedingt bei den ganz Großen mitmischen. Auch was Rüstung und Menschenrechte angeht. Von China und USA lernen, heisst siegen lernen! Ob uns das was bringt? Klar! Nationalstolz, wobei, ist ein bisschen schwer bei der gestückelten EU, aber man kanns ja versuchen. Und sonst? Tja, hoffen wir mal, ich möchte derzeit zwar weder mit den Amerikanern oder gar mit den Chinesen tauschen, aber warum sollte bei uns nicht alles viel besser laufen? Hat ja bei der Deregulierung der Finanzmär... ach, na ja, schlechtes Beispiel.

  2. Also noch mal, hier steht die Antwort zur Eurokrise.

    http://www.zeit.de/2011/4...

    Ein Lastenausgleich in Europa bringt 500 Mrd pro Jahr.

    Was hier vorgeschlagen wird ist wirklich das Allerletzte. Die armen Chinesen sollen die reichen Europaer rausretten, weil die nicht faehig sind genug Steuern zu erheben, von ihren Vermoegenden.

    Einen Plan, der aussieht als sei er von Investment Bankstern gemacht worden, Zweckgesellschaft mit Chinsen in Reniminbi zu gruenden, hilft doch nur einem, den Bankstern, denen sowas eingefallen ist, und die es dann an unsere gutglaeubigen Politiker verkauft haben. Diese Zweckgesellschaft soll nur 100 Mrd bringen, wenn es hochkommt.

    So etwas kann wirklich nur vom Schaeuble/Merkel Duo vorgeschlagen werden, das sieht genau nach deren intellektueller "Leistung" aus.

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    ...wobei die "armen Chinesen" von den Devisenbergen Chinas derzeit ohnehin nichts haben. Dafür hätten sie sehr wohl Probleme, wenn ihr Exportmarkt wegbricht.

    Allerdings: geben sie die Devisen aus, stärkt das den Renminbi und der Export leidet auch. Also werden die sich sehr genau überlegen wie sie investieren und was für eine Gegenleistung sie bekommen. Und auf der anderen Seite exportieren die Chinesen ohnehin Massenware, die sie wohl idR auch leicht im Inland absetzen könnten, anders als die Deutschen mit ihren teuren Spezialmaschinen und Luxusautos.

    ...wobei die "armen Chinesen" von den Devisenbergen Chinas derzeit ohnehin nichts haben. Dafür hätten sie sehr wohl Probleme, wenn ihr Exportmarkt wegbricht.

    Allerdings: geben sie die Devisen aus, stärkt das den Renminbi und der Export leidet auch. Also werden die sich sehr genau überlegen wie sie investieren und was für eine Gegenleistung sie bekommen. Und auf der anderen Seite exportieren die Chinesen ohnehin Massenware, die sie wohl idR auch leicht im Inland absetzen könnten, anders als die Deutschen mit ihren teuren Spezialmaschinen und Luxusautos.

  3. Die Euphorie der Presse ist gefährlich, denn eine Enttäuschung steht zweifellos bevor. China braucht Europa als Kunden. Es wird also positiv reagieren, aber nicht als generöser Retter und Heiler des erkrankten Euro, sondern als vorsichtiger Investor, der sein Geld gegen entsprechende Sicherheiten anzulegen bereit ist.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. "Die EU ist für China unverzichtbar" - Echt? Es ist wohl eher umgekehrt. Die EU in der bisherigen Form ist doch wirtschaftlich wie politisch kurz vorm Exitus. Was wirklich kein Schaden ist.

  5. 5. Unsinn

    Du gibst mir Geld, und mit dem Geld, das du mir gibst kaufe ich deine Waren. Gegenseitige Abhängigkeit also ...

    Nein, großer Käse. Lassen Sie sich das mal bei Gelegenheit von einem Fünfjährigen erklären.

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    hat man auch mit Griechenland gemacht. Die Waren geliefert (für unseren Exportüberschuss) und die entsprechenden Kredite gleich dazu serviert. Wo das alles endet, lesen wir fast täglich in den Medien.

    C'est la vie!

    hat man auch mit Griechenland gemacht. Die Waren geliefert (für unseren Exportüberschuss) und die entsprechenden Kredite gleich dazu serviert. Wo das alles endet, lesen wir fast täglich in den Medien.

    C'est la vie!

    • Moika
    • 31.10.2011 um 12:43 Uhr

    Europa ist nun einmal, neben den USA und Japan, einer der kaufkräftigsten Märkte und Abnehmer von Waren chinesischer Unternehmen.

    Das zu erhalten ist ihr einziges, aber fundamentales Interesse.

  6. Deutschland wird unter Merkel bereits autoritär geführt.
    Man begiebt sich auf Augenhöhe!

  7. 8. China

    ist ein eigenständiges Land, die EU ist ein
    Konglomerat unterschiedlichster Länder.
    So zu tun, als stünde China, in Konkurrenz mit Europa ist m.E. falsch.
    Es konkurrieren einzelne Firmen in Europa mit Firmen in Asien oder den USA.
    Solange es keine "vereinigten Staaten von Europa" gibt, wird das auch so bleiben.
    Und ob es so einen Staatenbund (ähnlich USA) jemals geben wird, ist sehr fraglich.
    Das ein gesundes Europa, d.h. gesunde Einzelstaaten, ein guter Handelspartner ist/sind, ist logisch.
    Hört endlich auf mit dem "Europa gegen den Rest der Welt".
    Europa kämpft momentan gegen und mit sich selbst.

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