Kaffee : Lifestyle, einzeln verpackt

Kaffee aus Portionskapseln boomt. Der Vorreiter Nespresso macht mit seinen Systemen enorme Gewinne. Die Ökobilanz aber ist fragwürdig.
Eine Palette Nespresso-Kapseln © Stan Honda/AFP/Getty Images

Bunte Aluminium-Kapseln strahlen im Licht kleiner Lämpchen. Hinter dem Tresen beraten adrette Verkäufer Nespresso -Kunden beim Kaffee-Kauf: mild oder kräftig? Solide oder edel? In einem abgetrennten Raum trinken Nespresso-Clubmitglieder Espressi, ausweisen müssen sie sich dazu per Clubkarte oder Schlüsselanhänger. Zwei Schritte weiter gibt es Sonnenbrillen von Armani und Dolce & Gabbana.

Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé hat es geschafft, Kaffee aus Aluminium-Kapseln zum Lifestyle-Produkt zu machen. Boutiquen wie die im Berliner Luxus-Kaufhaus KaDeWe gehören ebenso zum Konzept wie die suggerierte Exklusivität – die Kapseln sind nur in den Boutiquen oder im Internet erhältlich, für 35 bis 39 Cent pro Stück. Hollywood-Star George Clooney wirbt für den Kaffee , den Nespresso Grand Cru nennt, eigentlich eine Bezeichnung für teure Weine.

Kapsel-Kaffee passt zum Zeitgeist

Das Konzept geht auf: Nespresso verzeichnete im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben einen Umsatz von drei Milliarden Schweizer Franken und ein organisches Wachstum von mehr als 20 Prozent. Das Unternehmen ist in mehr als 50 Ländern präsent. Pro Minute seien weltweit 12.300 Tassen Nespresso-Kaffee getrunken worden, so die Firma, 2.300 mehr als noch 2009. Portionierter Kaffee passt gut zum Zeitgeist, zum Single-Leben und dem schnellen Koffein-Kick zwischendurch. In Frankreich und der Schweiz vertreibt Nestlé sogar schon Tee aus Kapseln .

Das Problem: Durch die Systeme entsteht Müll, der nicht entstehen müsste. Umweltverbände kritisieren das vehement. "Genau so darf man eine Produkteinführung nicht machen", sagt etwa Benjamin Bongardt, Abfallexperte beim Naturschutzbund (Nabu). Rund 1,13 Gramm Aluminium fallen pro Kapsel laut Öko-Institut an; verrechnet man das mit den Angaben Nespressos, sind es pro Minute 14 Kilogramm Aluminium – und pro Stunde 834 Kilogramm.

Nespressos Selbstverpflichtungen klingen gut

Geht es um die Ökobilanz seines Produktes, verweist Nespresso – eine eigenständige Firma innerhalb des Nestlé-Konzerns – auf sein 2009 gestartetes Programm " Ecolaboration ". Dessen Ziele klingen gut: Die Firma verpflichtete sich, bis 2013 die CO2-Emissionen pro Tasse um 20 Prozent zu verringern und 80 Prozent des Kaffees aus dem hauseigenen " AAA Sustainable Quality Program " zu beziehen.

Jenes Programm soll Bauern mit Abnahmegarantien an das Unternehmen binden und ihnen dabei helfen, nachhaltige landwirtschaftliche Verfahren einzuführen. Nespresso arbeitet dafür mit der Rainforest Alliance zusammen. Dem Gütesiegel dieser Umweltorganisation wird vorgeworfen, Produkten den Anschein von Fair Trade zu geben – tatsächlich aber ein Instrument zur Imagepflege der Hersteller zu sein.

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Kommentare

136 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

Eine gebrochene Lanze für Nespresso

1.) Der Espresso ist (wenn man die richtigen "Grand Crus" wählt) recht gut; besser als alle Vollautomaten, besser als beim Italiener; besser als in den meisten Cafés. Natürlich geht es noch besser, aber nicht ohne größere Investitionen und hohen Aufwand; und der Kaffee den man dafür kaufen müsste, ist auch nicht billig.

2.) Die Maschinen sind extrem billig (ab effektiv 50 €), hochwertig und langlebig (meine hält jetzt >6 Jahre).

