Die Banken in der Eurozone müssen sich aus Mangel an Alternativen so viel Geld bei der Europäischen Zentralbank leihen wie seit zwei Jahren nicht mehr. Börsianern zufolge ist der Kreditmarkt der Banken untereinander – der Interbankenmarkt – derzeit praktisch ausgetrocknet, weil das Misstrauen der Institute infolge der Schuldenkrise zunimmt.

"Der Geldmarkt funktioniert derzeit überhaupt nicht", sagte ein Disponent. "Es ist im Grunde noch schlimmer als zur Zeit der Lehman-Pleite 2008, weil die Staaten nun ebenfalls handlungsunfähig sind. Wir sind sehr besorgt."

178 Banken der Währungsunion forderten am Dienstag deshalb von der EZB 247 Milliarden Euro an – den höchsten Betrag seit Mitte 2009. Analysten hatten mit 220 Milliarden Euro gerechnet. Ursprünglich wollte die EZB sogar 143 Milliarden Euro aus dem Geldmarkt abziehen.

Verstärkt besorgten sich vor allem französische Banken Geld, sagte der Geldmarkthändler. Frankreich hatte zuletzt wachsendes Misstrauen der Finanzmärkte zu spüren bekommen. Die Banken des Landes stehen auch wegen ihres starken Engagements in südeuropäischen Staaten wie Griechenland oder Italien unter besonderer Beobachtung.

"Die EZB ist das Hauptinstrument, mit dem auf dem Geldmarkt noch Transaktionen durchgeführt werden können", sagte IFR-Stratege Divyang Shah. "Das unterstreicht, dass wir nicht nur eine Liquiditätskrise haben, sondern auch zunehmende Sorgen über die Kreditwürdigkeit."

EZB vergibt unbegrenzt Kredite an Banken

Um die Spannungen am Geldmarkt zu bekämpfen, vergibt die EZB unbegrenzt Kredite mit einjähriger Laufzeit an Banken. Diese haben sich bislang mehr als 500 Milliarden Euro von der Zentralbank besorgt. Fast zwei Drittel davon haben sie anschließend wieder bei ihr angelegt. Nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 waren es lediglich ein Drittel.

Europas Banken können sich bei ihrer Refinanzierung auch immer weniger auf die US-Geldmarktfonds verlassen. Diese ziehen mehr und mehr Mittel aus den Instituten diesseits des Atlantiks ab, um nicht selbst in den Strudel der Euro-Schuldenkrise zu geraten, wie eine Studie der Rating-Agentur Fitch zeigt. Demnach reduzierten die zehn größten US-Geldmarktfonds ihr Engagement im Oktober zum Vormonat auf Dollar-Basis um weitere neun Prozent.