NahrungspreiseSpekulanten sind die Hungermacher

Großbanken setzen Hunderte Milliarden Dollar auf steigende Preise. Die Folge: Weizen, Mais und Soja sind teuer wie nie. Für die Ärmsten bedeutet das Krankheit und Tod. von Harald Schumann

Blick auf einen Straßenimbiss in Lahore/Pakistan

Blick auf einen Straßenimbiss in Lahore/Pakistan  |  © Arif Ali/AFP/Getty Images

Nicolas Sarkozy, Frankreichs Staatspräsident, gilt unter den Mächtigen der Welt nicht gerade als Anwalt der Armen und Schwachen. Umso mehr überraschte er Ende Januar die im Elysée-Palast versammelten 300 Diplomaten und Journalisten, als er die Ziele für Frankreichs diesjährige Präsidentschaft in der Gruppe der 20 führenden Staaten (G 20) erklärte.

Im golden getäfelten Empfangssaal unter glitzernden Kronleuchtern machte er sich energisch für die Bedürftigsten der Welt stark, für jene, die hungern müssen, weil sie die hohen Preise für Nahrungsmittel nicht bezahlen können.

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Harald Schumann

Der Autor dieses Textes hat auch den Report "Die Hungermacher" verfasst, den die Verbraucherorganisation Foodwatch vor wenigen Tagen präsentierte. Die ZEIT hat den Report hier rezensiert.

An ihrem Schicksal, erklärte Sarkozy , trage die Spekulation von Kapitalanlegern auf den Märkten für Rohstoffe und Getreide erhebliche Mitschuld. "Wenn wir dagegen nichts tun, riskieren wir Hungerrevolten in den armen Ländern und schlimme Folgen für die Weltwirtschaft." Die G20-Staaten müssten Regeln vereinbaren, die den Einfluss der Finanzinvestoren zurückdrängen. Das, so betonte er, sei "auch eine moralische Frage".

Erstmals erhob damit der Staatschef einer Industrienation eine Anklage, die bis dahin nur Aktivisten vergeblich vorgetragen hatten: Demnach nehmen Kapitalanleger in aller Welt billigend in Kauf, dass sie Millionen Menschen in die Hungersnot treiben, weil sie an den Börsen auf steigende Preise für Getreide setzen. Sarkozy formulierte es so: Die Spekulanten erzeugen "Wucherpreise" und betreiben so "eine Plünderung der armen Länder", die auf Nahrungsimporte angewiesen sind.

Seit Jahren steigende Preise

Das Problem könnte kaum drängender sein. Seit dem Jahr 2000, nur kurz unterbrochen während der Finanzkrise 2008, steigen weltweit die Nahrungspreise. Gleich ob Getreide, Speiseöl, Zucker oder Milch: Alle wichtigen Rohstoffe für die menschliche Ernährung waren auf den Weltmärkten im Frühjahr 2011 nach Abzug der Inflation mindestens doppelt so teuer wie zehn Jahre zuvor. In den reichen Industriestaaten fällt das kaum ins Gewicht, hier geben die Verbraucher weniger als 15 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Doch für die rund eine Milliarde unterernährten Menschen in den Entwicklungsländern, die den größten Teil ihrer Einkünfte für die Ernährung verwenden müssen, bedeuten die Preissteigerungen gravierende Einschränkungen. Vielen bringen sie Krankheit und Tod.

Allein 2010 seien die Nahrungspreise um mehr als ein Drittel gestiegen, berichtete die Weltbank und schätzte, dass dadurch 40 Millionen Menschen zusätzlich in absolute Armut gestürzt wurden. Diese verhängnisvolle Entwicklung schaffe ein "giftiges Gemisch aus menschlichem Leid und sozialem Aufruhr", warnte Weltbank-Chef Robert Zoellick .

Während die Agrarpreise immer neue Höhen erreichen und die Warnmeldungen aus den Armutsregionen sich häufen, verzeichnet auch das andere Ende der Weltgesellschaft einen Rekord: Investoren aller Art, von milliardenschweren Pensionsfonds bis hin zu vielen tausend Kleinanlegern, haben mehr als 600 Milliarden Dollar in Wertpapiere investiert, mit denen sie vom Anstieg der Rohstoffpreise profitieren. Dies ist mehr als das Vierzigfache dessen, was vor zehn Jahren in diesem Sektor des Kapitalmarkts angelegt war.

