"Deutschland zahlt". Dieser Satz, den Frankreichs damaliger Finanzminister Louis Klotz während des Ersten Weltkriegs prägte und fortan immer dann wiederholte, wenn Frankreich Geld brauchte, ist noch ein Jahrhundert später in denn Köpfen der Franzosen verankert. Deshalb, schrieb Christine Kerdellant gerade im Magazin "L'Express", wunderten sie sich umso mehr, dass sich die Nachbarn zierten, den Geldbeutel für Griechenland zu öffnen. Zumal diese Nachbarn gar keine andere Wahl hätten. "Die deutschen Politiker bluffen – oder sie buhlen um die Wähler –, wenn sie mit dem Gegenteil drohen", urteilt Kerdellant und fügt die beinahe obligatorisch erscheinende Moralkeule an: "Schließlich haben die Deutschen am meisten vom Euro profitiert."

Auf der internationalen Bühne bemühen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy um Einigkeit. Auch die beiden Ressortchefs Wolfgang Schäuble und François Baroin mimten am vergangenen Wochenende beim Treffen der G20-Finanzminister die Rolle der vereinten Retter des Euro. Immer sind Paris und Berlin einer Meinung, auch wenn man gerade nicht weiß, worin. Doch hinter den Kulissen gärt es. Zumal die Franzosen das Gefühl haben, beim Duo "Merkozy" gebe mehr und mehr Merkel den Ton an.

Das zeigt nicht nur das in vorwurfsvollem Ton vorgebrachte Argument, die deutsche Exportnation habe nun eben die Rechnung dafür zu begleichen, dass das Land vor allem dank der gemeinsamen Währung Wohlstand und Wachstum erlangt habe. Vorige Woche keilten die französischen Bankiers auch gegen die Forderung, ihre Häuser zu rekapitalisieren und so gegen einen Schuldenschnitt Griechenlands zu wappnen. "Die französischen Banken erinnern daran, dass der Beunruhigung der Märkte die finanzielle Situation einiger Länder der Euro-Zone zugrunde liegt, und nicht etwa die der europäischen Banken", teilte der Bankenverband FBF mit. Michel Perbereau, Chef der Großbank BNP Paribas, schloss eine Kapitalerhöhung zu Ungunsten der Aktionäre praktisch aus: "Wir werden sie sicher nicht abstrafen, wenn es nicht absolut notwendig ist." Schon gar nicht, wenn die Deutsche Bank nicht mitmachen will. Josef Ackermann hatte da bereits abgewinkt.

Ohnehin lästert man in französischen Finanzkreisen, Merkel fordere vor allem deshalb mehr Eigenkapital für die Banken, weil die deutschen Institute in größeren Schwierigkeiten steckten als die französischen . Als Beweis wird eine Studie der Investmentbank Natixis angeführt. Die habe es doch deutlich gezeigt: Im schlimmsten anzunehmenden Fall, also dann, wenn griechische Anleihen 70 Prozent ihres Werts verlören, diejenigen von Irland und Portugal auf 60 Prozent und jene aus Italien und Spanien auf 80 Prozent abgeschrieben werden müssten, würden Deutsche Bank und Commerzbank Ende kommenden Jahres zusammen sieben Milliarden zusätzliches Kapital benötigen. Frankreichs zweitgrößte Bank Société Générale, über die es zuletzt zahlreiche negative Spekulationen bis hin zum bevorstehenden Bankrott gab, brauche dagegen lediglich eine Kapitalspritze von zwei bis drei Milliarden Euro. BNP Paribas und Crédit Agricole hätten sogar genügend eigenen Spielraum.

Voilà, Beweis erbracht, die Deutschen wollen lediglich von eigenen Problemen ablenken. Frankreichs Bankenchefs, von denen viele mit Politikern und Regierungsbeamten die Bank der Eliteschulen drückten und selbst vor dem Wechsel in die Privatwirtschaft hohe Verwaltungsposten inne hatten, kennen die Kanäle, um ihren Interessen Nachruck zu verleihen. Aber die scheinen gerade etwas verstopft. Sarkozys Forderung etwa, den neuen Rettungsfonds EFSF zur Kapitalerhöhung der Banken heranzuziehen, ist schon wieder vom Tisch. Weil Merkel das nicht will, urteilen französische Kommentatoren.

Sieben Monate vor der französischen Präsidentschaftswahl sitzt Sarkozy zwischen allen Stühlen. Einerseits will Sarkozy unbedingt die Note "AAA" für französische Staatsanleihen behalten, um damit – wie Deutschland – zum Club der Starken zu gehören. Dafür habe er in den vergangenen Monaten so manche bei den Wählern unbeliebte Reform wie die Anhebung des Rentenalters durchgeboxt, sagt Claire Schaffnit-Chatterjee von Deutsche Bank Research. Dennoch rechnen führende Ökonomen nun im Zusammenhang mit einem weiteren Rettungspaket für die europäischen Schuldenländer damit, dass die Rating-Agenturen bereits in den kommenden Wochen Frankreich mit einem negativen Ausblick versehen.