Urs Eggenberger kann die Angst sehen. Sie steckt in den Zahlenkolonnen, die seit Wochen schon auf seinem Schreibtisch landen. "Es ist schon eine sonderbare Situation", sagt er.

Eggenberger ist Vizedirektor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, jener Behörde, die in der Schweiz die Staatsschulden des Landes verwaltet. Jede Woche bitten Eggenbergers Leute im Berner Bankenviertel die Investoren zur Auktion: Wer will dem schweizerischen Staat kurzfristig Geld leihen? Drei Monate, sechs Monate, maximal ein Jahr lang. Nie war das ein großes Problem. Die Schweiz gilt als einer der zuverlässigsten Schuldner der Welt. Entsprechend gering waren die Zinsen, die der Staat den Gläubigern zahlen musste.

Mitte August passierte jedoch etwas, das selbst erfahrene Mitarbeiter der Behörde erstaunte: Die Zinsen sanken nicht nur einfach weiter. Sie fielen unter Null , erstmals in der Geschichte der Schweiz. Seither zahlt der Staat nicht mehr dafür, dass er Schulden macht. Er verdient sogar daran.

Rund zehn Millionen Franken, schätzt Eggenberger, wird der Schweizerische Staat dadurch in den kommenden Monaten einnehmen. "Es ist schon schön, dass man Geld aufnehmen kann, und daran auch noch verdient", sagt der Sprecher der Behörde, Philipp Rohr.

Die Anleger verleihen ihr Geld nicht mehr gegen Zinsen, wie sie es fast immer tun. Sie zahlen dafür, dass der Schweizerische Staat ihr Geld nimmt. Am vergangenen Dienstag liehen sie den Schweizer Bürgern 830 Millionen Franken. Zu einem Zinssatz von minus 0,3 Prozent.

Über Nacht hat sich das Verhältnis zwischen Schuldner und Gläubiger in der Schweiz umgekehrt. Wie kann das sein?

Es gibt dafür einen eher harmlosen und einen Besorgnis erregenden Grund.

Der eher harmlose geht so: Mitte August entschied die Schweizerische Zentralbank, dass sie etwas gegen die Schwäche der heimischen Wirtschaft unternehmen muss. Der starke Franken drückte auf die Gewinne der Unternehmen, die Schweizerische Wirtschaft lief langsamer. Die Notenbank entschied, mehr Geld in den Markt zu pumpen.

Die Zentralbank stoppte deshalb ein Programm, bei dem sie Anleihen auf den Markt wirft, um herumfliegendes Geld wieder einzusammeln. Das hatte zur Folge, dass den Anlegern sichere und begehrte Anlagemöglichkeiten in der Schweiz abhanden kamen. Deshalb wichen viele Anleger auf Schweizerische Staatspapiere mit kurzer Laufzeit aus. Die Nachfrage traf auf ein unverändertes Angebot, die Zinsen fielen.

Der andere Grund ist weniger harmlos. Er hat mit Europa zu tun und mit der Angst, die auf dem Kontinent umgeht. "Für viele Anleger ist das Hauptargument die Sicherheit ihres Geldes", sagt der Finanzverwaltungssprecher Rohr. Pensionskassen, Versicherungen, Banken – sie alle suchen einen sicheren Hafen für ihr Geld. Die Schweiz ist solch ein Hafen, aber auf der Welt werden diese Orte immer seltener. Deshalb steigt der Preis für Sicherheit, auch in der Schweiz.