EuropaBelgien - handlungsunfähig in der Krise

Belgien hat gleich zwei Probleme: Die hohe Verschuldung lässt die Anleihezinsen steigen. Doch um ein Sparprogramm zu verabschieden, fehlt immer noch eine Regierung.

In der Euro-Krise gerät mittlerweile auch ein bislang eher wenig beachtetes Land in den Fokus: Belgien. Die Zinsen für belgische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit stiegen in dieser Woche zeitweise auf fünf Prozent. Der so genannte Spread, also die Differenz zu vergleichbaren deutschen Anleihen, lag bei über drei Prozent. "Eine sehr gefährliche Situation", warnte Premierminister Yves Leterme. Ein Anleihehändler brachte es auf den Punkt: "Es ist dramatisch. Niemand will mehr Staatsanleihen kaufen. Wir sehen in Belgien nun, was Spanien und Italien seit Monaten erleben." Sein Fazit: "Es herrscht Angst."

Schon seit längerem gilt Belgien als möglicher Kandidat für ein Übergreifen der Schuldenkrise auf den Kern der Union. Die Schuldenquote ist mit 97 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach Griechenland und Italien die dritthöchste der EU. 2007 lag sie noch bei 84 Prozent. Verantwortlich für den rapiden Sprung in den vergangenen Jahren ist unter anderem die Rettung der drei Großbanken KBC, Dexia und Fortis sowie des Versicherers Ethias, die zusammen mit gut 20 Milliarden Euro zu Buche schlugen. Dem Land droht zudem eine Herabstufung durch die Rating-Agentur Standard & Poor's, die das Land bereits vor einigen Monaten mit einem negativen Ausblick belegt hat.

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Zur der hohen Verschuldung kommt hinzu, dass Belgien immer noch keinen Haushalt für das kommende Jahr vorlegen kann. Seit Wochen tüftelt die angehende Sechs-Parteien-Koalition unter dem designierten Premierminister Elio Di Rupo (Parti Socialiste) an einem Entwurf. Die geplanten Einsparungen in Höhe von elf Milliarden Euro erweisen sich dabei als eine der größten Hürden.

Aber nicht allein die Gläubiger erwarten nun endlich eine handlungsfähige Regierung in Brüssel, um ein Sparprogramm zu verabschieden. Auch die EU- Kommission mahnte diese Woche erneut zur Eile. Die belgische Wirtschaftszeitung De Tijd brachte bereits ein Bußgeld von 708 Millionen Euro ins Spiel, das Belgien droht, wenn das Land bis Mitte Dezember keinen Haushaltsplan vorlegen kann.

Yves Leterme, inzwischen seit anderthalb Jahren kommissarisch als Premier im Amt, kündigte daher unlängst an, notfalls sein Übergangskabinett einen Etat aufstellen zu lassen. Doch selbst wenn der Kompromiss in der verbleibenden Zeit gelingt, stehen der neuen Regierung unruhige Zeiten bevor. Zu Wochenbeginn demonstrierten in Brüssel 6.000 Gewerkschafter gegen bevorstehende Einsparungen.

Wenn sich diese zu Lasten der Arbeitnehmer, Arbeitslosen oder Leistungsempfänger auswirken sollten, kündigten sie für Anfang Dezember weitere Großdemonstrationen und einen landesweiten Streiktag vor der Weihnachtspause an. Sie forderten, die Haushaltslöcher durch Bestrafung von Steuerbetrug und Vermögensabgaben zu stopfen.

Charakteristisch an der Situation in Belgien ist die Verknüpfung eines genuin wirtschaftlichen mit einem politischen Problem – was sich in Zeiten ebenso nervöser wie unvorhersehbarer Finanzmärkte fatal auswirken kann. Dass Belgien irgendwann unter den Rettungsschirm der EU flüchten muss, zieht in Belgien jedoch niemand wirklich in Betracht. Premierminister Yves Leterme betonte, Belgien gehöre nicht zur so genannten PIIGS- Gruppe. Experten sehen das ähnlich: "Wir haben keine 20 Prozent Arbeitslosigkeit, und die Wirtschaft läuft besser“, sagt Vincent Juvyns, Analyst bei der ING. Im laufenden Jahr wird das exportstarke Land immerhin um 1,7 Prozent wachsen. 

Die Entwicklung der Anleihezinsen sprechen indes eine andere Sprache.

 
Leserkommentare
  1. las ich nicht heute morgen im Strang "5% Hürde kippt im Bundestag" dass man nach Belgien schauen sollte, da würde es ja auch ohne Hürde klappen?
    Jetzt muss ich lesen, dass Belgien auch über ein Jahr nach der Wahl noch keine Regierung zustande gebracht hat, weil sich alle um Kolitionen fetzen. Bravo sage ich da. Liebe ZEIT Leser, lesen Sie sich den obigen Beitrag gut durch, das wird auch auf die Bundesrepublik zukommen, sollte die 5% Hürde für den Bundestag gekippt werden.

    Eine Leserempfehlung
  2. ...sie dürfen ohne Regierung auskommen. Die Staatsverschuldung war bei denen doch schon vorher so hoch, hätten sie von Anfang an keine Regierung gehabt, hätten sich diese Schulden gar nicht erst aufgetürmt. Ich hätte auch lieber statt Frau Merkel lieber für acht Jahre in einem Land ohne Regierung gelebt, was wär uns nicht alles erspart geblieben.

    3 Leserempfehlungen
  3. Welche Mechanismen soll es in Euroland geben, um zu verhindern dass zukünftig die unterschiedlichsten innenpolitischen Probleme der Teilnehmerstaaten wieder auf das Gesamtsystem durchschlagen? Und damit wieder alle, auch diejenigen die selbst gar keine größeren Probleme geschafft haben, an den Rand des Abgrunds bringen?
    Natürlich gibt es solche Mechanismen nicht.
    Ethnische Spannungen wie in Belgien, Ultra-Nationalisten in Ungarn, Rechtspopulisten in den Niederlanden, Witzfiguren in Italien, Betrüger in Regierungsämtern anderswo, man muss sich nur umschauen was so alles in Europa geboten wird. Wer hat die deutsche Bevölkerung solchen Zuständen ausgeliefert? Und behauptet nun das sei die notwendige Voraussetzung für Frieden und Wohlstand? Die 10 Jahren seit Euroeinführung sind das Realeinkommen und die soziale Sicherheit gesunken...

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    Nur hätten sie es wahrscheinlich nicht bemerkt.

    Nur hätten sie es wahrscheinlich nicht bemerkt.

    • Sonate
    • 18.11.2011 um 17:37 Uhr

    Belgien lebe hoch

  4. Nur hätten sie es wahrscheinlich nicht bemerkt.

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