ZEIT ONLINE: Frau Liu, welches Interesse hat China, sich am Euro-Rettungsfonds zu beteiligen?

Olin Liu: Aus Sicht einer Volkswirtin würde ich sagen: Es gibt zwei Motive sich zu beteiligen. Als Rettungsaktion für den Euro oder als reines Investment. China hat ein großes Interesse an einem funktionierenden Euro. Europa ist schließlich der größte Handelspartner Chinas. Aber wenn wir Europa helfen und in europäische Anleihen investieren, muss auch die Aussicht bestehen, dass die Probleme wirklich gelöst werden.

ZEIT ONLINE: China sitzt auf einem enormen Devisenberg. Warum sind die Chinesen so zögerlich?

Liu: In Europa herrscht ein falsches Bild von den Reserven Chinas. Die 3,6 Billionen Dollar sind nicht einfach so frei verfügbar, um zur Rettung Europas eingesetzt werden zu können. Das Geld ist teilweise für viele Jahre angelegt, in US-Staatsanleihen, in japanischen Papieren, aber auch in europäischen. Warum sollen wir umschichten und beispielsweise deutsche Anleihen verkaufen und dafür griechische kaufen? Es ist doch noch nicht einmal sicher, ob wir überhaupt unsere Einlage wieder erhalten würden.

ZEIT ONLINE: Sie könnten US-Anleihen verkaufen und so zugleich ihr Portfolio diversifizieren.

Liu: Amerikanische Anleihen sind zurzeit ein sehr sicherer Hafen. Jedes Mal, wenn sich die Krise in Europa verschärft, wandert Geld aus den Krisenstaaten ab und wird in amerikanische oder deutsche Anleihen investiert. Warum sollten wir anders handeln? Es geht schließlich um unser nationales Sparvermögen, damit müssen wir verantwortlich umgehen.

ZEIT ONLINE: Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der EU?

Liu: Die grundsätzlichen Probleme geht Europa noch immer nicht an. Sie haben zwar eine Währungsunion, aber keine Finanzunion. Jeder Nationalstaat will selbst über seine Finanzpolitik bestimmen. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Die Mitgliedsländer müssen enger und besser zusammenarbeiten – und nationale Souveränität aufgeben.

Hinzu kommen die großen Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland hat in den vergangenen Jahren in dieser Hinsicht viel unternommen, Griechenland hat dagegen deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verloren.

ZEIT ONLINE: Und das heißt?

Liu: Wenn man diese Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone nicht angeht, wird die Krise nie wirklich gelöst.