Verkehrsstau in Peking, China © Larry Downing/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Nair, Sie lieben die Provokation: Asiens Regierungen sollen ihren Bürgern das Autofahren verbieten. Damit machen Sie sich beliebt.

Chandran Nair: Aber es gibt keinen anderen Weg. Wir leben im 21. Jahrhundert und es wird das Jahrhundert der Ressourcenknappheit und des Klimawandels sein. Es hätte katastrophale Auswirkungen für das Klima und den Umgang mit knappen Ressourcen, wenn wir ähnliche Autozahlen hätten wie der Westen.

ZEIT ONLINE: Aber noch spielt das Weltklima kaum eine Rolle, wenn es um den individuellen Wunsch nach einem Auto geht. Warum sollte das in Asien anders laufen?

Nair: Weil die Regierungen ehrlicher mit den Menschen umgehen. Wir müssen aufgeben, den Leuten vorzuspielen, dass wir alle ein Auto haben können. Wir können einfach nicht alle gleich viel konsumieren – auch wenn uns das der Westen zwei Jahrhunderte lang eingetrichtert hat. Es ist unmoralisch, das permanent zu behaupten.

ZEIT ONLINE: Warum genau?

Nair: Wenn wir wie der Westen die Wünsche des Individuums über die der Gemeinschaft stellen, erleidet die Weltgemeinschaft einen enormen Schaden, wie etwa die Klimaerwärmung. Asien darf nicht darauf warten, dass der Westen eine Lösung für die aktuellen Probleme hat – egal, ob Finanzkrise oder Klimawandel. Wir brauchen hier in Asien eigene Ideen.


ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret?

Nair: Regierungen werden zu drastischen Regeln greifen müssen, um öffentliche Güter zu schützen und so einer Mehrheit einen gerechten Zugang zur den Ressourcen zu ermöglichen. Es wird die politische Herausforderungen in diesen Zeiten sein, die Menschen auf Verzicht vorbereiten. Regierungen müssen erklären, warum sie Verbote erteilen, dann verstehen die Menschen das auch.

"In Deutschland gibt es doch auch Waffenverbot."

 
ZEIT ONLINE: Aber muss es gleich ein Autoverbot sein?

Nair: Natürlich gibt es einige ökonomische Instrumente, die wir nutzen können: Benzin stärker besteuern, eine Mautgebühr. Aber am Ende wird das nicht ausreichen. In einigen Bereichen müssen es Verbote sein. Es gibt kein Menschenrecht auf ein Auto.

ZEIT ONLINE: Aber individuelle Kaufentscheidungen zu regeln, ist – zumindest im Westen – ein Tabu.

Nair: Ach, das ist nicht so schwer. Sie haben doch selbst in Deutschland ein Waffenverbot, eine Anschnallpflicht, ein Rauchverbot in öffentlichen Räumen. Regierungen sind sehr wohl handlungsfähig, wenn sie wollen. Und in diesem Fall ist ihr Durchgreifen gerechtfertigt: Schließlich sind sie die einzigen Institutionen, welche die individuellen Interessen von Menschen schützen können. Die Weltbevölkerung wächst gerade auf neun Milliarden Menschen in 2050. Wir müssen jetzt entscheiden, wie wir dann leben wollen.

ZEIT ONLINE: Und was bieten Sie den Menschen anstelle eines Autos?

Nair: Wir müssen den öffentlichen Nahverkehr radikal ausbauen, statt immer auf diesen – entschuldigen Sie – bescheuerten Besitz von Autos zu setzen, die unsere Umwelt zerstören. Hier in Asien müssen wir einfach einsehen, dass wir nicht die gleichen Autobesitz-Zahlen pro Kopf haben werden wie im Westen. Das müssen wir den Leuten einfach sagen: Tut uns leid, das geht nicht in Zeiten des Klimawandels und der Ressourcenknappheit. So einfach ist das.

ZEIT ONLINE: Aber für die meisten Menschen ist das Auto ein Zeichen des Fortschritts.

Nair: Klar, wie brauchen Mobilität. Aber Züge und Busse sind der beste, umweltfreundlichste und ressourcen- und energieschonendste Weg.

ZEIT ONLINE: Für manchen eine schreckliche Aussicht.

