Nach dem Reaktorunglück von Fukushima scheuten Europas Regierungschefs nicht die großen Worte. Eine "umfassende und transparente Risikobewertung" der Meiler in der EU verlangten sie von der Europäischen Kommission. Günther Oettinger, EU-Kommissar für Energiepolitik, nahm den Arbeitsauftrag gerne an, sprach von einer "Neubewertung der Risiken". Die Sicherheit der Atomkraftanlagen habe schließlich "absolute Priorität".

Die EU-Kommission hat nun einen Zwischenbericht vorgelegt, die endgültigen Ergebnisse werden Anfang 2012 erwartet. Konkrete Aussagen zur Sicherheit einzelner AKWs sind in dem Bericht nicht zu finden – stattdessen Allgemeinplätze: Alle 14 Staaten der EU, die Atomenergie nutzen, würden an dem Test teilnehmen, außerdem Litauen, das einen Reaktor abrüstet, die Schweiz und die Ukraine. Insgesamt gibt es in der EU 143 Meiler.

Oettinger ist zufrieden mit den ersten Ergebnissen, die Prüfung käme gut voran. "Die Stresstests sind für unsere Bemühungen um eine Verbesserung der kerntechnischen Sicherheit und der Gefahrenabwehr im Nuklearbereich in Europa von entscheidender Bedeutung", sagt er. "Wir akzeptieren nur die höchsten technischen Standards."

Fachleute teilen dagegen Oettingers positive Einschätzung nicht. Sie halten den Stresstest für eine Alibi-Veranstaltung. Die Grünen im EU-Parlament haben eine Studie in Auftrag gegeben, wie sinnvoll der Test und die Kriterien sind. Autor Wolfgang Renneberg, bis 2009 Abteilungsleiter Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, kommt zu dem Schluss, dass der Stresstest keine angemessene Sicherheitsüberprüfung ist. "Dieser Stresstest wird am Ende nichts darüber aussagen, wie sicher die Atomkraftwerke in der EU sind."

Renneberg kritisiert, dass die Kriterien unvollständig und nicht anspruchsvoll genug seien. Die europäischen Atomaufsichtsbehörden wollen mit ihnen bewerten, was im Fall eines Erdbebens, einer Flutung der Anlage oder bei einem kompletten Stromausfall passiere – so, wie es in Fukushima passiert ist. Das aber reiche nicht aus, so Renneberg. So bewerte die Kommission etwa die Gefahren nicht, die von menschlichem Versagen ausgingen. Auch das Alter der Anlage und der Zustand des Materials, leckende Ventile oder Pumpen spielten keine Rolle.

Der Test bewerte nur, was nach einem Unfall passiere – aber nicht, wie gut die Anlage ausgestattet sei, um Unglücksfälle zu verhindern. Auch wenn die Kommission betonen würde, dass Flugzeugabstürze und Terrorattacken geprüft würden – in dem Kriterienkatalog würden diese Szenarien nicht auftauchen.