3.) Der Wartungsaufwand für die Maschinen ist minimal (2x im Jahr entkalken — das war's). Man vergleiche das mit dem Vollautomaten.

4.) Es gibt biologisch abbaubare Kapseln von Drittherstellern. In Frankreich kann man die im Supermarkt kaufen. Dass es sie in D noch nicht gibt, liegt vermutlich auch wieder an patentrechtlichen o.ä. Vorschriften, die nur die Hersteller und nicht den Konsumenten schützen.

5.) Es ist Aufgabe der Recyclingfirmen sich an den Müll der Kunden anzupassen, nicht umgekehrt. Automatisiert Metall herauszufiltern dürfte ziemlich einfach sein. Klar, dem staatlichen Monopolisten Duales System passt das nicht, man müsste ja investieren...

Hmnuja...

Für Espresso ziehe ich es vor, auszugehen und ihn aus der Maschine der Bar meines Vertrauens zu trinken. Für den Cappuccino zuhause tut es nach meiner Erfahrung eine Edelstahl-Maccinetta für den Herd - meine stammt aus einem italienischen Supermarkt und kostete nicht mehr als den Gegenwert von 10€. Sie tut ihren Dienst bereits seit knapp 30 Jahren, einzige Verbrauchsartikel dabei sind gelegentlich ein neuer Dichtungsring und Essigessenz zum Entkalken.

Die NoName-Kaffeemaschine befülle ich mit dem besten Espresso der Welt, nämlich Blendó von Five Elephants, einer kleinen, sensationell guten Kaffeerösterei im wunderbaren Kreuzberg, ein paar Besucherbewertungen http://www.beanhunter.com... Deren verschiedene Kaffeesorten sind fast alle ökologisch angebaut und alle fair gehandelt - ohne Zertifizierungen, die die Produzenten viel Geld kosten.

In Hamburg gibt es El Rojito, von denen empfehle ich den Flor de Café, zertifiziert ökologisch angebaut, fair gehandelt. Beide kosten etwas weniger als LavazzaSegafredoetc., die dagegen sehr traurige Plörre sind. Beide verschicken ihren Kaffee auch.

Ich hoffe, das fällt jetzt nicht unter Schleichwerbung und wird gelöscht - aber Nestlé sollte meiner Meinung nach etwas Besseres UND Leckerererereres entgegen gesetzt werden. Allein schon für deren Umgang mit Trinkwasser in Ländern, wo es nicht aus dem Hahn kommt.

Einfach eine Sauerei

> 2.) Die Maschinen sind extrem billig 
> (ab effektiv 50 €), hochwertig und 
> langlebig (meine hält jetzt >6 Jahre).

Ja, stimmt. Wenn man sie nicht benutzt, sind die Maschinen 'ne tolle Anschaffung. 

Sowie man sie benutzt, wird's halt unverhältnissmässig teuer. Gleiche Strategie wie die, die Druckerhersteller fahren. Auch da ist der Drucker selber spottbillig (d.h. quersubventioniert), die Druckerpatronen aber unglaublich teuer. So wie man beim freundlichen Dealer um die Ecke Injektionsnadeln wahrscheinlich auch sehr billig bekommen wird.

> 5.) Es ist Aufgabe der Recyclingfirmen sich
>  an den Müll der Kunden anzupassen, nicht umgekehrt. 

Wie im Artikel schon (leider nur schwach) angedeutet, ist Recycling keine Lösung. Das lindert das Problem zwar, ändert aber nix daran, dass grosse Mengen Primäraluminium hergestellt werden müssen. Und nach dem Abbau von Uran gibt's wirklich keinen Umwelt- und Menschen-verachtenderen Bergbau.

Nö, diese Kapseln sind einfach aus jeder denkbaren Perspektive eine Sauerei. Traurig, dass so viele Menschen 'drauf reinfallen, bzw. zu gleichgültig sind.

Tja, also ich kenne leider...

... keine Bar, wo man Espresso bekommt, der ähnlich gut oder besser ist als Nespresso. Gut ich lebe in Paris, hier ist Espresso generell ein Problem; aber als ich noch in Süddeutschland lebte war's auch nicht besser.

