Elmar Altvater im Berliner Café Einstein

Ein nebliger Nachmittag in Berlin, das Café Einstein Unter den Linden. Es gibt keinen konkreten Anlass, Elmar Altvater zu interviewen, außer vielleicht, dass in diesem Herbsteine Debatte geführt wird, die Altvater sein ganzes Leben lang begleitet hat: Gibt es eine Alternative zu unserem kapitalistischen System? Altvater, pensionierter Politikprofessor und unermüdlicher Kritiker des Kapitalismus, ist ein hoch gewachsener Mann, an diesem Tag trägt er blaues Hemd und graues Sakko. Er hat zwei Stunden Zeit mitgebracht und ein iPad, auf dem er alles gespeichert hat: die Studien, Papiere und Bücher, die er während des Gesprächs zitieren wird.

ZEIT ONLINE: Sie sind jetzt 73 Jahre alt und haben ihr Leben damit verbracht, den Kapitalismus zu kritisieren. Hat Ihnen das am Ende mehr Freunde oder Feinde eingebracht?

Elmar Altvater: Ich habe heute von beidem weniger. Weniger Freunde, weniger Feinde.

ZEIT ONLINE: Sie haben Freunde verloren?

Altvater: Man verliert immer Freunde, wenn man politische Verbindungen eingeht. Vor allem als ich 2007 in die Linkspartei eintrat, haben sich viele von mir abgewandt. Mit einem Mal wurde ich nicht mehr zu Essen eingeladen, die Leute wollten nichts mehr mit mir zu tun haben. Das musste ich öfter erleben. Aber auch meine Feinde sind weniger geworden. Man wird mit dem Alter für Konkurrenten einfach ungefährlicher.

ZEIT ONLINE: Sie sind seit ihren Studententagen ein hartnäckiger Kritiker des Kapitalismus geblieben. Einige ihrer damaligen Weggefährten haben hingegen ihren Frieden mit dem System gemacht. Joschka Fischer zum Beispiel.

Altvater: Fischer ist ein gnadenloser Opportunist. Ein Wunder, dass er in Deutschland so beliebt ist.

ZEIT ONLINE: Sie selbst sind sich treu geblieben?

Altvater: Ich habe immer versucht, authentisch zu sein. Aber ich habe meine Positionen stets überprüft und geändert. Ich habe es immer richtig gefunden, radikal zu denken – im guten Sinne. Also an die Wurzel des Problems zu gehen.

ZEIT ONLINE: Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher fragt sich mittlerweile , ob die Linke nicht doch vielleicht recht hat. Er schreibt aber auch: Linke Gesellschaftskritik hatte eigentlich "abgewirtschaftet". Wie haben Sie die Jahre bis zur Krise persönlich empfunden?

Altvater: Ich hab nichts anderes erwartet. Als Politologe war ich gewöhnt, marginalisiert zu sein. Ich war der bunte Vogel, zu dem die Leute auf Kongressen freundlich waren, dem man auch mal beipflichtete. Aber wenn es um das harte Geld ging und um Macht, dann wurden zum Beispiel Forschungsprojekte abgeblockt.

ZEIT ONLINE: Sie galten als Gestriger.

Altvater: Ich wurde "Apo-Opa" oder "Traditionsmarxist" genannt. Solche Sprüche haben mich kalt gelassen. Ehrlich getroffen hat mich, dass mir Gelder für Forschungsprojekte vorenthalten wurden. Ich konnte nicht immer so forschen, wie ich wollte. Das hat sich mittlerweile Gott sei Dank geändert.

ZEIT ONLINE: Erfüllt es Sie mit Genugtuung, dass selbst Konservative wie Frank Schirrmacher zugeben, dass die Annahmen der Linken nicht ganz falsch waren?

Altvater: Warum sollte mich das nicht mit Genugtuung erfüllen? Natürlich ist das eine Bestätigung. Andererseits ist mir das aber auch nicht so wichtig. Ich wusste vorher schon, dass meine Analyse der Finanzkrise besser ist als jene von – sagen wir – Hans-Werner Sinn .