Großanleger verteidigen Investments

Knapp ein Drittel dieser Summe floss in Anlagen für Agrarrohstoffe, und diese Summe steige monatlich um fünf bis zehn Milliarden Dollar an, berichten die Analysten der britischen Großbank Barclays. Der Agrarbereich ziehe nicht nur die meisten Mittel an, sondern sei dabei auch der "Sektor mit der besten Performance".

Hohe Preise und wachsende Not auf der einen, euphorische Investoren und ihre Milliardengewinne auf der anderen Seite – da liegt der Verdacht nur allzu nahe, dass der Kapitalstrom auf die Rohstoffbörsen selbst die treibende Kraft des Preisanstiegs ist. Doch eben das leugnen die Manager der verantwortlichen Finanzunternehmen rundheraus und sprechen so der Politik jede Berechtigung für mögliche Eingriffe ab.

Es gebe "keinen glaubwürdigen Beweis für einen Zusammenhang der Investitionen in Rohstofffonds und dem starken Anstieg der Getreidepreise", behauptet etwa Steve Strongin, Chefstratege für Kapitalanlagen bei der Investmentbank Goldman Sachs, dem Weltmarktführer für Rohstoffinvestments. "Es gibt keinen Nachweis, dass Spekulanten die Preise irgendeines bestimmten Produktes beeinflussen", meint auch Terence Duffy, Chef des amerikanischen Börsenkonzerns CME, der fast die Hälfte seines Umsatzes mit Rohstoffgeschäften macht.  

Leserkommentare
  1. Wenn ich das richtig verstanden habe, wird unter Einsatz von sehr viel vorhandenem Kapital der Preis für Grundnahrungsmittel künstlich in die Höhe getrieben, um noch mehr Kapital zu erzielen.

    Mal abgesehen davon dass sich die Illusion der sich selbst regulierenden Märkte dadurch selbst als solche outet: dadurch werden doch reale Märkte völlig von der Realität abgekoppelt. Dadurch wird doch Milliarden Menschen auf der ganzen Welt etwas mehr Geld aus der Tasche gezogen, um einen völlig abstrakten riesigen Haufen Geld noch riesiger zu machen.

    Es scheint mir, als wäre es an der Zeit, diesen riesigen Haufen Geld um die Beträge zu kappen, die zur Bereinigung der internationalen Finanzkrise benötigt werden und den Investmentbankern wieder ein Gefühl dafür zu vermitteln, was es heißt, mit ehrlicher Arbeit Geld verdienen und dabei Steuern zahlen zu müssen.

    13 Leserempfehlungen
  2. Willst Du die Löhne drücken, mache Arbeit rar.
    Willst Du etwas teuer verkaufen, produziere wenig davon.

    Willst Du die Menschen gefügig machen, sorge dafür, dass Landbesitz unmöglich wird. Dann kann kein Mensch sich selbst versorgen, mit dem, was er selbst anbaut.

    Gibst Du ihm Land, dann sorge aber dafür, dass er DEIN genmanipuliertes Saatgut kauft - so kannst Du sicherstellen, dass er nicht aus den Pflanzen selbst sein Saatgut für's nächstes Jahr gewinnt - somit hast Du auch Saatgut knapp und den Bauern abhängig gemacht.

    Dass Märkte sich von selbst regulieren stimmt aber - große Firmen schlucken kleine. Monopole und Oligopole entstehen.
    Was nicht stimmt ist, dass sie sich im Sinne der Bürger regulieren. U.a. wurde auch deswegen die Idee des Staates geboren.

    "Die Märkte" haben nicht die Funktion für soziale Gerechtigkeit zu sorgen oder den Hunger der Armen zu stillen. Wer in diesem Sinne an die Selbstregulierung der Märkte glaubt, der glaubt auch daran, dass sich die damaligen Könige und Feudalherrscher ganz von selbst reguliert hätten.