Eine Maccinetta produziert halt leider keinen Espresso, sie hat nicht den nötigen Druck (natürlich ist der Kaffee daraus besser als aus der normalen Kaffeemaschine).

Also...

... Nespressokapseln kosten (je nach Sorte) um die 35 Cent.

Vergleichbar guter Espresso als Bohne kostet rund 30 € pro Kilo. Bei 7g pro Tasse macht das 142 Tassen pro Kilo, und damit 21 Cent.

Der Preisunterschied ist also marginal, macht bei mir vielleicht 10 € im Monat aus, über die 6 Jahre meiner Maschine also 720 €. Dafür würde ich vielleicht einen der billigsten Vollautomaten kaufen können.

Meine Eltern habe ich der Zeit drei (wesentlich teurere) Vollautomaten von Krups, Saeco und Jura "durchgebracht"; und deren Kaffeeverbrauch ist da noch gar nicht eingerechnet. Da gibt es also kein Sparpotential.

Mit einem Siebträger könnte ich wohl ein bißchen was sparen; aber der höhere Komfort ist mir den Aufpreis wert.

Wie gesagt, es gibt bereits abbaubare Kapseln.

Fair Trade Zertifikate

Sie haben Recht damit, dass eine Fair-Trade Zertifizierung für Kleinbauern nicht bezahlbar ist. Aber das passiert in der Realität ja auch nicht. Zertifiziert werden die Kooperativen und Einkaufsgemeinschaften, die den Kleinbauern eine feste Abnahmemenge und einen Preis über dem üblichen Marktniveau garantieren.
Ein Engagement von Nestle in dem Bereich (übrigens auch bei Kakao, in dem Geschäft ist Nestle ja noch viel aktiver) kann ich leider nicht erkennen.

Und die Ökobilanz dieser Nespresso-Produkte würde auch fair gehandelter Kaffee nicht verbessern. Dazu müsste sich Nestle zumindest in Bezug auf Bauxit-Abbau und -verhüttung für faire Bedingungen engagieren. Aber davon hört man leider nichts.

Trotzdem am Ziel vorbei

In vielen Kooperativen sind die leitenden Personen kaum in der Lage zu schreiben. Fragen nach dem Ertrag des laufenden Jahres können nicht beantwortet werden. Diese Ärmsten unter den Kooperativen werden im Zertifizierungssystem nicht erreicht. Diejenigen die teilhaben, haben oft auch andere Wege einen guten Preis zu erziehlen, bsw Qualität.
Da die Bauern im Fair Trade System oft einen festen Preis bekommen verlieren sie jeden Anreiz ihre Kulturpraktiken so zu gestalten, dass der Kaffee von hoher Qualität ist. Sie werden zur Nachlässigkeit erzogen.
Leider ist FairTrade zZ der am Besten gangbare Weg für die breite Masse des Kaffees um dem Konsumenten etwas Bewusstsein beizubringen.
Ich empfehle: Kaffee höchster Qualität kaufen. Der kostet nicht so viel, das man sich das nicht leisten kann. Qualitätskaffee lässt sich jedoch nur unter ökologisch Nachhaltigen Bedingungen in Handarbeit produzieren. Gleichzeitig garantiert der in der Direktvermarktung erziehlte hohe Preis ein gutes Einkommen.
Und mehr Stil hat es auch.

@104 MyBaum

Ja - extrem eindrucksvoll und extrem schockierend. Die im Film angebotenen Lösungen lenken aber wieder mal von der eigentlichen Ursache des Problems ab:

Wir wollen Kaffee. Und wir wollen ihn billig. Eine langfristige Lösung für diese Menschen wäre: öffentliche Aufklärung wie diese hier, mittels solcher Filme und dann:

Angemessene Löhne, die monatlich gezahlt werden und nicht nur einmal im Jahr (was mich wirklich geradezu EMPÖRT).

Klare Finanztransaktionen, damit die, die produzieren, bzw. anbauen und ernten auch ihr Geld bekommen und nicht die Zwischenhändler.

Konsequenter Boykott von Kaffee-Riesen wie Jacobs et al.