Längst liegt die Dunkelheit über der Stadt, doch noch immer wummern die Bässe der Trommler durch Downtown Manhattan. Dutzende Polizeiwagen und Hunderte Beamte blockieren die Straßen. Es ist kaum ein Durchkommen, die Menschen drängen sich auf den Bürgersteigen. Ein Meer aus Rufen und Schildern, mit denen sie ihrem Ärger Luft machen. Reguliert die Wall Street jetzt, die Krise ist kapitalistisch, ihr seht Chaos, wir sehen Demokratie. Es ist ein Festival der Frustration, das an diesem Abend in New York gefeiert wird – und es scheint, als feiere die ganze Stadt mit.

Was im Juli mit dem Aufruf eines kleinen linken kanadischen Magazins begonnen hatte, hat sich längst zu einem größerem Protest entwickelt. Hunderte, oft Tausende, versammeln sich inzwischen jeden Tag rund um den Zuccotti-Platz, nur wenige Minuten von der Wall Street entfernt. Die großen Gewerkschaften haben ihre Solidarität mit den Protestlern erklärt, prominente Schauspieler besuchen die jungen Menschen in ihrem provisorischen Lager. Rund um den Platz stehen die Übertragungswagen der großen Fernsehstationen des Landes. Über das Internet verbreitet sich die Botschaft aus dem Finanzdistrikt New Yorks in das ganze Land. In San Francisco, Boston oder Chicago haben die Protestler die Gebiete rund um die Bankentürme besiedelt.



Neben der Website Occupywallstreet.org gibt es längst eine Dachorganisation: Occupy Everything – besetzt alles. "Die Frustration im Land ist riesig und sie geht über Parteigrenzen hinweg", sagt Bill Galston, Politikexperte beim liberalen Thinktank Brookings Institute und ehemaliger Berater von Ex-Präsident Bill Clinton. 81 Prozent der Amerikaner sind einer Umfrage des Gallup-Institutes unzufrieden mit der Art, wie ihr Land regiert wird, das Vertrauen in Washington ist auf einem Rekordtief. Wurden die Proteste in New York von US-Medien anfangs belächelt, tauchen inzwischen immer öfter Vergleiche zur Arbeiterbewegung der dreißiger Jahre und den Bürgerrechtskämpfen in den Sechzigern auf.

Zu voreilig, meint Galston. "Die große Frage ist, ob die Proteste die Leute tatsächlich dauerhaft mobilisieren können." Es sei eine Sache, den Bankern an der Wall Street Gier vorzuwerfen. "Daraus eine politische Agenda zu machen, ist etwas ganz anderes." Wie schwer das ist, zeigt das Beispiel der Coffee Party. 2010 sollte die Bewegung die linke Antwort auf die Tea Party sein. Heute verliert sie sich in über 500 Organisationen, die Forderungen sind kaum auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Die Demonstranten an der Wall Street lehnen den Vergleich ab. "Die Gruppe sieht ein, dass es bislang keine eindeutige Forderung gibt", sagt Mike Konczal vom linksliberalen Roosevelt Institute. Man befinde sich derzeit in einem Prozess, im Laufe dessen sich die Kernforderung herauskristallisieren werde.

Viele erinnert die lose Bewegung am Zuccotti-Platz an die Anfänge der konservativen Bewegung vor zwei Jahren. "Erleben wir gerade die Entstehung einer linken Tea Party?", fragte vor wenigen Tagen das Time Magazine . Als die Bewegung im Frühjahr 2009 begann, sagt Bill Galston, habe kaum jemand im Land gewusst, was er davon halten soll. Mal trafen sich die Anhänger in historischer Verkleidung in Seattle, um gegen das Konjunkturpaket von Präsident Obama zu demonstrieren, mal in Washington, um gegen die Gesundheitsreform auf die Straße zu gehen. "Bald merkten viele: Es ist nur die Spitze des Eisbergs."