Nair: Aber ich will doch nicht zurück ins Mittelalter. Ich sage nur die Wahrheit: Wir sollten den Menschen einfach nicht vorgaukeln, dass wir Autos "grün" machen können.

 "Die grüne Wirtschaft ist komplett übertrieben."

ZEIT ONLINE: Das sieht die deutsche Regierung mit ihrer Elektroauto-Strategie ein bisschen anders.

Nair: Ihre Regierung will eine Million Elektroautos in den kommenden zehn Jahren auf die Straße bringen. Aber das wird einfach nicht passieren. Aktuell gibt es gerade einmal knapp 40.000 Elektro- und Hybridwagen. Und das in Deutschland, der Auto-Nation weltweit. Es ist zurzeit unmöglich, diese Autos im großen Stil zu produzieren.

ZEIT ONLINE: Dann ist auch der Umbau der Wirtschaftssysteme zu einer Green Economy für Sie eine Schnapsidee?

Nair: Ich glaube, die Green Economy ist komplett übertrieben. Das Wort "grün" ist doch schon irreführend und auch nur ein Konstrukt des Westens. Der Anteil der westlichen Bevölkerung an der Weltbevölkerung wird schwinden, langfristig wird der Westen politisch irrelevant. Und zwar, weil die politischen Systeme überdemokratisiert sind. Sie sind ineffizient geworden. Paralysiert, wie etwa zurzeit die USA. Und um dieses Defizit auszugleichen, setzen die westlichen Regierungen darauf, dass zumindest ihre Technologien, freie Märkte und Bürgerbeteiligung die Probleme des Klimawandels lösen.

ZEIT ONLINE: Warum soll das nicht gelingen?

Nair: Ich glaube, die Menschen in Asien haben andere Sorgen: Zugang zu Nahrungsmitteln, zu Wasser und Sanitäranlagen, Wohnen, Gesundheitssysteme und Bildung. Das ist wichtiger als der Wunsch, dass wir alle protestieren können, wann immer wir wollen. Man muss endlich aufhören, die Mär zu erzählen, dass es für das chinesische Volk nichts wichtigeres als Demokratie gibt. Das ist Nonsense.

ZEIT ONLINE: Leicht zu sagen für jemanden, der nicht in China lebt.

Nair: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin ein Demokrat. Aber im Westen wird Demokratie als Grundrecht zum Protest und zur Meinungsfreiheit gesehen. Ich glaube dagegen, es könnte einen typisch asiatischen Umgang mit Klimawandel und Ressourcenknappheit geben.

 "Chinas Regierung kann starke Regulierung durchsetzen."

ZEIT ONLINE: Wie könnte der asiatische Weg aussehen?

Nair: In Japan sind etwa nach dem Tsunami zwei Drittel der mehr als 50 Atomkraftwerke nicht am Netz gewesen. Und trotzdem lief die japanische Wirtschaft weiter.

ZEIT ONLINE: Das funktioniert aber nur, weil die Japaner enorme Opfer bringen, um Energie zu sparen. Sie schalten Klimaanlagen ab, fahren keine Fahrstühle mehr, selbst das Licht bleibt aus.

Nair: Ganz genau. Und das funktioniert auch nur in einem Land mit einer solchen Mentalität. Japaner sind extrem diszipliniert. Das Verrückte ist: Japan ist ja jetzt schon eines der energieeffizientesten Länder der Welt. Der Rest aber von Asien ist von solchen Entwicklungen noch weit entfernt.

ZEIT ONLNE: Die Klimakonferenz in Durban steht vor der Tür. Es wäre doch ein Fortschritt, wenn Asien – und insbesondere China – an einem internationalen Handel mit Emissionszertifikaten teilnehmen würde.

Nair: Ach, der Emissionshandel ist doch auch nur eine Idee des Westens, um seinen Lebensstil weiter verfolgen zu können. Er enthält doch in keinster Weise große Opfer. Indien und China haben ganz andere Möglichkeiten, das Klimaproblem in Griff zu bekommen. Sie sollten einfach zu Hause ihr Energieeinspar-Potenzial realisieren.

ZEIT ONLINE: Und, wer wird da erfolgreicher sein? Das demokratische Indien oder das kommunistische China?

Nair: Natürlich China. Ich sage nur: Die haben das tough government , die starke Regierung, die strenge Regulierungen durchsetzen kann.