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    • Benjowi
    • 24. Oktober 2011 20:04 Uhr

    Übersetzen wir die Quintessenz des Artikels doch einmal kurz und prägnant in die Realsprache: 60 Jahre lang hat eine gut begründete Regulierung -in dem Fall eine offensichtlich sehr sinnvolle Mengenbegrenzung- für vernünftige Marktverhältnisse bei Nahrungsmitteln gesorgt, die auch für Normalmenschen halbwegs das Sattwerden ermöglichten. Dann wurden vornehmlich verantwortungslose US-Politiker von der Finanzindustrie bestochen, um diese Regeln zu kippen, mit der Folge, dass seitdem mit allen Tricks mit dem kurzfristigen Zwang zu essen, dem nun einmal alle Menschen unterliegen, erpresserische Geschäfte getätigt werden und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Die Schwächsten können nicht mehr mithalten und bleiben dabei als erste auf der Strecke-irgendwann in Form von Millionen Hungertoten. Das ist eine der widerlichsten Seiten dieser Wallstreet-Finanzakrobaten und kann die ganze Weltgemeinschaft aus den Angeln heben, wenn dieses Pack nicht endlich gestoppt wird!

    5 Leserempfehlungen
    • Neon
    • 24. Oktober 2011 18:25 Uhr

    Die globale Bevoelkerungsexplosion ist Realitaet, demnachst 10 Milliarden und in absehrbarer Zukunft auch 20 Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde. Wenn die sozialen Hintergrundbilder von Filmen wie "Running Man" oder "Total Recall" nicht Realitaet werden sollen, dann muss die Menschheit radikal umdenken. Urspruenglicher Kapitalismus ist so wenig zielfuehrend wie Diktaturen jedweder Art, die Disktatur des Mittelmaszes eingeschlossen. Die demokratische Politik heutiger Praegung laesst ebenfalls kaum eine Gelegenheit aus, ihre Unfaehigkeit unter Beweis zu stellen. Einzig wahr scheint die Aussage: Wachstum muss enden !

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    In Ihrem Kommentar beziehen sie sich nur auf das Bevoelkerungswachstum. Das ist in Europa schon am Ende.
    Was schlagen sie vor um in der 3. Welt die Bevoelkerung
    nicht weiter wachsen zu lassen? Eine wachsende Nahrungs-
    mittelproduktion, die durchaus moeglich ist, wuerde ein
    weiteres Bevoelkerungswachstum ermoeglich und bei steigendem
    Wohlstand wuerde sich beides voraussichtlich einpendeln.
    Was meinen Sie, sollte die Politik bewirken und wie?

  3. Alles was der Mensch unabdingbar zum Leben braucht, darf nicht in Spekulationen aufgenommen werden.

    Dazu gehören erst mal:

    Boden, Luft und Wasser.
    Heute muss man die Energie dazuzählen.
    Weiterhin darf natürlich mit Lebensmitteln nicht spekuliert werden.
    Weil Lebensmittel die Grundvoraussetzung für das Leben sind.

    Frontal 21 brachte letzte Woche dazu auch eine Dokumentation und wies daraufhin, dass die Spekulation mit Lebensmitteln in früheren Jahrhunderten teilweise bei Todesstrafe verboten gewesen sei.

    So weit würde ich natürlich nicht gehen:
    Es reicht aus, wenn die genannten Spekulationsbereiche radikal verboten werden.
    Da das aber nicht geschehen wird, gibt es nur einen Weg:

    Direkte Demokratie

    und dann entscheidet das Volk, wie hier verfahren werden soll.

    Nur:

    Wenn man der Bürger, das Volk all dem nur zuschaut, ändert sich auch bis zum Jahre 3000 nichts.

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    wo gab es im 20. Jh. die grossen Hungersnoete in Europa -
    in Russland zur Zeit der Kolchosen etc! Was wollen Sie konkret tun - den Bauern die Preise vorgeben zu denen die
    verkaufen duerfen? Wenn diese Preise nicht interessant sind,
    schaffen sie ab sofort einen Schwarzmarkt - ein Teil wird
    zum offiziellen Preis verkauft - ein Teil teurer schwarz.
    Hab ich alles schon erlebt. Aber in Europa gibt es das Problem ja gar nicht. In Afrika muss einfach mehr produziert
    werden - Afrika kann fuer die doppelte Bevoelkerung produzieren. Und wenn produziert wird, ist auch Geld da.

    • this.
    • 24. Oktober 2011 19:10 Uhr

    Funktioniert am besten bzw nur wenn man den Dingen einen Preis gibt. Und die Preisfindung ist nirgendwo effizienter als in der freien Marktwirtschaft!

