Das Tabu ist gebrochen. Seit anderthalb Jahren wurde das Ausscheiden eines Mitgliedslandes aus der Euro-Zone von der Politik stets als undenkbar bezeichnet. Die Devise lautete: Griechenland muss gerettet werden, koste es, was es wolle. Nun wird zumindest über die Möglichkeit spekuliert, dass Griechenland sich aus dem Euro verabschieden könnte. In Bankenkreisen werden – natürlich nur vertraulich – Szenarien durchgespielt, welche Konsequenzen sich aus der Einführung einer neuen Drachme für Griechenland, aber auch für die übrigen Euro-Länder, ergeben könnten.

Der Tenor ist allerdings fast ausnahmslos sehr skeptisch, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Formal-juristische Gesichtspunkte, dass es nur eine Austrittsmöglichkeit aus der EU, nicht aber aus dem Euro gebe, kann man getrost vergessen. Die einschlägigen Verträge über die Währungsunion sind schon in vieler Hinsicht (No-bail-out-Klausel, Verbot der Staatsfinanzierung durch die EZB) so eklatant verletzt worden, dass die Frage eines Ausscheidens Griechenlands de jure eine Kleinigkeit wäre. Wo ein politischer Wille ist, ist auch ein Weg. Wenn Griechenland den Euro verlassen will, dann kommt es heraus. 

Natürlich würde das eine Währungsreform in Griechenland zur Folge haben. Alle Buchgeldguthaben wären zu einem Stichtag – der möglichst überraschend kommen müsste – zwangsweise auf die neue Drachme umzustellen. Beim Bargeld wäre der Umtausch nicht zu erzwingen, so dass Euro-Bargeld wohl noch längere Zeit als Parallelwährung umlaufen könnte. Aber das tut es auch in einigen Nicht-Euro-Ländern (Montenegro, Kosovo), ohne dass dort die monetäre Welt zusammenbricht. Das Umtauschverhältnis zwischen neuer Drachme und Euro wäre dabei nicht entscheidend; je nachdem, wie es ausfiele, würden sich in Griechenland neue Preise in der neuen Binnenwährung bilden. Entscheidend wäre allerdings, dass sich der Wechselkurs anschließend flexibel entwickeln könnte. In der Regel wird dabei eine massive Abwertung der Drachme gegenüber dem Euro erwartet.

Geht man hiervon aus, so wäre das allerdings genau die Wirkung, die Griechenland helfen könnte, aus der Wechselkursfalle des Euro herauszukommen. Importe würden teurer, Exporte billiger. Selbst wenn das Land keine nennenswerte Industrie besitzt, würde sich die Wettbewerbssituation in einigen wichtigen Bereichen (landwirtschaftliche Produkte, Tourismus) verbessern. Mittelfristig wäre es auch denkbar, dass sich ausländische Investoren nun eher zu Investitionen in Griechenland entschließen, weil das Land billiger geworden ist. Griechenlands strukturelle Probleme wären damit zwar nicht schlagartig gelöst, aber eher lösbar.

Dass Griechenland bei einem Euro-Austritt schmerzhafte Anpassungsprozesse durchzumachen hätte, ist unbestreitbar. Ob diese aber schlimmer wären als die Fortführung der bisher erzwungenen Sparpolitik, lässt sich durchaus bezweifeln. Bei einem Verbleiben im Euro-Raum würden fortgesetzte Sparpakete – wenn sie überhaupt umgesetzt würden – die Binnenkonjunktur auf Jahre hinaus belasten. Die griechischen Auslandsschulden würden trotz des jüngst in Brüssel vereinbarten Schuldenschnitts weiter ansteigen – das Land wäre permanent auf Hilfen der EU und des IWF angewiesen. Gibt Griechenland den Euro auf, könnte es bei einem denkbaren bank run gewisse vorübergehende Refinanzierungsprobleme im griechischen Bankensystem geben. Katastrophenszenarien von einem Zusammenbruch griechischer Banken, wie sie in der internationalen Bankenszene beschworen werden, vernachlässigen aber, dass die EZB in einem solchen Fall bereitstehen würde, die Banken zu stützen. Auf Hilfe von außen wird Griechenland auch bei einem Euro-Austritt angewiesen sein – aber das ist das Land ebenso bei einem Verbleiben im Euro.