    • IPJ
    • 24. Oktober 2011 20:11 Uhr

    Gratulation, da beziehen Sie ja exakt Deutsche-Bank-Chef Ackermanns Position, wie aus dem verlinkten FTD-Artikel zu diesem Thema ersichtlich ist:

    http://www.ftd.de/unterne...
    _______

    Es gibt aktuell auch eine Foodwatch-Initiative gegen die Rohstoff- und insbesondere Nahrungsmittelspekulation:

    http://foodwatch.de/e10/e...

    Und hier kann man sich, wenn man möchte, durch das Senden einer E-mail an Ackermann höchstpersönlich an der Foodwatch-Initiative beteiligen:

    http://foodwatch.de/e10/e...

    Apropos Banken: Die im Artikel genannte Barclays Bank in London soll zu den 147 großen Zampanos im globalen Netzwerk von Konzernen und Unternehmen gehören, die laut einer ETH-Studie den Großteil der übrigen Wirtschaft (ca. 40 %) weltweit kontrollieren. Barclays scheint dabei die dickste "Spinne" im Netz zu sein. Der schweizer Tagesanzeiger hat über diese Studie berichtet:

    http://www.tagesanzeiger....

    Gruß
    Janna

    4 Leserempfehlungen
  4. soll mal in den eigenen Geschichtsbüchern blättern.

    Schon vergessen ?

    Der Auslöser für die Französische Revolution war der Hunger. Und zwar nur der Hunger. Sonst nichts.

    3 Leserempfehlungen
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    Und inwiefern ist jetzt "Der Franzose" dafür verantwortlich, wogegen er heute, 200 Jahre später, erneut auftritt? Ihre Logik ist mir fremd...

    Meine E-Mail haben Sie erhalten ?

    Erinnern Sie sich noch ? 1971 - Biafra -

    Die Provinz Biafra wollte in die Unabhängigkeit. Nigeria hatte über die Weltbank immense Staatsschulden und stand bei Frankreich ganz dick in der Kreide.

    Zum Begleichen der Schuld verpfändete Nigeria die Getreidebestände des Landes an die Bank um die Schuld einzulösen.

    Was kam davon bei uns an ? Die Fotos der hungernden und sterbenden Kinder.

  5. ...wenn man bedenkt, dass die Weltbevölkerung in den selbigen 10 Jahren um etwas 1 Milliarde(!) Menschen gewachsen ist, und zwar ganz überwiegend in ohnehin armen Ländern, erscheint es mir einigermaßen blauäugig zu erwarten, dass sich die Nahrungsmittelpreise auf gleichem Niveau bewegen. Mit oder ohne Spekulanten.

    Da wir gleichzeitig dazu übergehen, immer mehr Fläche für "Energiepflamzen" zu verwenden und ein immer größerer Teil der Weltbevölkerung immer mehr Fleisch pro Kopf verzehren will, ist diese Entwicklung doch fast zwingend.

    3 Leserempfehlungen
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    • IPJ
    • 24. Oktober 2011 20:11 Uhr

    Gratulation, da beziehen Sie ja exakt Deutsche-Bank-Chef Ackermanns Position, wie aus dem verlinkten FTD-Artikel zu diesem Thema ersichtlich ist:

    http://www.ftd.de/unterne...
    _______

    Es gibt aktuell auch eine Foodwatch-Initiative gegen die Rohstoff- und insbesondere Nahrungsmittelspekulation:

    http://foodwatch.de/e10/e...

    Und hier kann man sich, wenn man möchte, durch das Senden einer E-mail an Ackermann höchstpersönlich an der Foodwatch-Initiative beteiligen:

    http://foodwatch.de/e10/e...

    Apropos Banken: Die im Artikel genannte Barclays Bank in London soll zu den 147 großen Zampanos im globalen Netzwerk von Konzernen und Unternehmen gehören, die laut einer ETH-Studie den Großteil der übrigen Wirtschaft (ca. 40 %) weltweit kontrollieren. Barclays scheint dabei die dickste "Spinne" im Netz zu sein. Der schweizer Tagesanzeiger hat über diese Studie berichtet:

    http://www.tagesanzeiger....

    Gruß
    Janna

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